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Musik:Erste allgemeine Verinselung

Die Waldkraiburger Indie-Pop-Band "Freizeit 98" macht Isolation zum Thema ihrer neuen Songs

Von Martin Pfnür, Waldkraiburg

Allein der Titel löst natürlich assoziative Reflexe aus, man kommt da eigentlich kaum drumrum. Denn wie lässt sich die aktuelle Lebensrealität auch bündiger aufspießen als mit jenem Bild vom "Wohnen auf Inseln", das nun die neue EP der einst in Waldkraiburg ins Leben gerufenen Do-it-yourself-Indie-Truppe Freizeit 98 überschreibt? Gut, es gibt da jetzt auch eine Single der Essener Krautrock-Barden International Music namens "Insel der Verlassenheit", aber eine vergleichende Verinselungsanalyse führt hier wohl etwas zu weit.

Also zurück zu Freizeit 98 und ihrer EP, deren Titelsong als derart erfrischend tropikalische Synth-Pop-Robinsonade daherkommt, dass man sich schon vorstellen kann, ein bisschen länger auf dieser Insel zu verweilen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Sänger Markus Weisser darin ein Panorama umreißt, das einen direkt zum Wegträumen einlädt. "Über uns die Berge, unter uns das Meeeeeer", singt er also, und das reicht eigentlich auch schon, um einen in diese Utopie hineinzukatapultieren, in der das kleine Glück "auf der Hand oder unter den Füßen im Sand" liegt.

Freizeit 89 Band

"Freizeit 98" wissen: Wer gezwungen ist, in den eigenen vier Wänden zu bleiben, der träumt noch schöner davon, aus- und aufzubrechen.

(Foto: Freizeit 98)

Allein, der schöne Schein trügt etwas, denn so ganz unter sich ist man offenbar doch nicht. "Hören wir das Spucken, hören wir die Gespenster / Schließen wir die Luken, schließen wir die Fenster", heißt es später, und so ist man plötzlich wieder mittendrin in einem Schlamassel, das für Weisser schon vor der Pandemie seinen Lauf genommen hat. "Abgrenzung, Abschottung, Isolierung, Vereinzelung. Als Individuum, als Teil eines Milieus, einer Gesellschaft oder der eigenen Echokammer: All das ist ja kein neuer Trend, er scheint sich durch Social Distancing aber schon zu verstärken", sagt er, und verweist auf die fortschreitende Digitalisierung, im Zuge derer sich jeder mit einem Mausklick auf seiner eigenen Insel wiederfinde.

Da ist sicher was dran. Andererseits lässt sich das mit der Digitalisierung für eine seit jeher labellose Band wie Freizeit 98, die ihren Namen einst der kurzlebigen Münchner Sponti-Bewegung Freizeit 81 entlehnte, auch als Segen betrachten. Ihre Diskografie zwischen elektrifiziertem Indie-Pop-Schmiss, diskursiver Überdrehtheit und einem gewissen Sixties-Beat-Flair: allein via Bandcamp und per Streaming bestell- und verfügbar. Die sechs ebenso supermelodischen wie zupackenden Songs auf "Wohnen auf Inseln", die mal um das Paradox letztlich gleichmachenden Individualisierungsstrebens, mal um die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Maschine kreisen: komplett auf digitalem Wege zwischen Altötting, Fürth und München zusammengepuzzelt.

Und dann ist da ja noch die Sache mit dem Cover und dem Mixing der Platte. "Wir suchen bei jeder Veröffentlichung nach Produzenten und Künstlern aus der ganzen Welt, die Lust haben, etwas zu unserer Musik beizutragen oder zu gestalten. Entsprechend freut es uns immer wieder aufs Neue, dass sich wildfremde Leute darauf einlassen", sagt Weisser. Die Wildfremden, das sind in diesem Fall die Künstlerin Sarah Kaushik aus Delhi, die das tolle stellare Cover collagierte, und Manuel Calderon, der als Produzent etwa für Platten von den Yeah Yeah Yeahs verantwortlich zeichnet, und sich in der amerikanischen Grenzstadt El Paso um die Abmischung kümmerte. Altötting, Fürth, München, Delhi, El Paso: Zumindest kreatives Inselhopping ist immer noch drin.

© SZ vom 25.02.2021
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