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Musik:Vertraute Fremdheit

Mirage Mirage

Internationale Indie-Supergroup: Bei Spirit Fest spielen Markus Acher (rechts) und Cico Beck (Mitte) von The Notwist und Joasinho.

(Foto: Morr Music)

Grenzüberschreitende Musik von "Spirit Fest" mit Markus Acher und auf der Japan-Pop-Compilation "Minna Miteru"

"Ich wünsche, dass dein Lied mich sehen kann und mich zufrieden vorfindet." So in etwa heißt es im Song "Zenbu Honto - Every Thing is Everything" von Spirit Fest. Gesungen werden die Zeilen von Saya Ueno und Markus Acher auf Englisch gemeinsam im Duett. Dazu hört man eine gezupfte Gitarre und sanfte Elektronikbeats, und im Kopf entsteht das Bild von zwei sich nahe stehenden Menschen, die über eine weite Distanz hinweg mithilfe der Musik kommunizieren. Mit der aktuellen Corona-Quarantäne hat das im Grunde nichts zu tun. Denn das sehr schöne und entspannt dahin schwingende Lied, das auf dem neuen Album "Mirage Mirage" von Spirit Fest zu hören ist, das ist bereits 2018 oder 2019 entstanden. Aber das Leben, Lieben, Leiden auf Distanz: das klingt aktuell und sehr vertraut.

Die bestehenden Grenzen mit Musik zu überwinden, ist dabei nicht die schlechteste Methode. Auch das haben wir in der jüngsten Zeit gelernt. Und als Idee steckt das auch ein Stück weit hinter Spirit Fest. Dieser internationalen Indie-Supergroup, die aus Markus Acher (The Notwist, Hochzeitskapelle), Cico Beck (Joasinho, The Notwist), Saya and Taskashi Ueno alias Tenniscoats und Mat Fowler (Jam Money, Bons) besteht. Seit etwa vier Jahren machen sie gemeinsam ihre die Grenzen zwischen Deutschland, Japan und Großbritannien überschreitende und gegen jegliche Engstirnigkeit gerichtete Musik. Mit dem am 15. Mai beim Berliner Label Morr Music erscheinenden "Mirage Mirage" gehen sie nun albummäßig in die dritte Runde, und entführen einen abermals in eine Welt aus Poesie und Melancholie.

Insgesamt 14 Stücke sind es, die die Musiker im November 2018 im Heimstudio der Tenniscoats und im Juni 2019 in einem Wohnzimmerstudio in München aufgenommen haben. Ihren stilistischen Urgrund haben diese wie gewohnt im verspielten, warmherzigen Avant-Psychedelic-Folk der Tenniscoats. Was die Musiker, teilweise ergänzt durch Nico Sierig (Schlagzeug), Micha Acher (Trompete) und Aiko Okamato (Chrorus), daraus gemacht haben, klingt nun aber noch eine Spur facettenreicher als zuvor. Sehnsucht, Nostalgie, das Rätsel der Liebe, das sind zentrale Themen, die Saya Ueno und Markus Acher auf Japanisch oder Englisch vortragen. Der Ton ist psychedelisch, melancholisch, manch sanftes Lied läuft in einer experimentellen, schrägen Coda aus. Laut wird es aber nie, und trotz der vielseitigen Instrumentierung mit Gitarre, Piano, Trompete, Elektronik oder Harmonium nie überladen.

Es ist ein Album, das mit seiner schlafwandlerischen Stimmung sehr gut in das geisterhafte Jetzt passt. Und wer wissen will, aus welchen Quellen sich das Ganze speist, der sollte sich den am 1. Mai ebenfalls bei Morr Music erschienenen Sampler "Minna Miteru" anhören. Saya Ueno von den Tenniscoats hat ihn mit Hilfe von Markus Acher kompiliert. Entstanden ist die Idee dazu über ein Songbook, das Takashi Ueno mit Liedtexten und Akkorden von befreundeten Musikern aus der Tokioter DIY-Pop-Szene herausgegeben hat. Markus Acher hatte es in Tokio in der Hand, und wollte danach sofort von Ueno wissen: Gibt es auch eine CD dazu? Diese Doppel-CD heißt nun "Minna Miteru: A Compilation of Japanese Indie Music", und sie enthält 27 Stücke, die bis in die Neunzigerjahre zurückreichen. Die wichtigsten Infos über die jeweiligen Bands und Musiker kann man in kurzen, persönlichen Texten von Saya erfahren.

Darunter sind so einige Entdeckungen, wie etwa Vagamoron: Ein Frauen-Duo, das von 1993 bis 2000 existiert hat und dessen Stück "N.P.S." mit seinen ungewöhnlichen, sehr freien Akkorden überrascht. Oder Sakana, eine Band, die es von 1984 bis 2019 gab und deren dunkle, atmosphärische Wavepop-Nummer "Alpha" beeindruckt. Ein paar der Musiker und Bands wie Eddie Marcon, Ichi oder Zayaendo dürfte mancher bereits kennen, weil sie von Markus und Micha Acher zu den vergangenen Alien-Disko-Festivals in den Kammerspielen eingeladen worden waren. Und die Stimme von Kazumi Nikaido, die mit Saya das Duo Nikasoup & Sayasource bildet, dürfte manchem deswegen vertraut sein, weil sie Lieder für Animationsfilme des berühmten Studio Ghibli eingesungen hat.

Insgesamt kommt einem dieser bunt schillernde Kosmos gleichzeitig fremd und sehr vertraut vor. Und das nicht nur, weil einige der Musiker an verschiedenste westliche Vorbilder wie etwa die Beatles, Syd Barrett oder Charles Mingus andocken. Sondern auch weil hier derselbe Geist wie in der Musik der Tenniscoats sowie in der von Spirit Fest weht. Spirit Fest wollten übrigens vom 28. Mai an für ein paar Tage in Deutschland mit "Mirage Mirage" auf Tour sein. Das abschließende Konzert ist für den 8. Juni in den Münchner Kammerspielen geplant. Aber das wäre wohl ein wahres Wunder, wenn das aktuell noch klappt.

Spirit Fest: Mirage Mirage, erscheint am 15. Mai bei Morr Music; Minna Miteru: A Compilation of Japanese Indie Music, ebenfalls Morr Music

© SZ vom 02.05.2020

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