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Nachgefragt:Zukunftsfragen an Peter Haimerl

Peter Haimerl am Fuße des Friedensengels. Dass er mit seinen Visionen aneckt, stört den Architekten und Städteplaner nicht. Die Fachzeitschrift Baumeister bezeichnete ihn als „Ausnahmeerscheinung in der deutschen Architekturszene“.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Der Architekt sieht eine Stadt ohne Visionen

Interview von Sabine Reithmaier

Sie stehen am Friedensengel in fünf Jahren und überblicken die Stadt. Was sehen Sie?

Ich sehe eine Stadt, die einmal eine der wichtigsten Kulturstädte in Europa war, in der Kunst und Kultur gefördert wurden und in der im 18. und 19 Jahrhundert städtebauliche Maßstäbe gesetzt wurden.

Ich sehe eine Stadt, die als Entstehungsort und Hauptsitz der nationalsozialistischen Partei eine besondere Rolle im Terrorsystem der NS-Diktatur gespielt hat und immer noch um ihren Umgang mit dieser menschen- und kulturverachtenden Katastrophe ringt.

Ich sehe eine Stadt, die erfolgreich nach dem Krieg auf historischer Substanz wiederaufgebaut wurde und mit den Infrastrukturmaßnahmen und Bauten rund um die Olympischen Spiele visionär agierte. Ich sehe nun eine Stadt, von der leider keine Visionen ausgehen und die selbstgefällig ihren Status Quo feiert.

Wie klingt für Sie die Zukunft?

Ich denke in Bildern und nicht in Tönen. Aber die Zukunft klingt als Stimmung tröstend für mich in dem Lied "Das gewölbte Tor" von Christiane Rösinger an. Sie singt ein Gedicht von Heinrich von Kleist. Es ist pessimistisch und tröstend gleichzeitig: Wenn alles einzustürzen droht, stürzt nichts danieder, weil alles sich im Fallen stützt.

Da ging ich, in mich gekehrt,

durch das gewölbte Tor,

sinnend zurück in die Stadt.

Warum, dachte ich,

sinkt wohl das Gewölbe nicht ein,

da es doch keine Stütze hat?

Es steht, weil alle Steine

auf einmal einstürzen wollen.

Es steht, weil alle Steine

auf einmal einstürzen wollen -

und ich zog aus diesem Gedanken

einen unbeschreiblichen Trost,

der mir bis zum entscheidenden

Augenblick

immer mit der Hoffnung zur Seite stand,

dass auch ich mich halten würde,

wenn alles mich sinken lässt.

Wem sollte in dieser Stadt in fünf Jahren ein Denkmal gesetzt sein? Warum?

Dem einzigen, der in den letzten 60 Jahren visionär gedacht und agiert hat: Hans Joachim Vogel.

In fünf Jahren kommt ein Hollywood-Film namens "Munich" ins Kino. Worum wird es darin gehen?

Vielleicht ist "Munich" das letztes Racheepos von Quentin Tarantino, das in dieser reichen Stadt spielt, in der es sich die Reichen zu bequem gemacht haben und allzu gleichgültig sind. Rache übt ein junger Mann, dessen Eltern mit ihm aufgrund der Immobilienpreise in den Speckgürtel Münchens gezogen sind. Er ist gnadenlos ...

© SZ vom 14.08.2020

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