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Nach der Kommunalwahl:"Münchens Schönheit erhalten"

Aktuelle und ehemalige Behördenleiter, eine Ex-Chefredakteurin, ein Schauspieler und die Sprecherin der Marktleute: Eine ganze Reihe prominenter Bürgerinnen und Bürger setzt sich in Bezirksausschüssen für lokalpolitische Ziele ein

Von Birgit Lotze und Jürgen Wolfram

Auf den ersten Blick würde man sie nicht in der Lokalpolitik verorten, aber es gibt Prominente aller Couleur, die nach der Kommunalwahl Sitz und Stimme in den Münchner Bezirksausschüssen erhalten haben. Was, bitte, hat ein Schauspieler mit der Verkehrswende zu schaffen, was eine ehemalige Oktoberfest-Chefin mit Bebauungsplänen? Gabriele Weishäupl würde sagen: eine ganze Menge. Denn die ehemalige Direktorin des Tourismusamtes und Wiesn-Festleiterin fühlt sich durchaus auch als Bürgerin ihrer Stadt, als jemand, "der Münchens Schönheit erhalten will". Weishäupl ist in Solln daheim und gehört künftig dem Bezirksausschuss (BA) Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln an.

Die politische Bewerberinnen-Rolle ist für Gabriele Weishäupl nicht neu. 2013 hatte sie bereits für den Landtag kandidiert, doch damals war die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. In die Politik gelockt hat sie der damalige Wirtschaftsminister Martin Zeil. "Aber das war nicht nur eine Frage der persönlichen Bekanntschaft, meine liberale Gesinnung passt durchaus zu dieser Partei", beteuert die 73-Jährige. Beruflich in den Diensten der Stadt stand Weishäupl von 1985 bis 2012. Jetzt, im besten Rentenalter, will sie noch mal eine "schöne Aufgabe" ausfüllen. "Da muss ich als einstige Fachfrau zwar politisch einiges lernen, aber das ist gut so", findet die gebürtige Passauerin. Solln liegt ihr besonders am Herzen. "Ich liebe diesen Stadtteil", sagt sie, will sich aber durchaus für den gesamten Stadtbezirk einsetzen, vor allem für seine ältere Bevölkerung. Dann hat sie noch ein paar "Spezialinteressen": den Denkmalschutz und alles, was mit Volksfesten zu tun hat. Und wenn's nach Gabriele Weishäupl geht, erlebt die Tradition der Stadtrundfahrten demnächst eine Renaissance.

Sehr gezielt will sich Boris Schwartz einbringen, der Chef der Markthallen München und seit 27 Jahren Aubinger. Bis zu seinem Einzug auf der oberen Ebene des Kommunalreferats hatte der Grüne bereits 18 Jahre Stadtratserfahrung und dort die ersten Schritte der Entwicklung des Stadtteils Freiham miterlebt. Jetzt will er "bei der Umsetzung auch gerne dabei" sein. Ihm geht es um eine vernünftige Verkehrserschließung Freihams, um die Taktverdichtung der S 4 und überhaupt um den Ausbau des ÖPNV. Aus den Fehlern, die man bei der Entwicklung der Messestadt Riem gemacht habe, könne man für Freiham lernen, sagt Schwartz. So sei zwar - ein Pluspunkt - dort frühzeitig der Landschaftspark realisiert worden, sodass die Bürger gleich Möglichkeiten zu Erholung und Freizeit hatten. Doch die ÖPNV-Erschließung sei viel zu spät gekommen.

Boris Schwartz hat bereits Erfahrung mit Bezirksausschüssen, wenn auch von der anderen Seite. Seine Pläne, die Märkte in ganz München an aktuelle Hygieneregeln anzupassen, brachten ihm dort einige Auftritte. Meist war die Begeisterung mäßig, die ihm da entgegenschlug, die Aufregung, manchmal auch Wut groß. Doch auf die eigene BA-Arbeit in Aubing-Lochhausen-Langwied freut sich Boris Schwartz. Er hat BAs als "Türaufmacher" erlebt, die fundierte Vorschläge machen können, eben weil der Stadtrat nicht an allen Themen so nah dran sei, ihm oft die Detailkenntnis fehle.

Im BA Altstadt-Lehel nimmt künftig eine von Schwartz' stärksten Widersacherinnen Platz, zumindest was seine berufliche Funktion angeht: Elke Fett, die Marktsprecherin des Viktualienmarkts, die kein Blatt vor den Mund nimmt, vor allem, wenn sie sich von der Stadt in Stich gelassen fühlt. Bereits mehrmals ist sie gegen die Markthallen München vor Gericht gezogen, stoppte auch die Pläne, die alten Marktstände aus Hygienegründen abzureißen. Die CSU fragte an, ob Elke Fett - sie ist parteilos - auf dem letzten Listenplatz der Christsozialen für die BA-Wahl antreten würde. Von dort wurde sie nach vorne gehäufelt. "Und jetzt habe ich eigentlich null Ahnung", sagt Elke Fett. Allerdings war sie als Viktualienmarkt-Chefin schon auf zahlreichen BA-Sitzungen, etwa als sie dafür kämpfte, dass aus den Markt-Brunnen Trinkwasser fließt. Auch das setzte sie letztlich durch. Im BA will sie sich auch für Themen einsetzen, die mit dem Viktualienmarkt nichts zu tun haben, welche, das lässt sie auf sich zukommen. Auf sie könne man sich auch so verlassen: Wenn es wichtig sei, dann gehe sie es gewohnt zügig an und gebe nicht nach, sagt Elke Fett. "Dann bin ich wie ein Ochse."

Wie Boris Schwartz engagieren sich auch andere führende Münchner Behördenmitarbeiter, aktuelle und ehemalige, auf der untersten kommunalpolitischen Ebene. Wirtschaftsreferent und Wiesn-Chef Clemens Baumgärtner vertritt die CSU seit 1996 im BA Untergiesing-Harlaching, seit 2012 als dessen Vorsitzender. Oder Joachim Lorenz, der erste grüne Umweltreferent der Stadt: ein "leidenschaftlicher Kommunaler", sagt der 70-Jährige über sich. 22 Jahre lang war der Geograf, Volkswirtschaftler und Stadtplaner städtischer Referent, erst im Umwelt-, später zusätzlich im Gesundheitsressort. Der Mann mit den markanten Augenbrauen sitzt im BA Obergiesing-Fasangarten und wurde in seinem Stadtviertel Stimmenkönig.

Zwei bekannte Gesichter wird man in Schwabing-West und Bogenhausen in der nächsten Sitzungsperiode antreffen: Rudi Knauss, vielen von Tatort bis Soko München und den Rosenheim Cops bekannt, bekam auf Anhieb fast 5000 Stimmen in Schwabing-West. Der Fernseh-Kommissar ist bei der Linken und will im BA die Mietsituation im Auge behalten. Aufmerksamkeit könnte auch Patricia Riekel bekommen, die für die FDP in den BA Bogenhausen eingezogen ist. Die langjährige Chefredakteurin der Bunte kann zwar pointiert argumentieren, doch die Themen, die sie beruflich einst anpackte, sind von deutlich anderen Interessen geprägt als die Verkehrswende oder graue Bebauungspläne.

© SZ vom 01.04.2020

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