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Harlaching:Klinik-Mitarbeiter warnen vor "personeller Katastrophe"

  • Die RTL-Sendung "Team Wallraff" hat vergangene Woche schwere Vorwürfe gegen das Städtische Klinikum München erhoben.
  • Eine Reporterin, die im Klinikum Harlaching mit versteckter Kamera als angebliche Pflegepraktikantin recherchiert hatte, berichtete von verheerenden Zuständen.
  • Nun hat sich auch das Personal zu Wort gemeldet.

Hygienemängel, defekte Geräte und Patientenbeschimpfung: Nachdem das RTL-Magazin "Team Wallraff" über die Pflege- und Personalsituation am Klinikum Harlaching berichtet hatte, mischen sich nun auch die Beschäftigten in die Debatte ein. Ulrich Heindl, Oberarzt im Notfallzentrum, und Herbert Schneider, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, nutzten die jüngste Sitzung des örtlichen Bezirksausschusses (BA) für eine Stellungnahme, die erheblich vom Standpunkt der Klinikleitung abweicht, zumindest, was die Personalausstattung betrifft.

Während das Klinikum die Darstellung im RTL-Bericht als nicht repräsentativ für den Alltag bezeichnet, stellten sich Heindl und Schneider hinter die Aussagen. Selbst ohne den geplanten Stellenabbau und die Millioneneinsparungen sei der Druck unerträglich.

"Wir steuern personell auf eine Katastrophe zu", warnte Schneider. Auch wenn die ausfällig gewordenen Mitarbeiter das Klinikum inzwischen verlassen hätten, führe ein Berg nicht abbaubarer Überstunden nun mal bei fast jedem Beschäftigten zu "emotionalen Belastungen", erklärte er. Indem sie dem Personalschlüssel die Bettenzahl zugrunde legten, führten offizielle Statistiken seiner Erfahrung nach in die Irre.

Die durchschnittliche Verweildauer, so Schneider, sei über die Jahre von zwei Wochen auf unter fünf Tage gesunken. Pro Bett müssten also im selben Zeitraum etwa dreimal so viele Patienten betreut werden. Während lukrative Fälle, wie etwa Hüftgelenks-Implantate, gerne von Privatkliniken übernommen würden, blieben den städtischen Kliniken umso mehr pflegeintensive, alte und hochbetagte Patienten.

Laut Heindl mangelt es dabei speziell an Geriatrie-Fachkräften. Während angestammte Mitarbeiter ausharrten, führe die Überlastung vor allem bei jungen, neuen Kollegen zu einer hohen Fluktuation, teilweise sogar im Drei-Monats-Takt. Noch unattraktiver werde der Arbeitsplatz Harlaching durch die umständliche Fremdverwaltung von Personalwohnungen durch die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG. Kurzum: Falls die Stadt nicht ihre "wirklich allerletzte Chance" zur Rettung des Klinikums ergreift, sei es um den Versorgungsstandard schon in ein bis zwei Jahren geschehen, erklärte Heindl. Bei seinem Kampf für bessere Bedingungen kann er immerhin auf die Unterstützung des Bezirksausschusses und einer Bürgerinitiative zählen.

© SZ vom 21.01.2016/raj/infu
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