SZ-Serie: Künstlerpärchen:Erste Wahl vor und hinter dem Vorhang

Bettina Mönch und Gil Mehmert

Als Gil Mehmert zum ersten Mal Bettina Mönch singen hörte, hat sie ihn "umgeblasen".

(Foto: Felix Rabas)

Liebe, Zoff und Musenküsse, Folge 2: Zwischen der Musical-Darstellerin Bettina Mönch und dem Regisseur Gil Mehmert funkte es beim Vorsingen für "Les Misérables". Seitdem haben sie eine besondere Rollenverteilung im Leben - und aktuell im Deutschen Theater.

Von Michael Zirnstein

Sie lässt ihn gerne reden. Obwohl sie sonst in der ersten Reihe singt und spielt, im Rampenlicht tanzt, scherzt und betört, und keine Probleme damit habe, nackt vor Publikum zu stehen. Aber frei und ohne Rolle spreche sie "wahnsinnig ungern", sagt Bettina Mönch. Ihr Mann dagegen, der Regisseur im Hintergrund, der sei der geborene Entertainer und Moderator. Da lässt sich Gil Mehmert nicht zweimal bitten, weil sein "heimlicher Ehrgeiz" sei es ja, Stand-up-Comedian zu werden, nur lasse der volle Auftrags-Kalender (bisher 120 Musical-, Theater- und Opernprojekte) ihn das nicht ausleben. Und so ist er es, der die Geschichte ihrer Liebe erzählt: Wie er 2004, nach dem Regie-Studiengang an der Everding-Akademie schon Jungprofessor in Essen, sie bei einem Vorsingen vor Theater-Hochschul-Intendanten am Münchner Akademietheater zum ersten Mal singen hörte, und wie sie ihn damit "umgeblasen" habe: "Das war Broadway." Und wie er sie angesprochen habe, "in der Hoffnung, einmal mit dieser großartigen Künstlerin arbeiten zu dürfen", wie sie ihn aber habe "schnippisch" abblitzen lassen ...

Hier hakt Bettina Mönch ein, von wegen: "schnippisch", "schüchtern" sei sie gewesen. Und es entspinnt sich ein herrliches Pärchen-Pingpong über die Begriffe "schnippisch", "im Wiener Modus" und "arrogant", in dem sie den Siegpunkt setzt: "Und genau deswegen mögen wir uns, das macht ihn so attraktiv." Eine Szene wie aus dem Skript. Die beiden sind prima eingespielt, das zeigen sie sogar bei einem Zoom-Interview, 1000 Kilometer voneinander entfernt. Sie spielt in Wien, er inszeniert in Hamburg, wo sie kürzlich "eine wunderschöne Woche" miteinander verbracht hätten. Ein typisches Branchen-Beziehungsschicksal, die gemeinsame Wohnung in Essen nutzen sie nicht allzu oft gemeinsam. "Es hat auch seine Vorteile, dass man in solchen Phasen lebt. Das bewahrt vor der Routine", sagt die gebürtige Münchnerin. Das wiederum mag der Nordrhein-Westfale so nicht stehen lassen. "Also ich habe keine Angst davor, dass wir zusammen zu Hause auf dem Sofa sitzen, wir genießen jede Sekunde", sagt er, und "um das nicht zu logistisch zu beantworten: Unsere innere Nähe ist so groß, dass sie einen äußeren Abstand aushält." Da sieht man's wieder, sagt Mönch, "er spricht einfach besser".

Ihre Sammelleidenschaft: Beziehungsratgeber und Aufklärungsbücher

Bettina Mönch hat eine Weile in nahezu jedem Interview über ihre literarische Sammelleidenschaft Auskunft geben müssen: Beziehungsratgeber und Aufklärungsbücher. "Vor allem aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren", erklärt sie. Die Frage, ob so ein Rollenverständnis eine gute Vorbereitung auf eine Partnerschaft mit Gil Mehmert ("Beim Inszenieren bin ich schon der Zampano") sei, nutzt sie für eine kleine Retourkutsche: "In gewisser Weise schon, weil fürs Kochen bin leider ich zuständig." Mönch, langjährige "Emma"-Abonnentin, lächelt. Als sie in der Rolle der Ulla, die ihr Attribute wie "Sexbombe" und "Dynamit" einbrachte, mit "The Producers" in Wien durchstartete, beschrieb sie in Frauenzeitschriften ihren Traummann als einen, mit dem man "Weihnachtskekse backen und Orgien feiern" könne. Also einen wie Mehmert? Wieder lacht sie und sagt (schnippisch?): "Ja, genau so einer ist Gil."

