bedeckt München 27°

Musik:Himmlische Freuden

Mahler Wettbewerb

Vermittelt ungeheure Freude an der Musik und erschafft die von Gustav Mahler in leuchtender Schönheit: Finnegan Downie Dear, Sieger des Wettbewerbs vor corona-leeren Rängen.

(Foto: Marian Lenhard)

In der Endrunde des Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerbs zeigen eine junge Dirigentin und vier ihrer männlichen Kollegen mit den fabelhaft aufspielenden Bamberger Symphonikern und der Sopranistin Barbara Hannigan die ganze Schönheit der Musik

Von Egbert Tholl

Backstage hängt ein Brief vom Erzbischof. Ludwig Schick, Erzbischof von Bamberg, hat den Bamberger Symphonikern geschrieben, dass er sich mit den Musikern, Dirigenten sowie allen Freunden und Musikliebhabern darüber freue, dass die Symphoniker wieder ihren Probenbetrieb aufgenommen hätten. Auch wenn die ersten Ergebnisse erst einmal nur als Stream zu erleben seien.

Dann singt Barbara Hannigan: "Wir genießen die himmlischen Freuden." Es ist der vierte Satz der vierten Symphonie von Gustav Mahler. Hannigan singt an diesem Tag die Worte aus "Des Knaben Wunderhorn" fünf Mal. Wieder und wieder erlebt man sie, die himmlischen Freuden. Zum ersten Mal wieder mit einem großen Orchester. Auf dem weit ins Parkett hinein vergrößerten Podium sitzen 68 Musikerinnen und Musiker. Das ist zwar noch nicht ganz die Besetzung, mit der man normalerweise Mahler spielt - hier sind es zwölf statt der üblichen 16 ersten Geigen -, aber mehr geht halt nicht, wenn man Abstand wahren muss. Das klangliche Ergebnis lässt keine Wünsche offen.

2004 fand "The Mahler Competition" zum ersten Mal statt. Also der Gustav-Mahler-Dirigierwettbewerb der Bamberger Symphoniker. Im ersten Jahr gewann ihn Gustavo Dudamel, für ihn begann damit eine Weltkarriere, und auf den Schlag war da ein Wettbewerb in der Klassikwelt, der sofort zu weltweit einem der wichtigsten für junge Dirigenten wurde. Ein Grund dafür ist die erlesen zusammengestellte, internationale Jury, die aus zwölf Musikerinnen, Intendanten, Komponisten und Chefdirigenten besteht, dazu kommt Marina Mahler, Enkelin von Gustav, als Schirmherrin und Ehrenmitglied.

In der Altstadt von Bamberg drängen sich die Biertouristen, vier der 16 zum Wettbewerb Eingeladenen hinderten die Reisebeschränkungen am Kommen, bei Zweien war Glück und Chuzpe von Nöten. 336 junge Dirigentinnen und Dirigenten aus 54 Ländern hatten sich mit einem Video beworben - in den fünf Ausgaben zuvor waren es bislang fast 1600. Insgesamt wollten also in den sechs Ausgaben des Wettbewerbs, der alle drei Jahre stattfindet, knapp 2000 Künstler ihr Können beweisen. Wer jetzt gerechnet hat, stellt fest: Eigentlich hätte der Wettbewerb im vergangenen Jahr stattfinden sollen. Aber damals war nicht die perfekte Jury-Zusammenstellung möglich gewesen. Nun also jetzt, in Corona-Zeiten. Üblicherweise wäre der Wettbewerb spätestens vom Halbfinale an gut besucht und Stadtgespräch. Jetzt sind die Touristen am Saufen, und im großen Saal sitzen nur die anwesenden Jurymitglieder. Bis auf drei, die virtuell, also per Stream teilnehmen. Sie durften nicht einreisen.

