bedeckt München 11°

Musik:Zum Fürchten gut

Keine Tasten, sondern Knöpfe: Ein Trautonium, wie es Peter Pichler meisterhaft beherrscht, gilt als erster voll funktionsfähiger Synthesizer.

(Foto: Dietmar Zwick/oh)

Eigentlich ist Peter Pichler Punk-Musiker. Nun begleitet er beim Schlagerfestival in Sanremo eine Band mit seinem Trautonium. Ein seltsames Instrument, dessen Klang schon Hitchcock inspirierte

Von Karl Forster

Da wäre zunächst ein Statement. "Ich komme vom Punk." Und so, wie Peter Pichler das sagt, hier in seinem Studio an der Froschammerstraße in Milbertshofen, wird deutlich, er will einem klarmachen: Ich bin ein Punk. Immer noch. Ohne Widerrede. Auch wenn er nicht mehr so aussieht wie damals als Gitarrist der Münchner Punkband Condom, die 1981 in Eigenproduktion ihre erste Scheibe auf den Markt brachte, unter anderem mit dem Lied "Rechtlos", das einige deftige Beleidigungen in Richtung CSU und Franz Josef Strauß beinhaltete, was zu herben juristischen Konsequenzen führte.

Heute also empfängt Peter Pichler den Gast in diesem Studio mit den vielen Gitarrenkoffern an der Wand, mit einem Fender Rhodes Piano hinterm Vorhang und einem älteren, schwarzen Klavier nahe am Fenster. Der Raum ist groß genug für den nötigen Corona-Abstand. Pichler sitzt vor drei rätselhaften Geräten, die aussehen wie Elektropianos, das mittlere mit vielen hellroten Knöpfen und geheimnisvoll leuchtenden Zahlen auf dem Kasten über der horizontalen Spielebene.

Seltsam an diesen Geräten ist, dass ihre Spielebenen keine Tasten haben. Seltsam sind die Geräusche, die diese Geräte von sich geben. Und man tut Peter Pichler sicherlich keinen Tort an, wenn man notiert, dass er, der Beherrscher dieser Geräte, ab und an selbst auch ein bisschen seltsam wirkt, wenn er von seiner Leidenschaft für das Trautonium spricht. So heißen diese Kästen, benannt nach ihrem Erfinder, dem Berliner Ingenieur Friedrich Trautwein. Der hat von 1888 bis 1956 gelebt und im Jahr 1930 der Menschheit ein von ihm gebautes Instrument vorgestellt, das auch heute noch als der erste voll funktionsfähige Synthesizer gilt.

Am Instrument saß damals der Pianist und Komponist Oskar Sala aus Greiz in Thüringen und spielte ein Stück von Paul Hindemith, das dieser speziell für ein Trautonium geschrieben hat. Denn Hindemith war, anders als beispielsweise der Zwölftöner Arnold Schönberg, von den unendlichen Möglichkeiten dieses Ur-Synthesizers überzeugt und - vor allem - willens, die Menschheit zu neuen musikalischen Welten zu führen. Gestoppt wurde die anfängliche Begeisterung für das Wunderinstrument durch die Nazis. Hindemith, bis dahin der populärste Trautonium-Influenzer, war mit einer Jüdin verheiratet. Der geniale "atonale Geräuschemacher" musste emigrieren (starb aber, versöhnt mit Deutschland, 1963 in Frankfurt am Main).

Peter Pichler, der Paul Hindemiths und Oskar Salas Begeisterung fürs Trautonium übernommen hat und mit Vehemenz zu äußern weiß, ist sehr stolz darauf, eben diesen Oskar Sala noch persönlich kennengelernt zu haben. Jenen Musiker und Naturwissenschaftler, dessen künstlerischer Nachlass im Deutschen Museum lagert, zum Beispiel die Klänge zu Hitchcocks "Die Vögel" aus dem Jahr 1963. Hier wurde keine Musik zu den Szenen komponiert. All die Geräusche, das aggressive Gekrächze der Vögel, ihr Flattern, ihr Kratzen, stammt aus einem Trautonium, gespielt von Oskar Sala. Er war damals weltweit der einzige Musiker, der diese "klingende Elektrizität" (Pichler) beherrschte; und weiterentwickelte. Das Deutsche Museum verweist stolz darauf, welchen Einfluss dieser Oskar Sala auf die deutsche Elektroszene gehabt habe, auf Bands wie Kraftwerk oder Einstürzende Neubauten. Und dass er auf diesem Instrument der unendlichen Soundmöglichkeiten Klangkulissen für Hunderte Filme geschaffen habe. Auch für Hollywood. Und dort eben auch für Hitchcocks "Die Vögel".

