Der lang gestreckte Raum ist brechend voll, die zusätzlich aufgestellten Stühle reichen nicht, an den Seiten müssen einige stehen. Damit hier alle noch ausreichend Luft kriegen, öffnet einer die Fenster zum Innenhof. Trotz Streiks im Nahverkehr haben sich am Mittwochabend an die hundert Menschen erfolgreich bis zum Münchner Forum für Islam (MFI) an der Hotterstraße durchgeschlagen. Das Haus sei die einzige muslimische Einrichtung im Stadtzentrum, wird zur Begrüßung der Vorsitzende Benjamin Idriz erinnern: „Hier unten ist der Raum, wo wir essen, danach gehen wir immer hoch zum Beten.“ Doch deshalb stehen sie sich hier heute nicht gegenseitig auf den Füßen.
Das MFI und der Muslimrat haben zur Podiumsdiskussion geladen. Es soll um „Kommunalpolitik und muslimisches Leben in München“ gehen, und zwar mit denen, die sich im Stadtrat zur Wahl stellen. Vor sechs Jahren gab es hier zum ersten Mal eine vergleichbare Runde. Seither ist das Verhältnis zwischen der Stadt und ihren Muslimen nicht eben einfacher geworden, wie sich in zweieinhalb Stunden sehr intensivem Austausch zeigen wird. „Politik ist für Muslime genauso wichtig wie für alle andern“, sagt Idriz eingangs. Die 200 000 Münchner Muslime entsprächen einem „wahnsinnigen Potenzial“, das man als Kandidat nicht gering schätzen solle, und ihr „Interesse an der Wahl am 8. März teilzunehmen, ist so groß wie nie zuvor“. Es klingt wie eine Warnung.
Eingeladen habe man alle demokratischen Parteien im Stadtrat. Als einziger der angefragten OB-Kandidaten ist Clemens Baumgärtner (CSU) gekommen. Er sei überhaupt der erste gewesen, „der positiv und schnell auf die Einladung reagiert hat“, sagt Idriz und begreift das offensichtlich gleichermaßen als Wertschätzung und Politikum. Entsprechend erfolgt die Vorstellung der weiteren fünf Kandidaten nach Zeitpunkt der Zusage: Christian Köning, Münchner SPD-Chef und Fraktionschef seiner Partei im Rathaus, Johann Sauerer Stadtratskandidat für die ÖDP („eine für Muslime unbekanntere Partei“), Lara Prölß für die Linke, auch Dagmar Föst-Reich von der FDP hat zugesagt, Schlusslicht seien nach mehrfacher Einladung die Grünen gewesen mit ihrem Stadtratskandidaten Serzan Celik.
Es liegt durchaus Spannung in der Luft an diesem Abend, wer trifft hier wen? Moderatorin und MFI-Mitglied Almasa Dedović will gleich in der ersten Fragerunde wissen, ob der Islam und damit die Muslime im Wahlkampf überhaupt ein Thema seien? „Eher nicht“, konstatiert Köning unumwunden, wenn er am Rotkreuzplatz am Infostand stehe oder an Haustüren klingle. Einerseits. Andererseits tausche man sich seit Jahren aus mit muslimischen Vertretern, unterstütze als SPD den Muslimrat, Bürgermeisterin Verena Dietl habe eine Moschee-Tour absolviert.

Baumgärtner will seine Präsenz in der Runde als Respektbezeugung für die muslimische Community verstanden wissen. „Rede und Antwort zu stehen, gehört zu Respekt dazu.“ Er habe im Vorwahlkampf viel Kontakt zu muslimischen Einrichtungen gesucht. „Unser Kernanliegen ist, im Dialog zu bleiben.“ Ansonsten fokussiere man sich auf klassische Kommunalthemen.
Johann Sauerer erzählt von seinem Maschinenbauunternehmen in vierter Generation, bei dem die Arbeitskräfte von Anfang an „aus aller Herren Länder“ gekommen seien. „Wir Handwerker sind den Schritt der Integration schon vor vielen Jahrzehnten gegangen.“ Wenn sein Team am Freitag gemeinsam Brotzeit mache, „richten wir die Speisen so her, dass sie allen religiösen Gepflogenheiten gerecht werden“.
Den ersten anhaltenden Applaus des Abends gibt es, als Serzan Celik widerspricht. Es geht um die wiederholt in der Kandidatenrunde fallende Aussage, weltweite Krisen dürften nicht in München ausgetragen werden. „Sehr viele Menschen, die hier sitzen, haben Verwandte in muslimischen Ländern, in denen es seit Jahrzehnten multiple Krisen gibt. Wenn da Anrufe kommen, dass es da drunter und drüber geht, gibt es natürlich eine emotionale Verbindung!“, sagt Celik. Andererseits müssten sich die Menschen hier aufgrund ihrer Religion für internationale Krisen rechtfertigen, mit denen sie gar nichts zu tun hätten.

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Als die Fragerunde aufs komplette Publikum ausgeweitet wird, brechen die Wortmeldungen regelrecht aufs Podium herein. Es ist eine lange Liste an schmerzhaften Erfahrungen, die gebündelt und auch leidenschaftlich adressiert werden – jetzt, da sich politisches Personal schon mal so konzentriert auszusetzen gewillt ist: Was biete man an politischen Lösungsansätzen der gebürtigen Münchnerin und ausgebildeten Juristin, die in der Justiz deshalb schwerer einen Job findet, weil sie Kopftuch trägt? Was der Muslima, die genau deshalb an der Supermarktkasse, beim Arzt oder beim Spazierengehen angegangen wird und Angst hat? Wie will die Rathauspolitik Vertrauen der palästinensischen Community zurückgewinnen, die sich im Stich gelassen fühlt? Miteinander reden, lautet die am häufigsten genannte Formel. „Als Politik, können wir den Dialog nicht erzwingen. Aber wir können ihn ermöglichen, und das tun wir an vielen Stellen vielleicht noch zu wenig“, sagt FDP-Kandidatin Föst-Reich.
Lara Prölß hat noch eine kommunalpolitische To-do-Liste auf ihrem Wahlkampfzettel: Um muslimisches Leben sichtbarer zu machen, solle die 2025 gestartete Ramadan-Beleuchtung an der Fassade des Alten Rathauses länger als nur zwei Stunden währen und öffentliche Räume freigeben werden fürs Fastenbrechen. Selbst im MFI, wie der Abend zeigt, gibt es dafür nicht ausreichend Platz. Um ein Iftar im Alten Rathaus mit Vertretern der Stadtgesellschaft habe man sich in diesem Jahr zum wiederholten Mal bemüht, sagt Idriz. Erfolglos.
Ein einhelliges „Ja“ gibt es dagegen vom Podium auf die Frage der Moderatorin: „Würden Sie eine Moschee im Zentrum Münchens im Stadtrat aktiv verteidigen?“ Ein „anstrengender Abend“ sei das gewesen, sagt Sauerer. Der Redebedarf ist erheblich. Auch nach der Kommunalwahl.

