Musik:Auf Augenhöhe mit den Genies

Manfred Frei fusionierte schon vor drei Jahrzehnten, was bis dahin getrennt war - Klassik und Jazz. In Starnberg beginnt nun sein neuestes Festival "Days of Happiness"

Von Gerhard Summer, Gauting

Ein großer Star macht einen kleinen Scherz. Konzertveranstalter Manfred Frei ist gerade dabei, Miles Davis zu einer Galerie an der Arnulfstraße in München zu chauffieren, im Fond des Wagens sitzt auch seine Frau Christel. Der extravagant gekleidete Gast aus New York ist 1988 als Trompeter und Bandleader schon eine Legende, aber als abstrakter Maler noch unbekannt. Frei organisiert Davis' erste Ausstellung in Europa. Sie sind fast am Hauptbahnhof angekommen, da hört Frei, wie sich Davis mit seiner heiser-rauchigen Stimme an Christel wendet: "Wie kannst du es mit dem aushalten?" Manfred Frei lacht, Christel Frei kichert, damit ist die Sache erledigt.

Vielleicht war an dem Witz ja was dran. Frei, damals keine 50 und selbst ein versierter Pianist, hat wenig Zeit fürs Familienleben, weil sich bei ihm alles um Konzerte dreht. Sein neuester Streich ist das dreitägige Festival "Days of Happiness", das an diesem Donnerstag in Starnberg beginnt.

Er war schon immer ein Besessener, und vor mehr als drei Jahrzehnten fusioniert er, was bis dahin getrennt ist: Klassik und Jazz. Dabei kommt er aus einer Branche, die weniger von der Kombination als von der Konfrontation lebt. Zehn Jahre lang ist er Marketingleiter des Agrarkonzerns Baywa, 1980 schmeißt er hin. "Ich habe es gehasst, jeden Tag ging es nur darum, Gegner fertigzumachen, ich wollte raus aus der Enge, der Enge des Denkens." Frei macht sich selbständig, mit Karlheinz Hein gründet er die Firma Loft-Music, ein Jahr später, 1981, startet ihr Münchner Klaviersommer durch. Und die beiden schaffen es, die Größen der Klassikszene und die Jazz-Avantgarde vorwiegend aus den USA zusammenzutrommeln.

Gauting Dr.Manfred Frei

Ein Brückenbauer, ein Besessener: Manfred Frei.

(Foto: Georgine Treybal)

Das Festival, eigentlich erfunden von dem Enfant terrible Friedrich Gulda und den Pianisten Martha Argerich und Nicolas Economou, ist ein Koloss und ein Brückenschlag. Denn die Gralshüter von Suite und Sonate versuchen sich am Jazz, umgekehrt nehmen sich die Improvisationsgenies des Bebop, Cool- und Modern Jazz auch klassische Stücke vor. Und das Star-Aufgebot ist groß. Die lange Liste reicht von Gidon Kremer, Heinrich Schiff und Svjatoslav Richter über Chick Corea und Keith Jarrett bis zu Lionel Hampton, John McLaughlin und Miles Davis, der fünf Mal in München spielt. "Der Klaviersommer war nicht mein Beruf oder Hobby, das war mein Leben", sagt Frei. Die Begegnungen mit Gulda, Oscar Peterson und Keith Jarrett seien für ihn "das reine Glück gewesen", sagt er. "Das war für mich ja nie vorstellbar, dass ich mit meinen Idolen, meinen Hausgöttern auf einer Augenhöhe sitze und Genies begegne, die von mir auch was wollten." Die Gagen, die Frei zahlt, sind nicht zu verachten. Miles Davis kassiert 1987 für ein Gastspiel 50 000 Dollar.