Peter Pichler sitzt an seinem Trautonium, vor sich einen Computer mit einem Filmausschnitt, und spielt den Soundtrack. Und sofort packt einen diese vom Meister Alfred Hitchcock erzauberte Angst vor den immer böser und gefährlicher scheinenden schwarzen Schwärmen. "Ist schon geil, gell?", sagt Pichler und lässt einen klagenden Ton wie eine Sirene in fast schmerzhafte Höhe steigen.

Peter Pichler wird, wenn nichts dazwischen kommt (was man heute ja weniger denn je weiß), Anfang März mit dem Trautonium im italienischen Küstenort Sanremo beim Schlagerfestival auftreten. Zusammen mit der Band des Sängers Mirco Mariani. Sein Trautonium soll unter anderem dem Lied "Bianca Luce Nera" den nötigen Pfiff geben.

Wobei man Pfiff durchaus wörtlich verstehen könnte. Denn Peter Pichler kann aus diesem Wunderkasten wirklich jedes nur mögliche Geräusch herauszaubern, was ihm sichtlich großen Spaß macht. Töne und Geräusche entstammen einem stufenlosen "subharmonischen Generator". Statt schwarzer und weißer Tasten ist eine Saite gespannt, die, vom Spieler an bestimmter Stelle niedergedrückt, einen Kontakt herstellt. Über allerlei elektronische Spitzfindigkeiten entsteht so ein Ton, dessen Höhe stufenlos variierbar ist, wenn der Finger auf oder ab fährt. Die Mechanik im Kasten mit den vielen Knöpfen erlaubt durch Zuschalten oder Filtern diverser Frequenzen, zum Beispiel der Obertonreihen, die Erzeugung unendlich vieler Klänge und mikrotonale Intervalle. Wenn also, das nur als Beispiel, beim Klavier nach dem C das Cis kommt, biete das Trautonium unendlich viele Töne zwischen diesen Halbtonschritten. Und für musikalische Spezialisten möchte Peter Pichler gerne erwähnt haben, dass dieses Trautonium "nicht wohltemperiert" gestimmt ist, aber das führte jetzt wohl zu weit. Nur so viel Erklärung von Peter Pichler. "Ein Vogel zwitschert auch nicht wohltemperiert."

Peter Pichler jedenfalls erlernte zwischen der einstigen Punkphase (die ja nie vorbei sein wird) und der heutigen Trautonium-Meisterschaft alle möglichen Instrumente, vor allem Gitarre, die er auch unterrichtet, und am Leopold-Mozart-Zentrum in Augsburg die Renaissance-Laute mit dem typischen Knickhals. Wenn's sein muss, spielt er auch Tuba, oder Akkordeon, "allerdings anders als normale Akkordeonspieler". Als instrumentaler Tausendsassa ist er ein begehrter Sidekick bei Stars wie Funny von Dammen (zum Beispiel auf der CD "Herzscheiße"), als "sehr sportliche Ein-Mann-Band" mit Stephan Zinner oder für Hans Söllner, dessen Combo Bayaman' Sissdem Pichler oft bereicherte.

Seine Trautonium-Virtuosität machte ihn in der weltweiten Elektroszene zu einer Berühmtheit. "Die Freaks kennen ich alle." Er war Gast bei der Superbooth in Berlin, der gigantischen Fachmesse rund um alles Elektronische in der Musik. Hielt Vorträge auf einschlägigen Veranstaltungen in Australien. Und nun also Italien, Sanremo, Teatro Ariston.

Hier wird Peter Pichler, der ewige Punk, die Gruppe Extraliscio um Mirco Mariani mit dem Trautonium unterstützen, eine Combo, die dem Schmelz und der Leichtigkeit des italienischen Schlagers mit einer kräftigen Prise Punk deutlich Dampf macht. Es ist schon das zweite Mal, dass er sein Trautonium für Mirco Mariani nach Sanremo transportiert. "Die Italiener wollten halt was Besonderes, was Experimentelles. Die fragen nicht nach einem aalglatten Till Brönner oder nach einer virtuosen Ann-Sophie Mutter, sie fragen nach einem Trautonium." Pichler strahlt vor Vorfreude auf diesen Gig, schwärmt von der musikalischen Seelenverwandtschaft mit diesem ganz wunderbaren Musiker Mirco Mariani und kann es kaum erwarten, seinen Wunderklangkasten in den Transporter zu verladen.

Wer will es ihm verdenken. Wäre so eine Reise in Zeiten wie diesen auch ohne Trautonium ein Traum. Ein Gläschen Weißwein am Hafen von Sanremo, Blick aufs Meer, und gerade geht die Sonne unter ..." Una festa sui prati, ein Fest auf der Wiese, eine nette Gesellschaft, belegte Panini, Wein, viel Gelächter, und strahlende Blicke verliebter Mädchen. Buon viaggio, Mister Trautonium-Punk!

© SZ vom 25.02.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema