Musik Pamina mit Plastikkrone

Shantala Vallentin (links) und Carolina Nees (rechts) als Papageno und Pamina in ihrer Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte".

(Foto: Uwe Mühlhäusser/oh)

Die Zauberflöte als Duett: Carolina Nees und Shantala Vallentin inszenieren Zwei-Personen-Opern

Von Daniel Sippel

Kein Mensch mit klarem Verstand wird versuchen, Mozarts "Zauberflöte" mit nur zwei Personen zu inszenieren. Unmöglich. Für die korrekte Aufführung des Werks benötigt ein Opernhaus: 21 Solisten und 50 Chorsänger auf der Bühne, 60 Musiker im Orchestergraben. Hinzu kommen Bühnenbildner, Regisseure, Assistenten und Assistenten der Assistenten. Carolina Nees und Shantala Vallentin haben trotzdem vor vier Jahren begonnen, zu zweit Opern aufzuführen. Seitdem hat ihr "Duo Papagena" hunderte Konzerte in Schulen, auf Palliativstationen und in Kindergärten gespielt.

"Für unsere Idee sind wir schon sehr komisch angeschaut worden, auch von Freunden", sagt die Münchner Oboistin Carolina Nees, 28, und erinnert sich an das Jahr 2012. Damals lernt sie Shantala Vallentin kennen, eine Flötistin. Die beiden teilen eine Überzeugung: Es gilt, abseits festgetrampelter Wege zu gehen. Beide träumen davon, ein neues Konzertformat zu entwickeln. Und beide haben den Mut dazu.

Februar 2012. In den Semesterferien brüten sie über dem Libretto der Zauberflöte. Ein paar Tage zuvor hat "Live Music Now", die Stiftung des verstorbenen Star-Geigers Yehudi Menuhin, den beiden ein Konzert vermittelt. Für den Auftritt auf einem Hof für Menschen mit Behinderung wollen die Musikerinnen etwas Besonderes bieten, eben Mozarts Zauberflöte. Doch der Hof verfügt über keine geeignete Bühne. Zudem reicht das bescheidene Konzerthonorar nicht aus, 130 Künstler zu bezahlen.

Also stemmen sie die Oper mit dem, was sie haben - einer Oboe, einer Flöte und sich selbst als Akteure. Wie aber sollen sie die 21 Rollen in der Zauberflöte gleichzeitig spielen? Vorlesen könnte man die ganze Geschichte natürlich. Doch sie denken sich: "Wenn wir die Geschichte erzählen, können wir uns auch einen Hut aufsetzen und schauspielern." Im Dachboden-Fundus ihrer Eltern finden sie dafür die passenden Requisiten: eine Plastik-Krone für Pamina, mit blinkendem Herzchen auf einer Zacke. Einen Sonnenhut mit bunten Federn für Papageno. Und einen schwarzen Schleier mit venezianischer Maske für die Königin der Nacht.

Die Herausforderung bleibt: Sie sind nur zu zweit - viel zu wenig Personal, um die Oper szenisch aufzuführen. Vallentin und Nees kochen das Libretto ein, reduzieren es auf die wichtigsten Rollen, verwandeln das dreistündige Werk in ein 50-minütiges Opern-Destillat. Das fällt ihnen leicht. "Die Geschichte ist ziemlich seltsam - und unendlich frauenfeindlich." Im Text stehen Zeilen wie: "Ein Weib tut wenig, plaudert viel." Gestrichen. Auch die "Drei Knaben" streichen sie - dreistimmig spielen können sie zu zweit beim besten Willen nicht.

Dann proben die beiden, wochenlang. Mit einer Kamera nehmen sie ihr Spiel auf, verbessern sich gegenseitig, schreien sich an, vertragen sich wieder. "Wir waren total überzeugt von der Idee", kommentiert die 26-jährige Shantala Vallentin. Zwischen die Szenen streuen sie Mozarts Musik. Die müssen sie nicht umschreiben, denn sie finden in der Bibliothek ein Zauberflöten-Arrangement für Oboe und Flöte aus dem 18. Jahrhundert.

Nach Wochen leidenschaftlicher Arbeit ist schließlich der Aufführungstag auf dem Hof gekommen. Die beiden faszinieren ihr Publikum. Auf die Welle der Begeisterung folgt eine Buchungswelle. Mit dem verdienten Geld finanzieren die beiden Musikerinnen ihr Studium. Seitdem haben sie die Zauberflöte zu zweit ungefähr 150 Mal aufgeführt. Nach eineinhalb Jahren voller Auftritte - parallel zu ihrem Studium - arrangieren sie Opern wie "Hänsel und Gretel" und das Ballett "Der Feuervogel".

Die Münchnerinnen beantragen Fördergelder und bekommen 7000 Euro vom Münchner Kulturreferat, dem Bayerischen Musikfonds und der Kulturstiftung der Stadtsparkasse München. Damit beauftragen sie die Starnberger Komponistin Helga Pogatschar, Musik für die Theateradaption eines Jugendbuchs zu schreiben. So erfolgreich arbeiten die beiden, dass die Hochschule für Musik in Nürnberg sie einlädt. Sie sollen über musikalische Alternativ-Karrieren zum Orchesterberuf dozieren. Neben dem Aufführen von Opern im Duo verdienen die beiden ihren Lebensunterhalt heute, nach ihrem Studium, als Musikvermittlerinnen.

Was erklärt ihren Erfolg? Ihr Mut, Neues zu wagen, ihre künstlerische Chuzpe, die Nähe zum Publikum? Ihre Bühne erstreckt sich stets über den ganzen Raum, wie zuletzt im Kindergarten Isoldenhof in München-Schwabing: Papageno huscht durch die Kinderreihen und findet ein "bezaubernd schönes Bild" von Pamina. Sie spielen eine kurze Musikeinlage; einige Erzieher summen verträumt mit. Später kämpft sich Tamino durch den Feuerberg (rotes Konfetti) und den Wasserberg (blaues Konfetti).

Trotz der wunderbaren Inszenierung kugeln sich nach einer halben Stunde einige der fünfjährigen Isoldenhof-Kinder auf ihren Sitzmatten. Shantala Vallentin ärgert das nicht: "Während wir die Musik spielen, verarbeiten sie eben, was sie vorher gesehen haben." Aber überfordert es die Kinder nicht, wenn Sarastro ihnen humanistische Sätze wie "Es siegen Weisheit, Liebe, Stärke" an den Kopf knallt? Shantala Vallentin erwidert: "Man darf Kinder nicht unterschätzen. Besser, wir fordern sie, als sie zu unterfordern."