Der gebürtige Berliner, der in Braunschweig aufgewachsen ist, von einem Mitschüler die Vorliebe für Blue Notes und Improvisation mitbekam und gern von "Jatz" spricht, war damals als einfühlsamer Zuhörer gefragt. Ein einsilbiger Mann wie Davis wollte keinen Schwätzer an seiner Seite, wenn er nach dem Auftritt im Hotelrestaurant Suppe löffelte. Aber Frei, inzwischen 78, kann natürlich auch anders: Wenn er in Fahrt kommt, redet er schon mal drei Stunden am Stück über seine Treffen mit Davis, Corea und Gulda. Seine dunklen Augen fangen an zu leuchten, Anrufe ignoriert er. Irgendwann sitzt er dann auf der cremefarbenen Couch im altmodisch eingerichteten Wohnzimmer seines Gautinger Hauses mit Hightech-Plattenspieler, ausladendem Bücherregal und Konzertflügel völlig im Dunklen, er bemerkt es nicht einmal. Er erzählt, wie er Davis in New York besuchte, mit ihm durch die 200-Quadratmeter-Wohnung im 20. Stock eines Hochhauses am Central Park spazierte und am Boden verstreute Gemälde für die Ausstellung aussuchte. Wie er mit dem Jazz-Giganten, der selbst gern Ferrari fuhr, in zwei Stunden von München nach Stuttgart brauste und dafür ein lakonisches, aber eben doch hohes Lob bekam: "You are a good driver." Wie er im Tonstudio von Chick Coreas Anwesen in Florida mit dem Meister vierhändig am Flügel spielte. Oder mit dem Kanadier Oscar Peterson in einem Restaurant in Toronto über die Amerikaner schimpfte.

Das Programm

Die Schlossberghalle verwandelt sich in eine Spielwiese des Jazz: Beim dreitägigen Festival "Days of Happiness" treten am frühen Abend Nachwuchsgruppen oder arrivierte Formationen wie Organ Explosion auf, zu späterer Stunde kommen Giora Feidman und der Schweizer Experimental-Vokalist Andreas Schaerer auf die Bühne. Zwischendrin laufen bei freiem Eintritt Konzertfilme, die Auftritte von Miles Davis, Stan Getz und Dave Brubeck dokumentieren. Trompeter Franz-David Baumann und Pianist Matthias Bublath geben Workshops. Und schließlich steht eine Podiumsdiskussion zu dem leicht abseitig klingenden Thema "Der Jazz als Schule der Demokratie" auf dem Programm. Mit dabei: Altmeister Klaus Doldinger, Leslie Mandoki, Musikkritiker und junge Musiker (12. Oktober, 16 bis 18 Uhr). Die Hauptacts: Am Donnerstag, 11. Oktober, 21 Uhr, tritt der hochvirtuose französische Kontrabassist Renaud Garcia-Fonds mit seinem Trio an. Am Freitag gibt's Klezmer mit dem Klarinettisten Giora Feidman und dem Münchner Quartett Gitanes Blondes (20 Uhr). Und am Samstag, 13. Oktober, ist Andreas Schaerer, der schon mit Hildegard lernt fliegen in Starnberg spielte, mit A Novel of Anomaly zu Gast. Karten zu Preisen zwischen 10 und 40 Euro gibt es bei München Ticket. Etliche Konzerte sind gratis. Info: all-that-jazz-starnberg.de. sum

25 Jahre lang dauert der Klaviersommer in der Philharmonie, dem Herkulessaal, dem Prinzregententheater und dem Kongresssaal des Deutschen Museums, den Loft-Musik auch mit Konzertfilmen finanziert. "Dann war's genug, ich habe alles bekommen, was ich wollte", sagt Frei, der parallel noch 1989 das Richard-Strauss-Festival in Garmisch-Partenkirchen mitbegründet und bis 2006 leitet. Der Gautinger schaltet drei Gänge zurück und baut in Gauting, Pullach, Fürstenfeldbruck und Traunstein kleinere Jazzreihen auf. 2011 erleidet er "aus heiterem Himmel" einen Schlaganfall. Er rappelt sich mühsam wieder hoch und macht weiter als Konzertveranstalter. An einer Stadt beißt er sich allerdings fast die Zähne aus: an Starnberg. Seine Reihe "All that Jazz" läuft gut an, aber im dritten Jahr bleibt das Publikum aus.

Doch der 78-Jährige lässt sich nicht unterkriegen. Er kehrt zu der Form zurück, die er am besten beherrscht: dem Festival. Aus der Musikreihe wird jetzt das dreitägige Spektakel "Days of Happiness", Start in Starnberg ist an diesem Donnerstag mit dem Trio des hochvirtuosen Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons. Manfred Frei formuliert es so: "Wenn ich keine Konzerte mehr machen würde, würde ich depressiv werden."

© SZ vom 11.10.2018
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