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Lutosławski/Szymanowski/Tschaikowsky:Mit Wucht in die Gegenwart

Mit dem BRSO wagt sich Jansons an Lutosławski.

Wumms! Ein Schlag. Dann schrubben sich die Streicher wie durch tiefen Morast nach vorne, unaufhaltsam. Schließlich gelangen sie ein feines Gefilde, zart, lieblich. Für Sekunden. Dann geht es von vorne los. Gleißende Strahlen des ganzen Orchesters sausen aus einem fernen Horizont herab, und die wüste, wilde Bewegung geht von vorne los. Und wieder. Und wieder.

Mariss Jansons ist aus vielen herrlichen Gründen in die Musikgeschichte eingegangen, ein überdeutliches Engagement für zeitgenössische Musik - klammert man das symphonische Gesamtwerk Schostakowitschs aus - zählt nicht dazu. Und doch kam im Jahr 2011 beim BR-Label diese CD heraus, die zwei, drei Jahre zuvor entstandene Live-Aufnahmen eher selten gespielter Stücke aus dem 20., ja sogar 21. Jahrhundert versammelt.

Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks strotzen vor Kraft und musikantischer Wucht bei diesen Aufnahmen. Die oben beschriebene Passage ist der Beginn der Intrada des "Konzerts für Orchester" von Witold Lutosławski, entstanden zwischen 1950 und 1954. Gerade dieser erste der drei Sätze klingt ein wenig wie die polnische Antwort auf Schostakowitsch, aber auch fabelhaft frei, rhythmisch großartig prägnant. Darauf folgt ein Gewusel, das sich wenig um Konvention schert, ein Moment, das Lutosławski im dritten Teil noch ausbaut. Formal eine Passacaglia stopft er den Satz, länger als die beiden vorangegangen zusammen, mit schrägsten, schroffsten Ideen voll. Dass im Polen der Fünfziger Jahre die Verwendung von Volksmusiken Doktrin war, hört man keineswegs unmittelbar, sondern in zerhackten Derivaten. Den Titel seines Stück lieh sich Lutosławski von Béla Bartók, er rekurriert auf die Individualität aller Orchestermusiker, die Jansons hier zu einem fabelhaften, wettkampforientierten Miteinander antreibt.

Außerdem auf dieser CD: Karol Szymanowskis Symphonie Nr. 3, im Kern eine verführerische, leicht schwüle, eigenwillig spirituell anmutende Orchesterkantate vom "Lied der Nacht", entstanden zwischen 1914 und 1916 in schwebender Tonalität. Und Alexander Tschaikowskys - nicht verwandt, nicht verschwägert - vierte Symphonie aus dem Jahr 2005, die, wie es Jansons von Schostakowitsch her vertraut ist, klanglich das Einbrechen in eine friedliche, idyllische Welt schildert. Aber keineswegs konzis, sondern eher als gut organisiertes Tohuwabohu, in dem immer wieder Inseln der Ruhe zu entdecken sind, mal von der Solo-Bratsche (Nimrod Guez) besungen, mal auch durch ein paar Klavierakkorde umrissen. Da ist mitunter der Gedanke an Kitsch naheliegend. Bis das Tosen von Neuem anhebt, bis es endgültig, mit ganz langem Ton, verebbt. Alle drei Werke wurden übrigens in der Münchner Philharmonie aufgenommen. Auf CD klingt die richtig gut.

© SZ vom 01.04.2020
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