MVV-Tarifreform "Der große Wurf ist es nicht"

Eine S-Bahn nahe Unterschleißheim: Die größte Stadt des Landkreises hat es bei der Reform nur in die Zone geschafft - dementsprechend sauer sind die Pendler dort.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Im Münchner Nahverkehr soll das berüchtigte System von Ringen und Zonen verschwinden.
  • Allerdings profitiert nicht jede Kommune von der Neuordnung, vor allem der Münchner Norden sieht sich benachteiligt.
  • Die Kritik nimmt zu - doch In Kraft treten kann das Paket nur, wenn alle Verbundpartner sich einig sind.
Von Martin Mühlfenzl

Die Grenze zwischen der Stadt und dem Landkreis verschwindet zunehmend. Die Mediengemeinde Unterföhring etwa, Sitz des Dax-Unternehmens Pro Sieben Sat 1, ist so eng mit München verwoben, dass sie als eigenständige Gemeinde kaum mehr zu erkennen ist. Es dürfte in den unzähligen Sitzungen der Gesellschafterversammlung des Münchner Verkehrs- und Tarifverbundes (MVV) dementsprechend schnell Einigkeit darüber geherrscht haben, Unterföhring wie bisher dem Innenraum - neu: dem M-Raum - zuzuordnen.

Deisenhofen, ein Ortsteil der Gemeinde Oberhaching im südlichen Landkreis München, hat indes ungefähr so viel urbanen Charakter wie der örtliche Fußballverein Chancen, in naher Zukunft in der Champions League aufzulaufen. Der S-Bahnhof Deisenhofen - mitten auf dem Land - aber gehört von 9. Juni 2019 gewissermaßen zur Königsklasse der Haltestellen. Denn mit der MVV-Tarifreform wird auch diese Station in den neuen M-Raum eingegliedert. Vor dieser Entscheidung dürften die der Gesellschafter des MVV etwas länger gegrübelt haben.

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Die Details der Reform sind seit Anfang Juli bekannt: Aus bisher 16 Ringen werden sieben Tarifzonen. Einfacher soll das System werden, übersichtlicher und es soll vor allem Vorteile für Pendler bringen. Die Kommunalpolitiker wollen damit mehr Menschen von der Straße auf die Schiene bringen. Damit das neue System aber in Kraft treten kann, müssen alle Partner im Verbundsystem zustimmen: der Freistaat, die Landeshauptstadt München sowie die Landkreise München, Bad Tölz-Wolfratshausen, Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck und Starnberg. Der Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen hat dies bereits getan, der Münchner Stadtrat beschäftigt sich am kommenden Mittwoch damit.

Besonders aber im Landkreis München werden zunehmend kritische Stimme laut. "Der große Wurf ist es nicht", sagt Münchens Landrat Christoph Göbel (CSU), der bei den meisten Verhandlungen in den vergangenen drei Jahren mit am Tisch saß. Ismanings Bürgermeister Alexander Greulich (SPD) erklärt gar, dass die Solidarität mit der Neuordnung bröckle. Und er geht noch einen Schritt weiter. Als Kreisrat des Landkreises München, sagt er, wird er die Tarifreform in dieser Form ablehnen. Und damit steht er nicht alleine.

Es gibt viele Gewinner bei dieser Reform, auch im Landkreis München. Etwa 190 000 der 350 000 Einwohner im bevölkerungsreichsten Landkreis des Freistaats kommen künftig in den Genuss, der neuen M-Zone anzugehören. Doch es gibt auch Verlierer. Und die wohnen nicht unbedingt in entlegenen, ländlichen Ortschaften wie Schäftlarn ganz im Süden an der Isar. Oder im beschaulichen Sauerlach zwischen Deisenhofener und Hofoldinger Forst.

Kein günstiger Tarif im Münchner Norden

Der Norden des Landkreises begehrt gegen die Reform auf, weil sie ihn in weiten Teilen aus dem begehrten Innenraum und damit den günstigeren Tarifen ausschließt. "Wir sind mit dem gemeinsamen Ziel in die Verhandlungen gegangen, mit allen 29 Städten und Gemeinden in den Innenraum zu rutschen", sagt Ismanings Bürgermeister Greulich. "Davon sind wir weit entfernt."

Seine Kommune liegt in Zone eins, wie auch die Nachbargemeinden Oberschleißheim und Kirchheim. Unterschleißheim, mit mehr als 30 000 Einwohnern die größte Stadt des Landkreis, hat es sogar nur in die zweite Zone geschafft. "Wir sind der Wirtschaftsmotor des Landkreises. Es ist gewollt, dass wir weiter wachsen", sagt Bürgermeister Greulich. "Aber wir ersaufen auch im Verkehr. Für uns ist diese Tarifreform eine Watschn - man nimmt unsere Belange nicht ernst."

Der Unmut ist auch an Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) gerichtet. Der verkündete bei der Präsentation der Verhandlungsergebnisse stolz: "Wir haben heute gemeinsam eine Reform beschlossen, die allen Fahrgästen zugutekommt." Das Tarifsystem, hatte Reiter erklärt, werde einfacher, klarer und "bietet den Kunden mehr fürs Geld". Nicht wenige im Landkreis München vermuten, der OB habe damit nur seine Stadtbewohner gemeint. Wer heute zum Beispiel von Unterschleißheim mit der Isar Card nach München pendelt, zahlt monatlich 116,50 Euro - künftig sind es 118,90 Euro. Das ist kein Riesensprung, aber es ist auch keine Verbesserung. Übrigens auch nicht für zahlreiche Münchner, schließlich pendeln mittlerweile mehr Menschen aus der Stadt in den Landkreis zur Arbeit als umgekehrt.

Die Global Player liegen nicht im M-Raum

Etwa nach Grasbrunn zu den Global-Playern Lego und Bosch. Die meisten Pendler steigen auf dem Weg ins Grasbrunner Büro am S-Bahnhof Vaterstetten aus; der liegt allerdings künftig in der ersten Zone und nicht im M-Raum. "Das ist für uns ein echter Nachteil und bewegt sicher nicht mehr Leute zum Umstieg auf den ÖPNV, sondern weniger", sagt Grasbrunns Bürgermeister Klaus Korneder (SPD). Auch er wird im Kreistag daher gegen die Tarifreform stimmen. Auch der Bahnhof Heimstetten hat es zum Ärger von Kirchheims Rathauschef Maximilian Böltl nicht in den M-Raum geschafft. Zu der Frage, ob er gegen die Reform stimmen wird, sagt er: "Ich habe mich noch nicht festgelegt." Böltl sagt, es bräuchte "radikale Lösungen", um die Verkehrsprobleme zu bewältigen: "Der ÖPNV muss schneller und günstiger werden."

Die Verhandlungen rund um die Tarifreform haben gezeigt, dass es meist nur ums Geld geht. Wären alle Kommunen des Landkreises München in den Innenraum aufgenommen worden, hätte dies den MVV im Jahr 40 Millionen Euro gekostet, sagt Landrat Göbel. Das büßen jetzt vor allem die Pendler im Münchner Norden.

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