Halbfinale. Obligatorisch ist in jeder Runde Musik von Gustav Mahler. Hier nun eben der vierte Satz aus der vierten Symphonie, dazu das Ende des dritten als Überleitung. Und: das vertrackte "Tableau" von Helmut Lachenmann. In den Vorrunden gab es als Aufgabe Mozarts 26. Symphonie und Antons Weberns "Variationen für Orchester", im Finale kommt zu rein instrumentalen Ausschnitten aus Mahlers Vierter die Auftragskomposition "move 4 memory full" von Miroslav Srnka hinzu. Mahler, Klassik, Moderne - das muss immer sein beim Wettbewerb.

Unbegreiflich ist im Halbfinale die Leistung des Orchesters und die von Barbara Hannigan, dem nie die Neugierde verlierenden, singenden Jurymitglied. Drei Kandidaten am Vormittag, zwei am Nachmittag, jeder macht 50 Minuten Musik. Und immer wieder: Mahler und Lachenmann. Immer frisch, stets neu. Zumindest bei Lachenmanns Stück, das extreme Spielweise vorschreibt. Erarbeitet wird im Moment, manche lassen erst einmal viel durchspielen, arbeiten dann an Stellen. Andere unterbrechen gleich. Für den Lachenmann haben sich die meisten exemplarische Stellen ausgesucht, aber am meisten arbeitet hier Katharina Wincor.

Sie ist die einzige im Wettbewerb verbliebene Frau, geboren 1995. Schon mit Mahler schafft sie eine kameradschaftliche Atmosphäre mit den Musikern, bei Lachenmann wird sie vollends zur Verschwörerin, kommentiert eine gelungenen Stelle mit den Worten "find ich super, klingt cool", entdeckt aufregende, mürbe Schönheit und beruhigt mit den Worten: "Es ist vielleicht ganz simpel, aber wir sind alle verwirrt und nervös, dann ist es nicht mehr so simpel." Sie ist großartig, wird es aber nicht ins Finale schaffen. Die beiden, die im Halbfinale nach ihr kommen, Wilson Ng und Finnegan Downie Dear, gelangen ins Finale. Vielleicht auch ein klein bisschen deshalb, weil Wincor mit ihrem österreichischen Charme so genau an Lachenmann arbeitet, dass den Musikern das Knarren und Kratzen bei den nachfolgenden Kandidaten ein wenig vertrauter ist. So gibt auch ein Musiker zu: Beim Zeitgenössischen haben die jeweils nachfolgenden Kandidaten einen kleinen Vorteil.

Auf jeden Fall ist es hoch spannend, fünf unterschiedliche Dirigententypen hintereinander und dabei auch die Musik jedes Mal anders zu erleben. Der erste, Harry Ogg, ist der eigenwilligste, verfügt über extrem plastische Gesten, verzettelt sich leicht, schafft keinen echten Kontakt zu Hannigan, dafür umso mehr zum Orchester, das in Teilen über die Entscheidung, ihn nicht ins Finale zu lassen, fast schon erbost ist. Wilson Ng macht alles richtig und langweilig, Finnegan Downie Dear, geboren 1990 und der Sieger des Wettbewerbs, und Thomas Jung, der den zweiten Preis erhält, sind die komplettesten jungen Dirigenten. Vielleicht ein bisschen sehr funktionstüchtig, aber darum geht es ja auch. Jedenfalls arbeitet Jung im Finale sehr überzeugend am Srnka. Und Dear ist so, wie ihn die Jury beschreibt: "Finnegan Downie Dear besitzt die außergewöhnliche Fähigkeit, in seinem Dirigat brillanten Verstand und Herzenswärme zu kombinieren. In diesen Zeiten brauchen wir mehr denn je eine Musik, deren Schönheit durch Authentizität und Aufrichtigkeit entsteht."

Herrlich die Freude beim Dirigieren, gerade von Dear und Wincor. Am Ende gibt es ein salomonisches Urteil: Den dritten Preis erhalten jeweils Ng, Ogg und Wincor, jeweils, dank einen mäzenatischen Sonderzuwendung, dotiert mit 5000 Euro.

© SZ vom 07.07.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite