Platten aus München:Musik der Migration

Lesezeit: 3 min

Platten aus München: Seit 40 Jahren ist Ata Canani in Deutschland als Musiker unterwegs. 2021 hat er endlich sein Debüt-Album veröffentlicht.

Seit 40 Jahren ist Ata Canani in Deutschland als Musiker unterwegs. 2021 hat er endlich sein Debüt-Album veröffentlicht.

(Foto: Trikont)

Das Münchner Label Trikont bringt nach acht Jahren die lange erwartete Fortsetzung des Erfolgs-Samplers "Songs of Gastarbeiter" von Imran Ayata und Bülent Kullukcu heraus.

Von Jürgen Moises, München

"Helmut Kohl und auch Strauß, le le liebe Gabi. Wollen Ausländer raus, le le liebe Gabi." So heißt es, begleitet von einem schmissigen Diskobeat, im Song "Liebe Gabi" von Derdiyoklar. Erstmals brachte ihn die deutsch-türkische Band 1981 auf dem Album "Disco Folk 2" heraus. Was schon der Text zeigt, der auf die frühen Achtziger verweist. Und der Kritik an der damaligen Regierung Kohl übt, die allen Gastarbeitern Geld bot, damit diese freiwillig in ihre Heimat zurückkehren. Der Titel des Albums wiederum fasst in zwei Worten Derdiyoklars originellen Mix aus Disko, Folk, Krautrock, Psychedelia und türkischer Folklore zusammen. Live hören konnte man diesen vorwiegend auf türkischen Hochzeiten, weil es darüber hinaus kaum Bühnen für Bands wie Derdiyoklar gab. In der migrantischen Subkultur waren sie eine Kultband. Unter deutschen Hörern war ihr Disco-Folk fast unbekannt.

Das hat sich in den vergangenen Jahren etwas geändert, was ein gutes Stück weit dem 2013 beim Giesinger Verlag Trikont erschienenen Sampler "Songs of Gastarbeiter Vol. 1" zu verdanken ist. Jetzt, und damit ganze acht Jahre später, ist endlich die Fortsetzung dieses Albums erschienen, auf dem der Berliner Autor Imran Ayata und der Münchner Künstler und Theatermacher Bülent Kullukcu Lieder von türkischen Musikern aus der ersten Einwanderergeneration zusammengestellt hatten. Dass sie damit große Wellen schlagen würden, ahnten die beiden damals nicht. Denn es gab nicht nur ein großes und sehr positives Medienecho. Ayata und Kullukcu sind unter dem Duo-Namen Ayku mit dem Album immer noch auf Tour. Es sind davon beeinflusste Bücher und Seminararbeiten entstanden. Und der Regisseur Cem Kaya hat 2021 einen Film mit dem Titel "Songs of Gastarbeiter" gedreht.

Auf "Vol. 2" gibt es auch Songs aus Spanien und Griechenland

Jetzt also "Vol. 2", auf dem, wie "Liebe Gabi" zeigt, abermals türkische Gastarbeitersongs zu hören sind. Darüber hinaus gibt es aber diesmal auch Musik von Spaniern und Griechen oder dem Kambodschaner Sonny Thet, den es in die DDR verschlagen hatte. Dort gründete er 1972 mit Christoph Theusner die Progrock-Truppe Bayon, die in Stücken wie dem hier vertretenen "Cherie" Rock, Jazz und Klassik mit asiatischen Elementen wie der eigenwilligen Khmer-Pentatonik vermengte. Aus Spanien sind Dimensión Salvo, Dimension 77, Los Binkis und Toni y Los Santos vertreten. Toni y Los Santos kamen aus Frankfurt und waren mit ihrem folkloristischen Partysound in den Siebzigern sehr erfolgreich. Dimensión Salvo und Dimension 77 entstanden im Rhein-Main-Gebiet. Los Binkis fanden als große Beatles-Fans in Göppingen zusammen und schafften es mit dem in Madrid aufgenommenen "Te quiero ayer tuveun sueño" nur zu einer einzigen Single.

Platten aus München: Der Ethno-Disco-Produzent Shantel half der Band "Prosechòs", ein altes Lied endlich auch aufzunehmen.

Der Ethno-Disco-Produzent Shantel half der Band "Prosechòs", ein altes Lied endlich auch aufzunehmen.

(Foto: Trikont)

Die griechische Subkultur Rembetika (gerne auch als "griechischer Blues" bezeichnet) brachten Bands wie Prosechòs, Minotauros und Rembetes mit hierher. Von Prosechòs ist etwa das wehmütige "Protomaya" zu hören, das die Frankfurter Band Anfang der Achtziger im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes für den 1. Mai schrieb. Und das die vor einigen Jahren reformierte Truppe zusammen mit dem Ethno-Disco-Produzenten Shantel nun neu aufnahm. Denn eine Aufnahme dieses Liedes gab es bisher nicht. Der Kurde Ali Baran ist seit 40 Jahren in Deutschland als Musiker aktiv, und der aus Anatolien stammende Ata Canani hat mit "Warte mein Land, warte" nach vielen Jahren Pause 2021 sein Debütalbum herausgebracht. Den Anstoß für sein Comeback hat "Songs of Gastarbeiter Vol. 1" gegeben, auf dem sein Lied "Deutsche Freunde" zu hören war. Auf "Vol. 2" ist er mit "Alle Menschen dieser Erde" vertreten. Einmal in einer Remix-Version von und mit Shantel, und einmal in einer Akustik-Fassung.

Alles in allem ergibt das wie schon auf "Vol. 1" eine äußerst vielseitige, beeindruckende Mischung, welche die Geschichte des Einwanderungslandes Deutschland noch einmal ganz neu aus der Perspektive der Migranten erzählt. Weil diese bisher nirgends wirklich dokumentiert war, hat es bis zum Release von "Vol. 2" auch so lange gedauert. Es galt von vielem erst die Aufnahmen zu finden. Dann waren bei vielen Songs die Rechte unklar. Und während es für türkischsprachige Musik in Deutschland durchaus einige Labels gab, brauchte es bei den spanischen und griechischen Liedern meist den Weg über das Ausland. Bei "Vol. 3" soll es jedenfalls nicht so lange dauern. Vage dafür angedacht sind italienische Gastarbeiterlieder, und dann ist da noch der Traum, dass deutsche Bands und Musiker wie Tocotronic oder Westbam Gastarbeitersongs neu interpretieren. Klingt jedenfalls so, als würde Imran Ayata und Bülent Kullukcu das Material und die Ideen nicht so schnell ausgehen.

Songs of Gastarbeiter Vol. 2, erschienen bei Trikont

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB