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Musik im Museum:Eine Bratsche für Baselitz

In der Pinakothek der Moderne haben Musiker vor Kunstwerken Videos aufgenommen. "Das Museum lebt" heißt das Projekt, das Mut macht in Zeiten der Einschränkung

Von Rita Argauer

Allein im Museum. Eine solche Vorstellung birgt eine gewisse Romantik. Was machen die Kunstwerke, wenn die Blicke der Besucher verschwinden? Im Märchen erwachen sie zum Leben, in Hollywoodfilmen auch. In echt ist das leere Museum gerade eher tragisch. Ausstellungen, wie etwa Omer Fasts künstlerische Reaktionen auf Max Beckmann in der Graphischen Sammlung, die gerade für drei Wochen geöffnet war, um dann wieder zu schließen zu müssen und in der Form aller Voraussicht nach nicht mehr eröffnet werden wird. Kunst, die nur wenige Mensch zu Gesicht bekommen haben. Materialisiert sich die Kunst, wenn sie nicht betrachtet wird? Braucht Kunst ein menschliches Gegenüber? Solche Fragen stellen sich zwangsläufig. Klar ist: Die Menschen brauchen auf jeden Fall die Kunst. Für die Gehirne, für die Perspektiven, dafür, dass im Lockdown nicht auch der Geist und die Seele völlig eingesperrt werden.

Aus eben dieser Situation heraus entsteht in der Pinakothek der Moderne gerade ein schönes Projekt. Musiker, die kein Publikum haben, spielen vor Kunstwerken, die keine Betrachter mehr haben. Per exzellenter Video- und Tontechnik werden diese dabei neu entstehenden Kunstwerke aus Musik und Bildern per Internet mit der Welt geteilt.

Der Klang ist durchdringend. Rau, etwas belegt und klagend schallt der Ton der Bratsche von Nils Mönkemeyer durch den Saal mit der Schenkung von Georg Baselitz. "Auf dem Kopf stehend, so ist die Welt gerade auch", erklärt der Bratschist vor seiner Tonprobe, auch deshalb habe er sich für den Raum mit den Werken Baselitz' entschieden. "Die Welt steht Kopf, aber man bekommt auch eine andere, neue Perspektive. Das trifft alles auch zu auf das Spielen in Zeiten von Corona." Mönkemeyer spielt Bach bei Baselitz. Zunächst zum Üben alleine das Präludium aus der Suite Nr. 1, eigentlich für Cello komponiert, in der Version für Bratsche. Es ist unheimlich und herrlich. Die Dringlichkeit, die ein Musiker hat, sein Instrument nicht nur zu Hause zu spielen, wird ebenso spürbar wie die Kraft raumhoher Bilder.

Eric Dietenmeier hat das Projekt konzipiert. Er leitet die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit der Pinakothek der Moderne. Und natürlich verschafft er durch das Projekt mit dem Namen "Das Museum lebt" seinem Haus auch eine Öffentlichkeit, die es gerade nicht hat. Michael Hering, Direktor der Graphischen Sammlung, leidet dabei spürbar mit den Künstlern und deren Werken, die nun niemand sieht. Doch diese Räume und Säle, die sonst meist gut besucht sind, nun Musikern, die keine Bühne mehr haben, zu Verfügung zu stellen, versteht er in diesen Zeiten auch als Geste der Solidarität. Alle sitzen im selben Boot. Etwa die Opernsängerin Hanna-Elisabeth Müller, die sich wochenlang auf ihre Rolle als "Arabella" an der Wiener Staatsoper vorbereitet hat und deren Aufführung dann kurz vor der Premiere abgesagt wurde. Eine künstlerische Vorarbeit, die im Nichts verschwindet. Da hat Eric Dietenmeier Parallelen gezogen und die Musiker kurzerhand in sein Haus eingeladen.

Gemeinsam einsam: Nils Mönkemeyer spielt im Baselitz-Saal. Musik und Kunstwerke sollen im dabei entstandenem Video zusammen wirken.

