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Tschaikowsky:Düsteres Schicksalsspiel

Umwerfende Intensität in der Oper "Pique Dame".

Was für eine tragische Geschichte: Weil er glaubt, für die abgöttisch geliebte Lisa ohne Vermögen keine gute Partie zu sein, versucht Hermann sein Glück im Spiel und erpresst vermeintlich todsichere Karten von einer alten Gräfin um den Preis ihres Todes. Weil es ihn wieder an den Spieltisch treibt, verliert Hermann endgültig seine geliebte Lisa, die sich das Leben nimmt. Am Ende siegt, anders als vom Geist der Gräfin vorhergesagt, die "Pique Dame". Ein zarter Chor seiner Mitspieler, der wie altrussischer Gesang klingt, und ein wehmütig ätherisches Orchesternachspiel betrauern leise Hermann, der sich erschossen hat: "Herr verzeih ihm und gib seiner unruhigen, gequälten Seele Frieden."

Als Mariss Jansons 2014 Peter Tschaikowskys düster abgründige letzte Oper in der Philharmonie im Gasteig - wie später in einer szenischen Produktion in Salzburg - dirigierte, gab es kein Bühnenbild. Anders als beim konzertanten "Eugen Onegin" unter Jansons im Herkulessaal war in der Mitte eine Spielfläche für die auswendig singenden Protagonisten reserviert. Feine Lichtregie und sparsame Momente des Spielens und Interagierens boten eine szenische Konzentration auf das Wesentliche und legten den Focus ganz auf die alles erzählende Musik. Dank Jansons und der fulminanten BRSymphoniker besitzt das Orchestergewebe daher auch im Livemitschnitt auf CD plastische Präzision und ist stets von dunkler Expression und musikdramatischem Furor durchglüht. Wann spielen Streicher mit einer solchen Intensität, ohne schwülstig zu klingen! Wann leuchten (Blech-)Bläser so tief rubinrot bis fast schwarz! Selbst vermeintlich heitere Momente begrenzt ein scharfer, schmerzvoller Trauerrand.

Muttersprachler sorgen für große Authentizität im Sprachlichen wie Atmosphärischen und in der Charakterzeichnung: Misha Didyk bietet mit teils weiß-, teils rotglühend dramatischem Tenor als Hermann bei aller Leidenschaft auch lyrische Facetten. Als seine Lisa ist Tatjana Serjan ebenfalls mit schöner, slawisch volltönender Stimme gesegnet und mit breiter Ausdruckskraft. Während auf der Bühne die 80-jährige Gräfin meist von alten Operndiven verkörpert wird, besitzt hier Larissa Diadkova jedoch einen Mezzo voller Saft und Kraft, aber im Festhalten an ihre Vergangenheit am Hof in Frankreich ist er auch voll dämonisch abgründigem Stolz. Prächtige Baritone sind Alexey Markov mit viril charismatischer Ausstrahlung als Fürst Jeletzkij, Nebenbuhler Hermanns, sowie ebenso intensiv und stimmgewaltig Alexey Shishlyaev als Graf Tomskij. Der pflanzt im ersten Akt in einer großen Arie die Legende vom Geheimnis der schicksalhaft erfolgreichen Karten in den Kopf Hermanns, treibt ihn damit letztlich in den Wahnsinn und wird so zum eigentlichen Auslöser dieses düsteren Spiels.

© SZ vom 01.04.2020
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