Nach der Revolution Der Staat schafft keine Ordnung, die Bürger organisieren sich selbst

Der Krieg und die Krise nivellieren die sozialen Unterschiede. 13 725 Münchner verlieren als Soldaten im Krieg ihr Leben, fast jede Familie ist betroffen - und die meisten vertrauen dem Staat nicht mehr. Es entsteht, was Historiker Geyer eine "Selbsthilfegesellschaft" nennt: Da der Staat nicht länger für Ordnung sorgt, organisieren sich die Münchner selbst, auf Rätekongressen, in Einwohnerwehren - und in Gewerkschaften. Deren Mitgliederzahlen haben sich bis 1919 im Vergleich zum Vorkriegsniveau fast verdreifacht.

In ihrer Not zerlegen Passanten schon mal ein erschossenes Artilleriepferd auf offener Straße vor dem Warenhaus Tietz beim Hauptbahnhof, wie ein Foto vom 11. Mai 1919 zeigt. Das Stadtbild ist geprägt von Tausenden heimgekehrter Soldaten, vielen Invaliden. Hupend kurven sie mit Militärautos herum, reißen Offizieren die Schulterstücke ab. Widerborstigkeit ist die Haltung der Stunde, was Pädagogen wie Josef Hofmiller, konservativer Lehrer am Ludwigsgymnasium, zu spüren bekommen. "Die ganze jüngere Generation ist aus dem seelischen Gleichgewicht gekommen", vermerkt er in seinem Tagebuch über das rebellische Betragen der Schüler.

Brauchtum und Geschichte Zurück zu den Pflichten der Hausfrau
Frauenrechte vor 100 Jahren

Zurück zu den Pflichten der Hausfrau

Trotz Einführung des Wahlrechts und der ersten Gleichstellungsstelle waren Frauen von der Revolution vor 100 Jahren enttäuscht. Über ihre Forderungen wird noch heute gestritten.   Von Julian Hans

Verkehrte Welt auch hier: Trotz der Not herrscht Aufbruchstimmung, eine pazifistisch und republikanisch gestimmte Jugend sieht eine neue Zukunft heraufziehen. Frauen schneiden ihre langen Zöpfe ab, tragen jetzt figurbetonte Kleider. Bei Männern sind die schneidigen Schnauzbärte der wilhelminischen Ära jetzt verpönt. In den ersten Januartagen 1919 stellen die Münchner Neuesten Nachrichten eine "pandemische Tanzseuche" in den Lokalen fest. Fast hysterisch wird gefeiert, "man lebt nur kurz und ist so lange tot", lautet ein Refrain. Oskar Maria Graf, damals Bäckergehilfe, wird später einräumen, dass er in jenen Tagen "Sekt saufen und zu Huren gegangen" sei, während andere für die Revolution gekämpft hätten.

Dazu schwappt eine Flut von Versammlungen über die Stadt, flankiert von Aushängen, Flugblättern. In Bierhallen, auf Betriebsversammlungen, überall wird heftig diskutiert. Wobei die Masse der Münchner kaum Zeit für Politik hat, gilt es doch, dringende Probleme zu regeln. Im Dezember 1918 erfasst die Stadtverwaltung 10 624 Wohnungssuchende; es gibt rund 30 000 Arbeitslose. Den Menschen ist klar, dass sie Zeugen einer Zeitenwende sind, die Verhältnisse auf dem Kopf stehen. Arbeiter und Künstler wie Ernst Toller und Erich Mühsam üben politische Herrschaft aus; ein Volksschullehrer wie Johannes Hoffmann kann Ministerpräsident werden.

Schon kurze Zeit nach der Räterepublik und ihrer blutigen Niederschlagung schauen die Zeitgenossen auf eine irrational anmutende Zeit zurück. Der gegenrevolutionäre Diskurs hat auch in München die vernehmlichste Stimme, sie besagt: Die Revolution sei von Ausländern beziehungsweise Nichtbayern, Juden sowie Literaten gemacht worden. Argumentationshilfe gibt's von ärztlicher Seite, namentlich vom Universitätsprofessor Emil Kraepelin: Der Psychiater diagnostiziert schon im Sommer 1919 eine "hysterische Massenpsychose", erzeugt durch "Kriegsneurotiker", zu denen er ausdrücklich Ernst Toller zählt, eine der "minderwertigen, unfähigen, vielfach auch böswilligen Persönlichkeiten".

Ein gewisser Adolf Hitler sollte das später so oder so ähnlich ebenfalls immer wieder behaupten. Wobei der gescheiterte Putschist und Agitator in der Zeit des Aufschwungs Mitte der Zwanzigerjahre Touristen als kuriose Münchner Gestalt vorgestellt wird. Das Stadtbild von München, so heißt es in einem damaligen Reiseführer, habe ihn, Hitler, verschluckt. "Er ist nur noch ein historisches Exkrement."