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Musik:Klassik am Odeonsplatz

Choristinnen singen die schon obligatorische "Ode an die Freude" und den Gefangenenchor aus "Nabucco" - mit Abstand und ohne Proben.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Musiker spielen unter freiem Himmel - und fordern Gehör für ihre Nöte

Von Michael Stallknecht

So voll wie am vergangenen Freitag war es auf dem Odeonsplatz wohl schon seit Wochen nicht mehr - und so laut auch nicht. Die "Münchner Ruhestörung", seit dreißig Jahren auf Demonstrationen aktiv, macht ihrem Namen alle Ehre, auch wenn sie diesmal sozusagen für sich selbst demonstriert, dafür, auch in den Zeiten des Coronavirus öffentlich trommeln und trillerpfeifen zu dürfen. Nachdem am Vormittag bereits die Gastronomen am selben Ort mit leeren Stühlen auf ihre Lage hingewiesen hatten, legten am Abend die Musiker klanglich nach, deren Zukunft momentan genauso unsicher ist wie die der Restaurant- und Hotelbetreiber. Schließlich hat die bayerische Staatsregierung im Gegensatz zu anderen Bereichen wie Kirchen und Fußball zu möglichen Perspektiven für die gesamte Kulturszene bisher keinerlei Stellung genommen.

Vor einer Woche startete Kathrin Feldmann - Sängerin, Pianistin und Mitglied der "Münchner Ruhestörung" - daher auf Facebook einen Aufruf, um zu zeigen, "dass öffentliches Musizieren auch unter den gegenwärtigen Bedingungen möglich ist". Laut ihrer Aussage hat Facebook das Teilen des Aufrufs erschwert, weil er für die Richtlinien wohl schon zu sehr nach Ruhestörung roch. Das Münchner Kreisverwaltungsreferat zeigte sich zugänglicher: Entsprechend der Gesetzeslage im Freistaat gestattete es eine Versammlung, wenn auch mit großen Auflagen und unter mehrfacher Reduktion der Teilnehmerzahlen. Nach den Trommlern singen und spielen nun auf den Stufen der Feldherrnhalle 25 Choristen und Instrumentalisten für eine knappe Stunde, was auch im Netz schon emblematisch für Musik in viralen Zeiten geworden ist: die "Ode an die Freude" natürlich, "Thank you for the music", den Gefangenenchor aus "Nabucco". Klassik am Odeonsplatz (geplant für Juli, bisher noch nicht abgesagt) mal anders: Geprobt werden konnte nicht, die Choristinnen - Frauen sind in der Überzahl - stehen in großen Abständen, Verstärkung ist verboten.

Dennoch können sie sich problemlos Gehör verschaffen. Denn das zahlreiche Publikum außerhalb der rot-weißen Absperrbänder ist so still, wie man das bei Konzerten im Freien sonst kaum erlebt. Eigentlich hatte Feldmann aufgefordert, in Bewegung zu bleiben, damit es nicht zu einem Massenauflauf kommt. Doch viele Radfahrer und Fußgänger halten an, und weil auch die Stehenden auf Distanz zueinander bleiben, greifen eher freundlich wirkende Polizisten nicht ein. Fast körperlich ist rund um den Platz zu spüren, wie groß die Sehnsucht nach Livemusik inzwischen bei vielen Menschen geworden ist.

Sehnsucht ist ein Wort, das denn auch bei Kathrin Feldmann häufig im Telefonat nach der Demo fällt: die eigene Sehnsucht nach einem Musikmachen, das nicht nur im Internet stattfindet, aber auch die Sehnsucht, die sie bei Hörern wecken will. Von Ängsten spricht sie, die sie momentan spüre, von einer Schockstarre, die zu einer vorauseilenden Akzeptanz aller staatlichen Regulierungen führe. Da Feldmann auch eine psychotherapeutische Heilpraktikerausbildung gemacht hat, ist sie überzeugt, dass Musik Ängste lindern kann und deshalb gerade in diesen Zeiten unentbehrlich ist. Schon jetzt, glaubt sie, wäre da viel mehr möglich, "wenn es für die Regierung ein wichtigeres Thema wäre": Konzerte in Kammermusikformation etwa im Hofgarten oder auch in der Philharmonie mit freien Plätzen zwischen den Besuchern.

Mit ihrem Konzert möchte Feldmann auch auf die finanzielle Notlage von Musikern aufmerksam machen, die nur mit Streaming kein Geld verdienen können. Manche Zuschauer, sagt sie, hätten anschließend gefragt, ob sie etwas zahlen können. Ebenso wie die Gastronomen möchte Feldmann denn auch weitermachen, beim nächsten Mal sollen sich auch Schauspieler beteiligen. Ob sie allerdings eine weitere Versammlung beim Kreisverwaltungsreferat durchkriegt, weiß sie momentan noch nicht. Musiker haben eine Stimme - dieses Signal war jedenfalls schon diesmal unüberhörbar auf dem Odeonsplatz.

© SZ vom 27.04.2020

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