Musik aus München:Lieder für zwei Väter

Musik aus München: Es hat gedauert, bis sich Simon Lovermann zu seiner Passion als Musiker bekannte. Jetzt verknüpft er Sound und Visuelles.

Es hat gedauert, bis sich Simon Lovermann zu seiner Passion als Musiker bekannte. Jetzt verknüpft er Sound und Visuelles.

(Foto: Simon Deghani)

Simon Lovermann, Mitgründer des erfolgreichen Münchner Fotomagazins "Der Greif", veröffentlicht mit "Handwerke" sein Debütalbum als Musiker und stellt es live in London vor.

Von Jürgen Moises, München

Als der junge Jazzmusiker Robert Walzer Mitte der Achtziger zu einem Auftritt in der Münchner Unterfahrt aufbrach, wusste er nicht, dass seine Freundin schwanger war. Und auch nicht, dass er in dem Jazzclub nie ankommen würde. Denn der 28-Jährige starb auf dem Weg dorthin bei einem Unfall. Sein Sohn Simon hat später in Landsberg im Kindergarten von seinem leiblichen Vater erfahren, nachdem er sich gewundert hatte, warum er neben zwei Eltern drei Großelternpaare hat. Heute ist Simon Lovermann 36 Jahre alt und wohnt mit seiner Frau und seinem eigenen Sohn in Finning am Ammersee. Er hat sich als Mitgründer des zunächst in Augsburg und inzwischen in München ansässigen Fotomagazins Der Greif einen Namen gemacht. Und wie sein Vater ist er Musiker, wie sein sehr schönes, am 29. Oktober als Kooperation zwischen dem Greif und dem Münchner Jazz-Label Squama erscheinendes Debüt "Handwerke" beweist.

Dass er sich mit diesem Album offen als Musiker bekennt, diesen Schritt zu wagen, das hat bei Lovermann gedauert, wie er am Telefon erzählt. Dabei spielt er seit fast 30 Jahren Klavier, war als Teenager in einer Funk-Band und komponiert seit knapp zehn Jahren Musik für Tanztheaterstücke, die er gemeinsam mit dem Tänzer Dustin Klein und der Kostümbildnerin Louise Flanagan entwickelt. Auch eines der zwei Musikvideos zu "Handwerke" haben sie zusammen gedreht. Darin geht es um das Thema Identität. Wie auch beim Album insgesamt, auf dem er sich in elf an Klavier, E-Piano, Synthesizer, Percussion und Beatbox eingespielten Instrumentalstücken mit seinen zwei Vätern, dem leiblichen und seinem Stiefvater, mit Themen wie Tod, Herkunft, Vaterschaft und Familie auseinandersetzt. Weshalb das Album den Untertitel "Songs for My Fathers" trägt.

Sein Vater hinterließ ihm eine große Jazz-Sammlung und Schränke voller Noten

Lovermanns Stiefvater ist ehemaliger Schulleiter. Sein biologischer Vater ist und war für ihn "eine Art Projektionsfläche" und insofern ein prägender Einfluss als er ihm eine große "Jazz-Plattensammlung, das Klavier, eigene Kompositionen und Schränke voller Noten" hinterließ. Das alles hat er mit elf Jahren bekommen, da hatte er schon vier Jahre Klavier gelernt, aber das zunächst "ganz klassisch". Inspiriert durch die Platten hat er dann mit Jazz- und Improvisations-Unterricht begonnen. Mit 14 kam die Funk-Band, in der es auch einen DJ und einen Rapper gab. Was Lovermanns ebenfalls erwachter Leidenschaft für Hip-Hop entgegenkam, die sich parallel im Hobby des Graffiti-Sprayens ausdrückte. Daraus folgte wiederum das Interesse für Fotografie, was später schließlich zum Studium der Gestaltung in Augsburg und zur Gründung von Der Greif führte.

"Ich habe lange damit gerungen, Jazz und Komposition zu studieren", erzählt Lovermann. Die Entscheidung fiel dann aber anders aus. Die Musik konnte er aber trotzdem nicht ganz loslassen. So komponierte er 2010 bei seiner Bachelorarbeit Musik für ein Jazztrio, fing 2012 mit Musik für Choreografien an und zwischen 2012 und 2015 schrieb er die Stücke für das Solo-Album und nahm diese auf. Weil er 2016 dann selber Vater wurde und parallel zum Greif ein eigenes Start-up hochzog, blieben die fertigen Stücke aber liegen. Irgendwann reifte die Idee, in den Release den Greif sowie befreundete Fotografen einzubeziehen. Über den Pianisten Carlos Cipa lernte er den Squama-Chef Martin Brugger kennen. Und plötzlich fügte sich alles zusammen.

Das Album enthält Samples aus Wim Wenders Film "Berlin, Texas"

Hinzu kommt, dass er zunehmend Parallelen zwischen der Musik und der Arbeit beim Greif erkannte, die er als "eine Art Remix oder Sampling mit Bildern" beschreibt. Und tatsächlich ist es die Besonderheit beim Greif, dass die Herausgeber Fotos und literarische Texte "mixen" oder wie eine gedruckte Ausstellung kuratieren. Seine Kompositionen sieht Lovermann ebenfalls als eine Art Sampling, indem er Stile wie Jazz, Elektronik, Minimal Music mischt. Auch an "Neoklassiker" wie Hauschka lässt sich denken. Zudem hat er akustische Schnipsel aus Wim Wenders Film "Paris, Texas" eingefügt, in dem eine Vater-Sohn-Beziehung eine wichtige Rolle spielt und den er während der Aufnahmen neu für sich entdeckt hat. Die Genehmigung dafür hat er sich bei Wenders persönlich geholt. Bei einer Galerieeröffnung in Paris, nachdem ein gemeinsamer Freund den Kontakt hergestellt hatte.

Musik aus München: 16 Fotografen haben Bilder für das Artwork der Platte beigesteuert. Bei der Sammleredition sind alle Motive als Karten beigelegt.

16 Fotografen haben Bilder für das Artwork der Platte beigesteuert. Bei der Sammleredition sind alle Motive als Karten beigelegt.

(Foto: Simon Lovermann)

Live präsentiert wird das Album ebenfalls in einer Galerie: am 28., 29. und 30. Oktober in der Webber Gallery in London. Dort wird er die Stücke in reduzierter Fassung am Klavier spielen, das Publikum wird um ihn herum am Boden sitzen, umgeben von den Bildern der 16 Fotografen, die am Artwork beteiligt waren. Bei den 500 Vinyl-Exemplaren des Albums sind die Bilder im Booklet enthalten, ergänzt durch persönliche Texte, die den gewünschten Bezug zum Thema "Identität" erklären. Außerdem steckt jeweils ein einzelnes Motiv als Postkarte in einer Hülle auf dem Cover. Bei der auf 20 Stück reduzierten Sammleredition gibt es alle Motive als Karten.

Ein Konzert in München wird geplant. Im nächsten Jahr soll es eine Remix-Version des Albums geben, außerdem ist ein Release mit während der Pandemie geschriebenen "Miniaturen" geplant. Es gibt Ideen für ein weiteres Album, mit dem Schauspieler Felix von Bredo arbeitet er an einem literarisch-musikalischen Bühnenprogramm und auch neue Tanzprojekte sind in Planung. Seine Arbeit beim Greif will er zurückfahren und sich stärker auf sein musikalisches Schaffen konzentrieren. Klingt so als hätte Simon Lovermann seine künstlerische Identität gefunden.

Simon Lovermann: Handwerke, erhältlich über shop.dergreif-online.de

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