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Musik:Tanzlieder

Everything Blue

"Everything blue" heißt das aktuelle Stück von Jasmine Ellis. Die Musik dazu klingt, als sei sie aus den Siebzigerjahren.

(Foto: Ray Demski)

Bei "Jasmine Ellis Projects" entsteht alte Rockmusik zu Modern Dance

Von Dirk Wagner

Wäre diese Musik, die so stilecht wie nostalgisch klingt, tatsächlich in den Siebzigerjahren entstanden, würde man die Platten aus guten Gründen auch heute noch in den besseren Schallplatten-Sammlungen finden. Doch so gibt es das Album "Everything blue" gerade mal auf zwei Vinyl-Schallplatten. Die wurden für den Einsatz im gleichnamigen Tanztheaterstück der kanadischen Choreografin und Tänzerin Jasmine Ellis gepresst, für das die Musik auch komponiert wurde. Weil sich aber die Theaterbesucher danach erkundigt hatten, wo man diese tolle Musik denn nachhören könne, beschloss deren Komponist Maximilian Hirning, diese wie auch sein vorheriges Werk für Jasmine Ellis nun doch auch zu veröffentlichen. Allerdings nicht auf Vinyl. Aus Kostengründen gibt es das Album vorerst nur bei den geläufigen Streaming-Diensten.

"Das ist für uns zwar keine Einnahmequelle, aber ein bewährtes Werbe-Tool", sagt Hirning, dem die Herstellung von Tonträgern in der Corona-Zeit zu teuer erscheint: "Wenn wir mit der Band wieder richtige Konzerte geben können, werden wir vielleicht Schallplatten pressen lassen, die wir dann verkaufen können", so Hirning. Damit verrät er zugleich, dass die fiktive Rockband The Crown Sessions, die bislang nur in Jasmine Ellis' Tanztheater existierte, sich nun anschickt, Wirklichkeit zu werden. Was auch für die beteiligten Musiker spannend ist, nachdem Hirning sie in der ihm vertrauten Jazzszene eigentlich nur für das eine Projekt engagiert hatte. "Ich will diesmal aber Rockmusik machen"; hatte er, der vor allem als Jazzmusiker mit seinem Techno-Jazz-Trio LBT gefeiert wird, die angefragten Musiker gewarnt. "Alle, die ich fragte, haben sofort zugesagt. Und zwar noch bevor sie erfuhren, dass sie dafür auch bezahlt werden", freut sich Hirning und fühlt sich in seinem Weltbild bestätigt. Er selbst habe schließlich seine Musikerkarriere als Jugendlicher in diversen Rockbands gestartet. Und auch die anderen Jazzmusiker, die er unter anderem während seines Musikstudiums kennenlernte, hatten als 15-Jährige noch Rockmusik gehört. "Wenn man es abstrahiert, sind es die gleichen Dinge, die einen anziehen: Ob es der Puls ist, den die Swingmusik hat, oder dieses ,auf die Nüsse', das Rockmusik haben kann. Oder ob es das körperliche Gefühl ist, das elektronische Musik hervorruft. Im Endeffekt ist es schon der gleiche Reiz", sagt Lukas Bamesreiter. Der Posaunist der Monika Roscher Bigband und Leiter des eigenen Bamesreiter Schwartz Orchestra mimt in der Produktion "Everything Blue" einen erstklassigen Rocksänger. Wobei er facettenreich die Stimme auch mal schmirgelt wie die Rocklegende Henry Rollins, um sodann wieder zu schmachten wie der an einer Straßenlaterne gelehnte Frank Sinatra kurz vor Sonnenaufgang. Der Rosenheimer Gitarrist Tom Wörndl liefert dazu ein Saitenspiel, das bisweilen sogar an jene anschmiegsamen Klangfiguren des Pink Floyd-Gitarristen David Gilmour erinnert. Leo Betzl, der sonst im Techno-Jazz-Trio LBT dem Klavier die aberwitzigsten Klänge zu entlocken weiß, tränkt den Rocksound derweil in satte Hammond-Orgel-Wellen. Und Manfred Mildenberger, dessen Jazz-Trio Organ Explosion auch schon mal im Vorprogramm der Blues-Rock-Formation The Whiskey Foundation die ausverkaufte Muffathalle regelrecht auf den Kopf zu stellen wusste, jongliert hier so raffiniert mit seinen Trommelstöcken, dass die Schlagzeuger-Legende Keith Moon eine wahre Freude daran gehabt hätte. Neben den veröffentlichten Songs aus dem Tanztheater von Jasmine Ellis gebe es bereits weitere Rockstücke der Band, so dass einem regulären Konzert jenseits der Tanzbühne außer der Pandemie nichts im Wege stehe, sagt Bamesreiter.

Aktuell komponiert er zusammen mit Hirning die Musik für Ellis' neues Tanzprojekt "Is Susan Lonely?". Weil sich Tanz und Musik dabei gegenseitig beeinflussen, leben die Musiker derzeit zusammen mit den Tänzern und der Choreografin auf dem Land. "Damit gelten wir auch als ein gemeinsamer Haushalt und dürfen uns also trotz der aktuellen Abstandsregeln berühren", sagt Ellis und betont, dass Tanzen ohne Berührungen die Ausdrucksmöglichkeiten sonst zu sehr eingeschränkt hätte. Weil die Premiere der bereits geprobten Bühnenfassung nun coronabedingt nicht stattfinden darf, arbeitet die Gruppe das Ganze nun zu einem Tanzfilm um. Dieser wird Anfang Dezember auf der Internetseite jasminellis.com zu sehen sein. Nächstes Jahr will Ellis den Film dann in Theatervorführungen um zusätzliche Tänze auf der Bühne ergänzen. Auch dann soll die Musik wieder gesondert als Jasmine Ellis Projects veröffentlicht werden.

© SZ vom 24.11.2020
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