Nach S-Bahn-Unglück:Menschliches Versagen oder Technik-Fehler?

Lesezeit: 2 min

Im Nebel ist am Samstag nahe Neufahrn eine S1 wegen einer falsch gestellten Weiche auf einen stehenden Zug geprallt - 24 Menschen wurden verletzt. Jetzt suchen die Experten nach der Ursache.

Von Dominik Hutter

Beim Aufprall einer Flughafen-Bahn der Linie S1 auf einen stehenden Zug nahe Neufahrn bei Freising sind am Samstag 24 Menschen verletzt worden, zwei davon mittelschwer. Der Bundesgrenzschutz hat die Ermittlungen aufgenommen. Denkbar sind sowohl technisches als auch menschliches Versagen. Es dürfte sich um eine Verkettung widriger Umstände handeln, denn ein Fehler allein kann einen solchen Crash nicht auslösen.

Zum Zeitpunkt des Unfalls herrschte in Neufahrn dichter Nebel, die Sichtweite lag unter 30 Metern. Die verspätete S1 war wie üblich im Bahnhof Neufahrn geteilt worden. Um kurz vor sieben Uhr rollte der Zugteil Richtung Freising am grünen Ausfahrtsignal vorbei. Aus bislang ungeklärter Ursache war jedoch die Weiche in Fahrtrichtung Flughafen eingestellt - und der Zug bog falsch ab.

Als der Lokführer dies bemerkte, hielt er sofort an - zu früh offenbar, um den Gleiskontakt zu erreichen, der das Neufahrner Ausfahrtsignal auf Rot gestellt hätte. Die Folge: Der Lokführer des zweiten Zugteils fuhr kurze Zeit später auf gewohntem Gleis in Richtung Flughafen los, konnte wegen des Nebels den vor ihm stehenden Zug nicht erkennen und prallte um 6.55 Uhr fast ungebremst mit Tempo50 hinten auf. "Es wurde kein einziges Rotlicht überfahren", sagt BGS-Sprecher Kai Scholl. Die Ermittlungen konzentrieren sich daher auf den falsch eingestellten Fahrweg des ersten Zugteils.

Bei dem Aufprall schob sich der Führerstand des zweiten Zuges um mehrere Meter in das Heck der vorderen S-Bahn. "Aus zwei Führerständen wurde praktisch einer", berichtete ein Augenzeuge der SZ. Der 21-jährige Lokführer des zweiten Zuges sowie ein Fahrgast wurden dabei mittelschwer verletzt - beide wurden in Krankenhäuser gebracht, waren aber nicht in Lebensgefahr.

Weitere 22 Fahrgäste erlitten leichte Verletzungen. Nach BGS-Angaben hätte der Unfall weit schlimmer ausgehen können - vor allem der Lokführer, der aus seinem Abteil herausgeschnitten werden musste, habe trotz allem Glück gehabt. Pech hingegen war der Nebel. "Bei freier Sicht wäre das nicht passiert", versichert Scholl. Die Strecke sei eigentlich gut einsehbar.

Am Unfallort, der etwa 700 Meter nördlich des Bahnhofs Neufahrn liegt, rückten sofort 140 Feuerwehrleute, 65 Rettungskräfte und 22 Experten des technischen Hilfswerks an. 30 Beamte von Polizei und Bundesgrenzschutz übernahmen die Ermittlungen. Der Sachschaden wird auf 1,6 Millionen Euro geschätzt, die beiden Züge des neuen Typs ET 423 sind schwer beschädigt. Mit den beiden S-Bahnen waren insgesamt etwa 100 Fahrgäste unterwegs, die mit Hilfe von Leitern und Tragen aus den Abteilen gebracht wurden.

Der Lokführer des ersten Zuges erlitt einen Schock und konnte bislang nicht vernommen werden. Seine Reaktion, den falsch gelotsten Zug sofort abzubremsen, bezeichnete Scholl als "sehr normal" - nach SZ-Informationen ist dieses Verhalten bei der Bahn sogar vorgeschrieben. "Absolut üblich" ist es laut BGS auch, den für die Fahrwege zuständigen Fahrdienstleiter sofort zu informieren.

Ob ein solcher Kontakt stattgefunden hat, wusste Scholl gestern noch nicht. Es gilt aber als wahrscheinlich, dass keine Zeit mehr war, den Lokführer des zweiten Zugteils zu warnen. Bei der so genannten "Flügelung" der S1 in Neufahrn ist es üblich, den zweiten Zugteil (zum Flughafen) in einem Abstand von nur zwei Minuten zum "Vordermann" (Richtung Freising) starten zu lassen.

Die Bahnstrecke blieb bis in den Abend hinein gesperrt, betroffen war auch der Regionalverkehr Richtung Landshut. Die Fahrgäste mussten in Busse umsteigen.

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