Nachruf:Vitale Neugier

Nachruf: Sebastian Hess (links) im Duo mit Johannes Umbreit am Klavier bei den Holzhauser Musiktagen.

Sebastian Hess (links) im Duo mit Johannes Umbreit am Klavier bei den Holzhauser Musiktagen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Der exzellente Cellist Sebastian Hess ist überraschend gestorben.

Von Harald Eggebrecht, München

Unglauben, Verstörung, ja, Entsetzen - das sind die ersten Reaktionen auf die Nachricht, dass der großartige Cellist und Freund Sebastian Hess nicht mehr unter den Lebenden weilen soll. Im Mai war er doch gerade erst 50 Jahre alt geworden. Beim letzten Telefongespräch sprühte er wieder vor Tatendrang, und man konnte das erleichterte Aufatmen hören, dass sich der Bann der Corona-Regeln für das Jahr 2020, der gerade die Kultur und besonders Musik und Theater nahezu total ausgebremst hatte, in den letzten Monaten zu lösen begann. Dabei hatte Sebastian Hess nicht geklagt, sondern die Schutzmaßnahmen für notwendig erachtet und sie verteidigt.

Wenn man ihn in seinem Haus oberhalb vom Starnberger See besuchte, konnte man zusehen, mit welchem Vergnügen Sebastian Hess kochte, genüsslich Wein dekantierte und von neuesten Vorhaben und Plänen sprach. Da führte er dann manchmal Instrumente vor, die die größten gebaut hatten, Goffriller oder Stradivari. Er durfte sie testen, und man kam aus dem Staunen über den unterschiedlichen Klangcharakter solcher Wundercelli nicht heraus. Gern aber setzte er zum Vergleich neu gebaute Instrumente dagegen, um auch deren Qualitäten zu zeigen, die ja mit zunehmendem Alter noch wachsen würden.

Oder er blätterte alte Notenmanuskripte im Faksimile auf oder zeigte die frisch entstandene Partitur eines zeitgenössischen Komponisten. Und sofort deutete er auf dem Cello an, was in den alten Noten wohl stecken könnte und was das neue Stück zu bieten habe. Oder er erzählte von seinen Begegnungen mit bedeutenden Komponisten wie Hans Werner Henze, Mikis Theodorakis, Wilhelm Killmayer oder Jörg Widmann oder er schilderte die Erlebnisse mit großen Cellomeistern wie den unvergessenen Bernard Greenhouse und Mstislaw Rostropowitsch. So verwandelte sich die Halle im Haus in Kempfenhausen sogleich in einen Ort der musikalischen Überraschungen und kühnen Planungen und Unternehmungen. Früher hob dann sogar Sebastians Achtung gebietender Hund Rufus den Kopf und hörte seinem Herrn zu. Außerdem war dieser fulminante Musiker auch noch ein leidenschaftlicher, gelernter und praktizierender Pilot, der die Welt auch sehr gut von oben kannte.

Dieser fabelhafte Cellist, am 5. Mai 1971 in München geboren, einst Student bei Julius Berger und Helmar Stiehler und zwischen 1990 und 1994 zum Schülerkreis des bedeutenden englischen Celloprofessors William Pleeth gehörend, zeichnete sich durch einen schlanken, federnden, intensiven Ton aus, durch technische Geschmeidigkeit, melodiösen Sinn und geistige Beweglichkeit. Da grummelte nichts in der Tiefe und schrie nichts in der Höhe. Er wirkte immer wie ein Musiker auf Entdeckungstour, sei es in die Regionen des Barockcellos oder in die Abenteuer diverser neuer Stücke. Wer Sebastian Hess auf dem Podium erlebt hat, weiß, wie prägend und denkwürdig diese Erfahrungen waren: Etwa wenn er mit dem wunderbaren Lautenisten Axel Wolf die bizarr ausdrucksstarke Welt des barocken Würzburger Hofkomponisten Giovanni Benedetto Platti erkundete oder sich den Solosuiten Benjamin Brittens widmete.

Er rückte zu Unrecht in den Hintergrund geratene Komponisten wie Emanuel Moór wieder ins Licht oder den von den Nazis bedrohten Alexandre Tansman. Sofort war Sebastian Hess auch dabei, wenn es darum ging, neue Vermittlungsformen für Musik auszuprobieren, etwa bei den langen SZ-Nächten, wo er nicht nur sein Instrument beispielhaft erklärte, sondern auch über Auftrittsschwierigkeiten sprach oder Fragen zu neuer Musik beantwortete. Oder er lud zu Konzerten, den sogenannten Highlight Classics, in den gut klingenden Konferenzsaal in der Spitze des Turms, den Architekt Helmut Jahn in Nordschwabing errichtet hatte, zu ausgesuchter Kammermusik mit Geigern wie Ingolf Turban oder Benjamin Schmid ein. Sebastian Hess war nicht nur ein höchst origineller und herausragender Cellist, sondern auch ein sein Publikum mit Freundlichkeit und Witz im Nu gewinnender großer Kommunikator.

Dass das alles nun Vergangenheit sein soll, ist unfassbar. Aber Sebastian Hess ist urplötzlich am 1. September gestorben in Folge eines Aneurysmas. Vielleicht tröstet der Gedanke, dass er vielleicht im Jenseits nun Mikis Theodorakis willkommen heißen kann mit dessen ihm gewidmeter Rhapsodie für Cello und Orchester. Sebastian Hess hat sie grandios gespielt.

© SZ/arga
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