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Musik:Klingende Heimat

Schellackplatten, Noten, Kassetten und Bücher: Das Volksmusikarchiv baut aus. Es soll künftig auch Nachlässe von Autoren kaufen und zugänglich machen

Von Sabine Reithmaier

Der Bezirk Oberbayern hat Großes vor. Er verwandelt sein Volksmusikarchiv in Bruckmühl (Landkreis Rosenheim) in ein Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik. "Wir wollen das literarische und musikalische Gedächtnis von Oberbayern werden", verkündet Elisabeth Tworek, Leiterin der Abteilung Kultur, Bildung, Museen, Heimat auf einer Pressekonferenz im Archiv. Ihr Chef, Bezirkstagspräsident Josef Mederer, schwärmt von der einmaligen Chance, Kompetenzen zu bündeln, endlich die diversen Kulturarchive des Bezirks zu vernetzen und den Menschen zeitgemäße Angebote zu machen. Nicht sofort, aber in naher Zukunft sollen die Kulturgüter, die der Bezirk besitzt, im Internet einsehbar sein. Das ist eine Menge.

Zu seinen Einrichtungen zählen außer Berufsfachschulen, Förderzentren und Fachberatungen auch Museen wie das Freilichtmuseum Glentleiten oder das Bauernhausmuseum Amerang. Viele andere Häuser unterstützt der Bezirk über Zweckverbände, etwa die Psychiatriemuseen in Haar und Wasserburg oder das Kelten-Römer-Museum Manching. Dazu kommen das Trachten-Informationszentrum in Benediktbeuern, das europäische Künstlerhaus Schafhof in Freising, das Bildungszentrum Kloster Seeon und natürlich das bisherige Volksmusikarchiv als neues Literatur- und Musikzentrum.

Ermöglicht hat die Neuausrichtung die Marktgemeinde Bruckmühl, die dem Bezirk 2017 anbot, nicht nur das ehemalige Krankenhaus zu kaufen, in dem das Volksmusikarchiv seit 2000 untergebracht ist, sondern auch das angrenzende Seniorenheim mit Alt- und Neubau einschließlich der ehemaligen Moschee. Zu einem fairen Preis, sagt Mederer. Diese Verdoppelung der Grundfläche erlaubt den neuen Aufgabenzuschnitt. Das bereits beschlossene Raumprogramm bietet künftig genügend Platz für Ausstellungen, Seminare, Workshops und sieht auch einen großen Veranstaltungssaal vor. Auch das Personaltableau ändert sich gravierend, nachdem sich Ernst Schusser, bislang Volksmusikpfleger und Leiter des Archivs, vor kurzem in den Ruhestand verabschiedet hat.

"Die Madln die renna, weils mi alle kenna, in mi is a jede verlor'n, heißt es im "Stolz von der Au". Jetzt wird auch Popmusik ins Archiv aufgenommen.

(Foto: Bezirk Oberbayern)

Künftig sitzen in Bruckmühl nicht nur sein Nachfolger, der junge Volksmusikpfleger Bernhard Achhorner, sondern auch Matthias Fischer, der Mann für die Popularmusik, derzeit noch in der Bezirkshauptverwaltung in München angedockt. Bereits vor Ort ist Verena Wittmann als Leiterin des Archivs für Volksmusik und regionale Literatur. Die Landeshistorikerin und Germanistin hat ihre Stelle bereits im April 2019 angetreten. Nach einem Chef für das junge Team wird noch gesucht, die Stelle für die Gesamtleitung ist ausgeschrieben. "Er oder sie muss auf jeden Fall mit den anderen Drei harmonieren", sagt Tworek, während sich Mederer einen Allrounder wünscht, der über alle Gebiete hinweg einen Gesamtüberblick hat. Die Entscheidung wird im Frühjahr fallen.

Von der Verbindung Volks- und Popularmusik erhofft sich Tworek zahlreiche positive Impulse, die Grenzen zwischen den beiden Bereichen existierten für viele Musiker ohnehin längst nicht mehr. "Wenn man einen Stein im Mosaik anders legt, ändert sich das ganze Bild", prophezeit sie.

Mit der Entscheidung, sich künftig um die Literatur Oberbayerns zu kümmern, schließt der Bezirk eine Lücke. Denn in der Monacensia, dem Literaturarchiv Münchens, liegt der Schwerpunkt auf den Literaten der Stadt einschließlich des S-Bahn-Bereichs. Doch die übrigen oberbayerischen Schriftsteller betreut bislang keine Einrichtung. Auf Archivarin Verena Wittmann wartet daher viel Arbeit. Derzeit ist sie freilich mit der Inventarisierung des bereits vorhandenen Materials beschäftigt.

Das Volksmusikarchiv, 1985 gegründet, umfasst inzwischen mehr als 60 Sammlungen und Nachlässe. Dazu kommen Notenbestände von Musikkapellen, Liederbücher, Musikantenhandschriften, Flugblattsammlungen, Schallplatten, Kassetten, nicht zu vergessen die Aufzeichnungen der Feldforschungen Ernst Schussers, der das Singen, Tanzen und Musizieren der Oberbayern in Film und Ton festgehalten hat. Wertvoll die Musikinstrumentensammlung, die der Bezirk vor drei Jahren ankaufte. Natürlich gibt es auch eine Fachbibliothek zu Musik, Tanz und Brauch. "Das sind alles Zeitkapseln, die wir ihrem Wert entsprechend aufbewahren wollen", sagt Wittmann. Auch wenn ein Sammlungskonzept noch nicht existiere, sei bereits klar, dass der Fokus künftig auf Originalen und unikalen Archivalien liegen wird. "Wir wollen ein Ort werden, wo Nachlässe gern hingeben werden."

30 000 Platten

aus Schellack mit Musik aus der Region liegen schon im Archiv in Bruckmühl. Die wenigsten davon sind bereits digitalisiert, das soll in den kommenden Jahren nachgeholt werden Immerhin halten sich diese Platten langfristig aber besser, als etwa CDs oder Kassetten.

Was die Inventarisierung der Archivalien angeht, berichtet sie von einem großen Nachholbedarf. Weiter fortgeschritten sei die Digitalisierung, vor allem bei Fotos und Handschriften. Von den 30 000 Schellackplatten ist nur ein kleiner Teil digitalisiert, auch weil sie sich besser erhalten als die jüngeren Kassetten und Magnetbänder. "Die retten wir vorher." Die nächsten fünf bis zehn Jahre werden sie und ihre Kollegen gut damit beschäftigt sein, eine Datenbank zu implementieren und sich mit den Archiven anderer Bezirkseinrichtungen zu vernetzen. "Erst wenn klar ist, was wir besitzen, können wir das Bestandsprofil schärfen und auch ein klares Sammlungskonzept für die künftige Oberbayern-Bibliothek entwickeln", sagt die Archivarin, mit der Tworek bereits in der Monacensia zusammengearbeitet hat. Unbedingt einbezogen werden soll die Dialektforschung, da sich in den Liedtexten oder in den Tondokumenten des Archivs bereits viel Mundart findet. Bislang kümmern sich überwiegend Vereine um diesen Bereich. "Die machen eine super Arbeit", lobt Wittmann. "Aber wir müssen aufpassen, dass uns nichts durchrutscht."

"Wir sind jedenfalls am Beginn eines gewaltigen Entwicklungsschubs", freut sich Mederer. Der Umbau der Gebäude werde sich vermutlich zwei Jahre hinziehen. "Bis dahin werden wir weiter Ideen entwickeln, um uns zukunftsfähig aufzustellen."

© SZ vom 05.12.2020
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