Auszeichnung:In einer Reihe mit Haydn und Mozart

Musikpreis der Stadt München 2021

Leitet sein Festkonzert selbst: Jörg Widmann dirigiert das Münchner Kammerorchester bei der Verleihung des Musikpreises der Stadt München in der Muffathalle. Das Orchester spielt eine Komposition von ihm.

(Foto: Robert Haas)

Jörg Widmann erhält den Musikpreis der Stadt München. Kent Nagano nennt den Komponisten in seiner Laudatio in einem Atemzug mit den größten Genies der Musikgeschichte.

Von Susanne Hermanski, München

Dass Jörg Widmann noch mit beiden Beinen auf dem Boden steht, und nicht irgendwo hoch über den Köpfen der Gäste in der Muffathalle schwebt, ist eigentlich unerklärlich. Schließlich hat Kent Nagano ihn gerade in seiner Laudatio anlässlich der Musikpreis-Verleihung der Stadt München als einen der "wichtigsten lebenden Künstler unserer Zeit" bezeichnet, ihn in einem Atemnzug genannt mit den größten Komponisten - darunter Haydn und Mozart. Und mehr noch: Widmann verkörpere für ihn die pure Hoffnung, dass in einer Welt der politischen und medialen Desorientierung doch noch vieles gut werden könne. In einer Welt, deren am meisten gefeierte Stars der Musikszene wie Kanye West stolz darauf seien, Apps wie Autotune zu verwenden, mit deren Hilfe man falsch eingesungene Töne im Nu in richtige verwandle. In einer Welt, die jede Tradition vergesse und allein dem vermeintlich Neuen huldige. Und dies in vollkommener Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass nur fest und sicher steht, wer im Bewusstsein des Vergangenen, des Vorangegangenen steht.

Jörg Widmann steht fest. "Aber er ist kein falscher Heiland", sagt Nagano auch, der für diesen Abend extra aus dem tief vernebelten San Francisco eingeflogen gekommen ist. "Aber irgendwann hat der Taxifahrer den Weg doch noch gefunden", erzählt Nagano. Er und Jörg Widmann kennen sich persönlich schon seit der Uraufführung von Widmanns Oper "Babylon", im Jahr 2012. Nagano, damals noch Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper, hat diese Aufführung dirigiert, Peter Sloterdijk hat das Libretto dazu geschrieben.

Musikpreis der Stadt München 2021

Kent Nagano und Jörg Widmann kennen sich seit der Uraufführung von Widmanns Oper "Babylon", im Jahr 2012. "Die Musik war derart lyrisch, dass meine Tochter, die damals erst vier Jahre alt war, das Nationaltheater an diesem Abend singend verließ", sagte Nagano.

(Foto: Robert Haas)

Nagano erinnert sich: "Ich war ein wenig beunruhigt, als nach der Hauptprobe die letzte Szene immer noch nicht fertig war. Aber Jörg versicherte mir, sie würde rechtzeitig kommen. Sie kam. 15 Minuten vor Beginn der Generalprobe. Das Ergebnis war von solcher Schönheit und Prägnanz, dass es all die Konflikte, die in Babylon verhandelt worden sind gleichsam löste, und Frieden einziehen ließ. Die Musik war derart lyrisch, dass meine Tochter, die damals erst vier Jahre alt war, das Nationaltheater an diesem Abend singend verließ."

Die besondere Qualität von Widmanns Musik, die das Etikett "Neue Musik" wahrhaft verdiene, sei ihre Durchlässigkeit. Nie sei sie simpel, immer "öffnet sie die Fenster und lässt aus allen Richtungen frische Luft hinein. In einer einzigartigen ästhetischen Sprache". Wie diese klingt, davon hatten sich die Gäste der Preisverleihung gerade eben aus erster Hand überzeugen können. Denn gleich zur Eröffnung des Abends hatte Widmann einige seiner "Freien Stücke" zu Gehör gebracht. Er dirigierte dafür selbst das Münchner Kammerorchester, mit dem ihn eine langjährige Zusammenarbeit verbindet.

Dass Widmann außerhalb der Musikszene und einer kundigen Gemeinde von Klassikfans trotzdem auch in München noch nicht jedermann kennt, mag seiner persönlichen Bescheidenheit im Auftreten geschuldet sein, und es mag sich in Zukunft sich in Zukunft ändern. Denn Widmann ist erst 48 Jahre alt. Er ist in München geboren, auf das Pestalozzi-Gymnasium gegangen, und er hat seine Erdung nie verloren, auch wenn er sich schon seit Jahren kaum der vielen Aufträge erwehren kann, die ihn aus allen Himmelsrichtungen erreichen: als Komponist, Klarinettist und zunehmend auch als Dirigent.

Anton Biebl, Kulturreferent der Stadt München, scherzt angesichts der Fülle von Widmanns Talenten. Die eigene Verwaltung habe beim Ausfüllen der Urkunde ursprünglich einen Fehler gemacht und Widmann auch noch den Tanzpreis zugesprochen. Bürgermeisterin Katrin Habenschaden betont in ihrer Rede, wie glücklich sie mit der Wahl der Jury sei. Denn jeder, mit dem sie über Widmann gesprochen habe, hätte ihr versichert, der Ausgezeichnete sei nicht nur ein grandioser Musiker. "In seinem Herzen weht auch eine Fahne für München. Er ist unserer Stadt immer verbunden geblieben, auch auf seinen internationalen Wegen."

Musikpreis der Stadt München 2021

Kulturreferent Anton Biebl übergibt die Urkunde an Jörg Widmann, den Komponisten und Dirigenten, Bürgermeisterin Katrin Habenschaden hält solang die Blumen.

(Foto: Robert Haas)

Den Beweis für die Richtigkeit dieses patriotisch-bunten Bildes tritt Widmann auf zweierlei Weise an. Er bedankt sich mit großer Wärme bei seiner "Heimatstadt. Dass sie mir diesen Preis verleiht, bedeutet mir sehr viel", betont er. Doch er vergisst ebenfalls nicht, die günstige Gelegenheit für ein kleines Plädoyer zu nützen: "In den nächsten Tagen müssen Sie als Politiker wichtige Entscheidungen fällen, die auch die Künste massiv betreffen werden. Denken Sie bitte an die Folgen, die diese Entscheidungen haben werden", sagt er. Und gibt damit den Auftakt für den zweiten Teil des Abends, an dem bei Wein und Bier so manch politisch Lied gesungen wird. Auf Abstand und unter Einhaltung der Corona-Vorschriften - und doch mit flammenden Herzen.

© SZ
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