Schon mal einen Ohrwurm gehabt? Dann wissen Sie ja, dass Sie sich Musik merken können. Das ist auch gut so. Denn ohne Erinnerung würde Musik gar nicht funktionieren. Kein Popsong, bei dem ein Refrain wiederkehrt, erst recht keines der umfangreicheren klassischen Stücke. Da wird oft ein Thema variiert, in seine einzelnen Bestandteile zerlegt und „durchgeführt“, entstehen ganze Formen aus der unmittelbaren oder späteren Wiederholung von Abschnitten. Schon den alten Griechen galten die neun Musen als Tochter der Mnemosyne, des Gedächtnisses, darunter auch Kalliope, die Muse der Wissenschaft.
Um „Musik als Gedächtnis- und Erinnerungskunst“ wird es bei den diesjährigen Themenkonzerten der Bayerischen Staatsoper gehen, in denen sich schon seit 2010 Musik und wissenschaftliche Vorträge zu Programmen vereinen, an Orten, an denen Melpomene und Thalia, die Musen der Tragödie und der Komödie, sonst eher selten vorbeischauen.
In diesem Jahr in der Unternehmenszentrale der Brainlab AG am Tower des ehemaligen Flughafens München-Riem, wo hochmoderne Medizintechnik entsteht, im Einsatz in vielen Krankenhäusern der Welt, zum Beispiel ein softwarebasiertes Navigationssystem für die Gehirnchirurgie. 2024 kooperierte die Staatsoper bei den Themenkonzerten erstmals mit dem Brainlab, dessen Gründer und Vorstandsvorsitzender Stefan Vilsmeier auch als Sponsor ein wichtiger Partner ist. Zum Beispiel für das Festival „Ja, Mai“, das im titelgebenden Monat unter anderem die Oper „Das Jagdgewehr“ von Thomas Larcher zeigen wird, nach einer gleichnamigen japanischen Erzählung von Yasushi Inoue.
Die Kammermusik des österreichischen Komponisten wird nun auch im Zentrum der Themenkonzerte stehen, ausgewählt vom Dramaturgen Malte Krasting, der die Programme entwirft, und gespielt vom Bayerischen Staatsorchester, in Kombination mit Klassischerem von Maurice Ravel oder Béla Bartók. Wie in der Reihe ihrer Kammerkonzerte finden die Musiker des Staatsorchesters hier in kleineren, solistischen Formationen zusammen, begeben sich bei Larcher auf ein Terrain, das vertraut und unvertraut zugleich ist.
Larcher, der selbst lange als Pianist bekannt war, bevor er zu komponieren begann, greift häufig klassische Formen und harmonische Strukturen auf, um sie doch in ganz neue Klangwelten zu transformieren. Und spielt damit auf ganz eigene Weise mit dem musikalischen Gedächtnis. Seine Musik klingt auf geheimnisvolle Weise schön oder erscheint in schöner Weise geheimnisvoll, lässt das Vertraute unvertraut werden und das Unvertraute vertraulich. Abgründe lauern hinter glitzernden Oberflächen, in vielen Werken greift Larcher hart, manchmal sogar brutal Innerweltliches auf und birgt es in musikalischen Welten. Wie in seinem Streichquartett „Lucid Dreams“, zu hören im zweiten Themenkonzert, wo jeder Satz das Gedächtnis eines Menschen bewahrt, der während der Entstehung verstorben ist.
Oder in „My Illness is the Medicine I Need“, in dem Larcher dem Solosopran Sätze von Psychiatriepatienten in den Mund legt. Im dritten Themenkonzert wird dazu Stefan Kölsch, Professor für Medizinische Psychologie und Musikpsychologie, selbst auch gelernter Geiger, berichten, welche Rolle Musik in der Therapie von Alzheimer- und Demenzpatienten spielen kann. Denn an Musik erinnern sich Menschen oft dann noch, wenn sie sich sonst an wenig erinnern, und können sogar neue Melodien erlernen, wenn andere Inhalte kaum noch im Gedächtnis haften. Doch auch bei jüngeren Menschen verbindet das Gedächtnis bestimmte Musiken mit konkreten Situationen und damit, was sie in diesen Situationen empfunden haben. Der Ohrwurm von gestern bleibt die Erinnerung von morgen.
Themenkonzerte der Bayerischen Staatsoper, 19., 21. und 22. März, jeweils 19 Uhr im Atrium der Brainlab-Firmenzentrale in München-Riem, Olof-Palme-Straße 9, U-Bahn Messestadt West

