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Musik:Wiedergeburt unter freiem Himmel

Embryo

Unter Marja Burchard wird die Musik von "Embryo" deutlich präsenter.

(Foto: Enid Valu)

Vor dem Import Export gibt es Open-Air-Konzerte - zuletzt mit der Münchner Band "Embryo"

Von Dirk Wagner

Als würden sie planetengleich um einander kreisen, strahlen die silbernen Diskokugeln im Licht der Abendsonne über den Platz vor dem Import Export. Spiegelplatz wird der wegen jener Skulptur von Torsten Mühlbach geheißen. Seit dem Konzert von Katrin Sofie F und der Däne Ende Juni finden hier unter freiem Himmel bis Ende Oktober die Veranstaltungen des Import Export statt, die wegen der Corona-bedingten Schutzmaßnahmen als Indoor-Veranstaltungen nicht funktionieren würden. Als Freiluft-Angebote bleiben sie wetterabhängig. Entsprechend droht allen Beteiligten jederzeit, dass ein Termin wegen Regen ausfällt. "In dem Fall versuche ich, Ersatztermine anzubieten. Aber das wird immer schwerer, weil sich schon sehr viele Künstler bei uns beworben haben", sagt Katharina Walpoth, die seit zehn Jahren im Team der soziokulturellen Einrichtung mitwirkt.

2010 ging diese aus einem Stadtteilprojekt der Kammerspiele hervor. Seitdem überzeugt allein schon das Konzertprogramm mit herausragenden Auftritten von Musikern jenseits eines anglo-amerikanisch geprägten Popmarkts. Nicht selten wird solche Darbietung auch "Weltmusik" genannt, was Walpoth mit der Frage kommentiert: "Ist es schon Weltmusik, wenn jemand arabisch singt?"

Die Münchner Formation Embryo, die am Donnerstag auf dem Spiegelplatz das erste ausverkaufte Konzert seit der Wiedereröffnung nach dem Lockdown spielte, darf man indes zu den Pionieren solcher Weltmusik zählen. Das 1969 gestartete Musikerkollektiv ist bekannt für seine zahlreichen Reisen nach Afrika und Asien. Aufmerksam hat es sich dort den jeweiligen Klangwelten geöffnet und diese sodann in der eigenen Musik auf eine Weise integriert, die die Weltmusik als ein gleichberechtigtes Zusammenklingen aller weltlichen Klänge versteht. Fernab von einer ethnologischen Zurschaustellung fremder Klänge gerät solche Weltmusik darum bei Embryo zu einer geradezu überirdischen Musik. Passend zum Bandnamen wird diese auf den Konzerten nie als etwas vorgefertigtes reproduziert, sondern stets neu geboren. Unter der Federführung des 2018 verstorbenen Bandgründers Christian Burchard gingen solcher konzertanten Neugeburt auch mal endlos lange Improvisationen auf der Bühne voraus, in denen sich die Musiker erst einmal einzustimmen schienen.

Seine Tochter Marja Burchard, die mittlerweile Embryo leitet, startete das Konzert in bewährter Bandtradition zwar auch mit einer Improvisation. Doch unter ihrer Regie war das Ensemble von Anfang an deutlich präsenter. Zwar stürzten sich auch hier die Musiker in waghalsige musikalische Eskapaden, doch das großartig aufeinander eingestimmte Team schien jedem zugleich auch eine verlässliche Rückversicherung zu bieten. Möglicherweise gestatteten solche Sicherheiten auch dem neuen Schlagzeuger Sebastian Wolfgruber, mit seinem virtuosen Spiel so stilprägend auf den Jazzrock-Auftritt von Embryo einzuwirken. Wolfgruber, dessen Techno-Jazztrio LBT zu den spannendsten Bands dieser Stadt zählt, ersetzte den verletzten Schlagzeuger Jakob Thun.

Wenngleich mit ihm das Sextett über Vibrafon, Saxofon, Trompete, Gitarre, Bass und Keyboards vor allem Jazzrock lieferte, war auch dieser nur eine Spielart der Weltmusik, die auch hier auf türkische und alte osmanische Quellen zurückgreift. Wenn dazu Gastmusiker Thomas Grundermann die altdeutsche Sackpfeife erklingen lässt, mag das kurz eine Zeitreise zu den Ursprüngen der Musik assoziieren. Doch augenblicklich präsentiert Grundermann seine Sackpfeife auch als modernes, rocktaugliches Instrument. Wegen der Nachbarn entließ Embryo um 22 Uhr ein begeistertes Publikum ohne Zugabe.

Am Samstag, 18. Juli, wird der Drummer Wolfgruber hier ein weiteres Konzert spielen, diesmal mit dem Jazz-Pianisten Leo Betzl, dem Saxofonisten Valentin Preisler und dem Bassisten Nils Kugelmann. Mehr Informationen zum Programm gibt es unter www.import-export.cc.

© SZ vom 11.07.2020

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