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Musik:Seine Musik passt nicht in die deutschen Boxen

Bloß 20 Tage war Seethaler im vergangenen Jahr in Deutschland, das weiß er, weil er vor einer Woche seine Steuererklärung abgeben musste. Seine Wohnung in Erding, in deren Dachzimmer viele seiner Songs entstanden sind, hat er aufgegeben. Unaufgeregt klingt es, wenn Seethaler über das redet, was er macht. Weil das eben seine Arbeit ist. Glücklich ist er natürlich schon, als Privileg empfindet er es, seine Kunst ausleben zu können und damit auch noch Geld zu verdienen.

Aber dass es da "Schattenseiten" in der Musikbranche gibt, das weiß er mittlerweile auch. "Wenn du nach einer Show vor vier- bis sechstausend Leuten total aufgepusht in dein leeres Hotelzimmer kommst in einem Land, in dem dich eigentlich niemand als Max, sondern immer nur als Saint WKND kennt, und dann alle Endorphine aufgebraucht sind, ist das hart", sagt er. Für den Kopf und den Körper.

Facetimen mit der Freundin in Paris hilft in diesen Momenten, mit der Zeit gewöhne man sich vielleicht auch an das Leben aus dem Koffer. Gleichzeitig gibt es schließlich auch genügend Momente, die irgendwie "krass" sind. Im positiven Sinne. Als zum Beispiel Chloë Grace Moretz, Hauptdarstellerin in "Carrie", einen seiner Songs retweetete oder Ellie Golding ebenfalls auf Twitter erklärte, dass Saint WKND gerade ihre Nummer eins sei.

Wie es kommt, dass jemand mit weltbekannten DJs wie Avicii, Luis the Child und Wethan auftritt, vor Tausenden von Menschen, ohne dass man in Deutschland von ihm gehört hat? Seethaler glaubt, das liege am Internet. Der Möglichkeit, von überall Musik zu streamen. Daran, dass er "nie wirklich als DJ in München aufgelegt" habe. Vielleicht aber auch an der deutschen Musiklandschaft, denn er "würde wagen zu behaupten, dass hier noch etwas mehr in Boxen gedacht wird und ein gewisses Crossover zwischen Stilen nicht wirklich gut ankommt."

Seine Musik, die derzeit ein bisschen wie eine Mischung aus Indie, synthesiztem Achtzigerjahre-Pop klinge, passe vielleicht in keine dieser Boxen. In Amerika hingegen seien Musikbranche und Publikum aufgeschlossener, enthusiastischer. Und so stehen Miami und Los Angeles ganz oben in seinen Streaming-Statistiken.

Zu jung für die eigene Arbeitsstelle

Auf die Frage, ob er denn gerne auch in Deutschland erfolgreicher sein würde, muss er kurz überlegen. Dann fällt ihm eine Geschichte ein: "Ja, doch, ich muss sagen, dass der Auftritt auf dem Lollapalooza in Berlin im vergangenen Jahr eines der tollsten Erlebnisse ever war." Dort hätte er auf einmal gemerkt, wie schön es ist, mit dem Publikum deutsch sprechen zu können. Aber der könne ja noch kommen, der Erfolg in Deutschland. Mit 23 sollte dafür noch genug Zeit sein.

Seethaler erzählt noch so eine Geschichte. Von seiner ersten Show in Los Angeles, auf einer Pool Party in einem Luxushotel. Der Türsteher wollte ihn damals nicht reinlassen, weil er noch nicht mal 19 war. "Gott sei Dank war mein Manager dabei, sonst hätte die Party keinen DJ bekommen", sagt Seethaler und lacht.

Zuhause - seine Familie, München, Deutschland - vermisse er eigentlich selten. Heimkommen erdet dennoch und für immer will er nicht nur aus einem Koffer, zwischen 25 Hotelzimmern im Monat leben. "Aber wo genau ich irgendwann mal leben und arbeiten will, weiß ich noch nicht." Langfristige Pläne hat er keine. "Klar, erst mal ist eine neue EP geplant, aber alles danach wird sich schon irgendwie ergeben", sagt er. Kurzfristig gesehen muss er jetzt aber los. Von seiner Schwester will er sich noch verabschieden. Und den Koffer - ja, den sollte er schon auch noch packen.

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