bedeckt München 13°

Nach Brand in der Maxvorstadt:Die schlimmen Zustände in Haus Nummer 24

Drei Tote bei Brand in München

Das Haus in der Dachauerstraße war der Polizei schon vor dem Brand bekannt.

(Foto: dpa)
  • Bei einem Feuer in der Dachauer Straße sind 2016 ein Vater und seine beiden Töchter ums Leben gekommen.
  • Bei den Ermittlungen stellte sich heraus, dass in den Haus viel mehr Menschen lebten als gemeldet - immer wieder hatte die Polizei wegen Zwischenfällen anrücken müssen.
  • Aus Wut über die schlimmen Zustände soll ein 43-Jähriger im Treppenhaus eine Matratze angezündet haben, nun muss er sich wegen vor dem Landgericht verantworten.

Von Susi Wimmer

Es geht um Zufälligkeiten, Wahrscheinlichkeiten, irgendwie auch um Glück oder Pech: Der Prozess um den Brand an der Dachauer Straße, bei dem im November 2016 drei Menschen ums Leben kamen, nähert sich dem Ende, doch die Wahrheitsfindung bleibt schwierig. Auf der Anklagebank sitzt der ehemalige Mieter Mohamed E., angeklagt wegen dreifachen Mordes. Er soll aus Wut über die schlimmen Zustände im Treppenhaus eine Matratze angezündet haben. Aber nicht einmal der Experte des Landeskriminalamtes kann ausschließen, dass in dem Raucher-Treppenhaus eine brennende Kippe den Brand verursacht haben könnte. Ein trauriger Umstand allerdings gilt als sicher. Hätten die Bewohner im Dachgeschoss nicht die Brandschutztüre mechanisch offen gehalten, würden ein Vater und seine beiden Töchter noch leben.

Es ist ein Indizien-Prozess vor der ersten großen Schwurgerichtskammer am Landgericht München I, der ein erstaunliches Bild auf ein Haus, seine Bewohner, Eigentümer und die Duldung von heute nicht mehr denkbaren Bauvorschriften wirft. Das Haus mit der Nummer 24 ist im Besitz der Bäckerei-Familie Hölzl und der Polizei bestens bekannt. Dort brannte bereits eine Mülltüte im Treppenhaus, dann eine Matratze, Urin und Kot wurden vorgefunden, glimmende Kippen, Kleber in den Türschlössern, Eier und Ketchup an den Wänden.

Bei Beschwerden, so ein Zeuge, soll einer der Eigentümer "martialisch mit Hund" aufgetreten sein. Die Familie hatte dort zum Teil zimmerweise vermietet und für kleine Wohneinheiten mit Etagenklo entsprechend kassiert. Die Polizei hatte auch Recherchen bezüglich der Eigentümer angestellt, die ergaben, dass das Gebäude unterversichert war. Der Versicherung hatte man 35 Wohneinheiten gemeldet, tatsächlich aber waren es 50. Familie Hölzl hat sich während des Prozesses zu Zeitungsanfragen nicht geäußert.

Die Ausbauten im Dachgeschoss zu einer Wohnung und fünf einzelnen Zimmern hatte die Stadt zunächst abgelehnt, später geduldet. Die Eigentümerfamilie stritt sich sogar um eine Notfeuerleiter und installierte diese 1972 erst nach einem Rechtsstreit. Allerdings endete die Leiter, nach damaligen Vorgaben korrekt, etwa sieben Meter über dem Erdboden. Über diese Leiter hätten Aleksandar M. und seine Töchter, neun und 16 Jahre alt, flüchten können. Stattdessen öffneten sie die Wohnungstüre und rannten in den Gang. Der war allerdings wegen der offenen Brandschutztüre so verraucht, dass sie zusammenbrachen und starben. Die Brandschutztüre, so der LKA-Experte, hätte Feuer und Rauch mindestens 30 Minuten vom Gang fern gehalten.

Der Ingenieur führte aus, dass Brandbild und die zeitliche Einordnung dazu passen würden, dass die Matratze im Treppenhaus mit einem Feuerzeug und etwas Brandbeschleuniger angezündet worden sein könnte. Unter "gewissen Faktoren" könne er aber auch eine Zigarette als Brandursache nicht komplett ausschließen. Rechtsanwalt Walter Lechner, der mit Birgit Schwedt den Angeklagten verteidigt, sagte nach den Gutachten, dass diese "keine Klärung" gebracht hätten. Lechner: "Vieles ist denkbar, und alles ist möglich."

© SZ vom 09.05.2018/infu
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema