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Musik-Workshop in Pasing:"Bis es groovt"

Bands sind nur etwas für Jungen - beim Mädchen-Musik-Camp der neuen Jazzschool München zeigt Drummerin Maria Moling jungen Frauen, dass das ziemlicher Quatsch ist

Die Drummerin zählt ein, und satte Pop-Klänge füllen den kleinen Raum, der voll mit Instrumenten, Mikrofonständern und Verstärkern steht. Weinrote Vorhänge an den Wänden dienen zur Schalldämpfung. Sechs junge Musikerinnen stimmen gemeinsam Lykke Lis "I follow Rivers" an, das vor acht Jahren in den Charts war. Manche wirken noch unsicher an ihrem Instrument, anderen ist mehr Erfahrung anzumerken. Mit Gitarren, Bass, E-Piano, und Schlagzeug geben sie der Komposition etwas Neues, testen aus, wie sie das Song-Intro instrumentieren könnten. "Will jemand vielleicht die Melodie pfeifen?", fragt Maria Moling. Sie leitet den Band-Coaching-Workshop beim Mädchen-Musik-Camp der neuen Jazzschool in Pasing.

An vier Workshop-Tagen will die Jazz-Schule jungen Frauen mehr Selbstbewusstsein vermitteln. "Der Anteil von Frauen und Mädchen in Bands ist sehr gering. Oft trauen sich Mädchen nicht", erklärt Katrin Neoral, die das Musik-Camp organisiert hat. In drei verschiedenen Workshops - neben dem Band-Coaching auch Gesang und Rap - können sich die Teilnehmerinnen erproben, allein oder mit anderen. "Musikmachen ist nicht nur gut für die eigene Persönlichkeit, wir wollen bei den Workshops zeigen, wie aus Einzelkämpfern Teams werden", sagt Neoral, die selbst in ihrer Jugend viel Musik gemacht hat. Die insgesamt 19 Teilnehmerinnen erfahren nebenbei, welche Bereiche die Musikwelt für sie offenhält. "Wir wollen den Blick für die möglichen Berufsfelder weiten", sagt Neoral. Ihr sei gerade deshalb wichtig gewesen, als Dozentinnen Frauen zu gewinnen, die hauptberuflich als Musikerinnen arbeiten.

Mit Maria Moling hat sie eine erfahrene Schlagzeugerin und Sängerin für die Workshop-Leitung gewinnen können. Als langjähriges Mitglied der erfolgreichen ladinischen Frauen-Band Ganes oder gemeinsam mit Hubert von Goisern konnte sich Moling in der europäischen Pop-Musikszene einen Namen machen. Seit 2015 ist die gebürtige Südtirolerin im Indie-Folkrock-Duo Me + Marie unterwegs.

Für die vier Tage beim Musik-Camp überlässt die 35-Jährige das Musizieren jedoch größtenteils den Teilnehmerinnen, nur gelegentlich steigt sie ein, singt eine zweite Stimme oder schlägt mit einem Tamburin zur Musik. Viele Vorgaben macht sie nicht, sondern überlässt die musikalischen Entscheidungen den Mädchen. Diese experimentieren mit ihren Instrumenten. Nur wenn ein Problem auftaucht - mit welchen Instrumenten spielen wir die zweite Strophe? Ist die Gitarre an der Stelle passend? -, moderiert Moling die Diskussion. Sie hat als Vorbereitung für den Workshop zwar ein paar Liedvorschläge mitgebracht, doch die Mädchen tragen selbst viel bei, stellen ihr eigenes Programm auf die Beine, mit Cover-Songs und eigenen Kompositionen.

Auch wenn manche Teilnehmerinnen schon ein Instrument spielen können und teilweise ihre eigenen Songs schreiben, hält der Workshop für alle etwas Neues bereit. Das Zusammenspiel in einer Band ist für viele ganz ungewohnt. Aber auch die Instrumente werden nach jedem Song bunt gemischt: Lilly beispielsweise, die klassisches Klavier gelernt hat, spielt nun zum ersten Mal Bass. Oder die 13-jährige Maria. Sie kann Trompete spielen, setzt sich im Workshop aber ans Schlagzeug. Die Mädchen probieren aus, was ihnen liegt und wie sie sich in das Band-Gefüge einbringen können.

"Ich habe selbst genau so angefangen, Schlagzeug zu spielen", erinnert sich Moling. Im Musikunterricht sei ein Schlagzeuger gebraucht worden, und sie habe sich getraut, das Instrument auszuprobieren. Dass dazu gerade für Mädchen viel Mut gehört, hat sie selbst erfahren. Denn die Welt der Popmusik gilt als Männerdomäne. "Es gibt ganz viele Klischees der Instrumentenaufteilung in Bezug auf Geschlechter", sagt Moling. Aktionen wie das Musik-Camp hält sie deshalb für sehr wichtig. "Die Mädchen sind dann unter sich und trauen sich vielleicht eher, einfach mal zu experimentieren."

Der nächste Song wird angestimmt, "Creep" von Radiohead. Die Instrumente haben ihre Spieler gewechselt und das Tönesuchen beginnt von vorn. Zuerst ist es ein wildes Durcheinander, doch mit der Zeit finden die Mädchen zueinander. Hin und wieder geht Maria Moling zu einer der jungen Musikerinnen, zeigt ihr, was sie aus ihrem Instrument herausholen kann. Währenddessen erklingen die vier Akkorde des Songs in Dauerschleife. "Wir machen das so lange, bis es groovt", kündigt die Workshop-Leiterin an. Noch zwei Tage hat die frisch formierte Band Zeit, um die Songs gemeinsam einzuüben.

Höhepunkt des Mädchen-Musik-Camps ist am letzten Workshop-Tag ein Abschlusskonzert im Pasinger Jugendzentrum "Aquarium". Die Teilnehmerinnen der drei Workshops stellen ihr Erlerntes auf der Bühne vor. Doch es scheint, als setze sie der Termin nicht unter Druck. Wenn etwas nicht klappt oder unklar ist, gehen die Dozentin und ihre sechs Musikerinnen gelassen an das Problem. "Es ist egal, ob wir Fehler machen. Wir haben ja noch Zeit", beruhigt Maria Moling. Also noch einmal das Intro von vorn: "Die Drummerin zählt ein."

© SZ vom 02.11.2019
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