(Foto: Catherina Hess/VG Bild-Kunst Bonn 2020)

Das Line-up, das dabei herausgekommen ist, kann sich sehen lassen. Neben Mönkemeyer und Müller tritt etwa auch Anne-Sophie Mutter mit ihrem Quartett im noch nicht eröffneten neuen Ausstellungssaal der Neuen Sammlung auf. Die Cellistin Raphaela Gromes ist ebenso dabei wie der Staatsorchester-Hornist Christian Loferer. Der spielt etwa im hallenden Wintergarten der Cafeteria Alphorn. Über zwei Tage hinweg wurden die Videos in den verschiedenen Räumen und Sälen der Pinakothek aufgezeichnet. Klassik trifft dabei auf Weltmusik und Jazz.

Während Mönkemeyer also mit seiner Bratsche die Beziehung zu Baselitz und Bach sucht, wandert etwa ein Stockwerk tiefer der Saxofonist Mulo Francel durch die Ausstellung zum Danner-Preis. Er spielt ein melancholisches Stück, eine Eigenkomposition. "Sylphion" heißt die, benannt nach einem antiken griechischen Gewürz, das es nicht mehr gibt. "Etwas, was einmal ganz wichtig war und heute beinahe vergessen ist", sagt er und wirkt bewegt, bedrückt und gleichzeitig froh darüber sein Instrument hier so zu hören. Die Schwere, die sich des Lockdowns wegen über die Kunst und die Künstler gelegt hat, ist hier spürbar. Gleichzeitig ist der Klang in dem leeren Saal, in dem Objekte und Autorenschmuck ausgestellt sind, beeindruckend. "Fast sakral", nennt Francel ihn. Doch der massive Nachhall ist hier eigentlich noch stärker als in einem Kirchenraum, weil er lauter ist. Die einzelne Saxofonstimme bekommt etwas Polyphones, etwas Vielstimmiges.

Der Polyphonie wegen habe Mönkemeyer auch die Musik Bachs für dieses besondere Konzert ausgewählt. Später vor den Kameras spielt er die Sarabande aus Bachs Cello-Suite Nr. 2. "Das ist Musik als innerer Monolog", sagt er, diesen spüre er sogar, wenn er Bach alleine zu Hause spiele. "Die Musik ist gleichzeitig einsam und tröstend. Egal wo man das spielt, es öffnet die Welt." Mönkemeyer gibt gerade nur etwa zehn Prozent der Konzerte im Vergleich zu normalen Zeiten. Er erzählt viel darüber, wie sehr sich das Spielen für ihn verändert, wenn ein Publikum da ist. Er spricht vom Moment der Erwartung, bevor es losgeht in einem Konzert. Von der inneren Präsenz, die er sonst nie so stark spüre.

Mulo Francel musiziert in der Ausstellung zum Danner-Preis.

(Foto: Catherina Hess/VG Bild-Kunst Bonn 2020)

Die Werke, die die verschiedenen Musiker für dieses einsame Museumskonzert ausgewählt haben, sind allesamt besonders. So spielt Raphaela Gromes etwa das Stück "Memories" ihres 2019 verstorbenen Vaters Wilhelm Gromes. Hanna-Elisabeth Müller singt Mendelssohns Lied "Auf den Flügeln des Gesangs", begleitet von Magdalena Hoffmann an der Harfe, die wiederum spielt "Warum?" und den "Aufschwung" aus Schumanns Fantasiestücken in Bearbeitung für Harfe in künstlerischer Wechselwirkung mit George Segal.

Vom 18. Dezember an sollen die einzelnen Filme online über die Pinakothek zu sehen sein. Dietenmeier ist dabei auch begeistert, in welch kurzer Zeit er das Projekt realisieren konnte. Musiker, die im Normalfall für die kommenden drei Jahre ausgebucht sind, konnten spontan innerhalb von zwei Wochen zusagen. In der aktuellen Situation ist einiges anders, manches furchtbar und vieles ziemlich nervig. Aber es entstehen auch kleine, feine und neue Perspektiven. Und solche tun dem gelockdownten Hirn eben ab und an sehr gut.

© SZ vom 16.12.2020
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