Mehmert erklärt, seine Bettina habe aber auch nie jemanden haben wollen, der in Essen wohnt, wo sie mal ein Jahr mit dem Elton-John-Musical "Aida" gastierte, niemanden, der schon Kinder hat, verheiratet war und Vegetarier ist. "Das spricht total für unsere Liebe, dass es doch so gekommen ist", sagt sie. Sie sind sich einig, auch in ihrer Leidenschaft fürs Musical. Wenn sie zusammen arbeiten, wie 2018 bei "Hair" am Gärtnerplatztheater, hören sie nach dem Vorhang nicht auf zu diskutieren. "Wir trennen das nicht vom Privaten, weil wir beide für unseren Beruf brennen", sagt Mönch. "Wir ticken da total gleich. Wir müssen da nicht streiten, auch im Einigsein kann man sich befeuern", sagt Mehmert, "Bettina ist eine super Ergänzung, weil sie mir viel aus der Perspektive der Darsteller nahebringt."

Nach dem Rollengespräch wusste er: "Das wird meine nächste Frau."

Was er von ihren Fähigkeiten auf der Bühne hält, ist Teil der eingangs unterbrochenen Liebesgeschichte. Kurzfassung: Als eine seiner Studentinnen beim Bundeswettbewerb Gesang nur Zweite wurde, wunderte er sich nicht über die Siegerin: "Klar, die Mönch ist ja auch wirklich klasse." Und wenn die in Wien die Hauptrolle bekam: "Klar, die Mönch ist ja auch international top." Und so weiter. Dann kam sie 2012 zum Vorsingen in Magdeburg für die Fantine in "Les Misérables", er freute sich, sah sie aber nicht in der Rolle: "Zu elegant, zu modelmäßig, zu blond, zu hübsch - ich brauche eine, die fertig ist." Dann sang sie vor, er engagierte sie, traf sie in einem Café in München zum Rollengespräch, umarmte sie danach und wusste: "Das wird meine nächste Frau." Seit drei Jahren sind sie verheiratet.

Auch für Mönch hat "Les Misérables" alles verändert. "Es war das erste Mal, wo jemand darauf vertraut hat, mich nicht als Komikerin zu buchen. Ich war Comedy-behaftet, spiele ja auch gerne lustige Stücke. Aber ich hoffte immer, es wäre schön, wenn jemand nicht nur das Offensichtliche sehen würde. Das hat Gil getan." Seitdem haben sie immer mal wieder zusammengearbeitet, bei "Evita" in Bonn, "Cabaret" in Bad Hersfeld und Wien, momentan proben sie "Chicago" in Bonn. "Alle Musicals, die ich schon seit meiner Kindheit spielen wollte, mache ich mit Gil. Er bringt mich jedes Mal an meine Grenzen und lässt mich drüber hinauswachsen", sagt sie. Dass aber kein falscher Verdacht aufkommt: Sie muss immer noch vorsprechen. "Man kommt als Künstlerpaar schnell in Verruf: Guck mal, jetzt besetzt der seine Frau", sagt Mehmert, "ich mache mit Bettina aber nur Sachen, wo sie ganz klar aus meiner Sicht die Beste ist." Einmal wollte sie so gerne die Anita in der West-Side Story sein. Da habe ich gesagt: Nee, da sehe ich einen ganz anderen Typ, die kannst du bei anderen Leuten machen."

Wenn sie sich eine Musical-Figur als Lebenspartner aussuchen dürfte, wäre es Cliff Bradshaw

Und wenn sie sich nun eine Figur aus der Musical-Welt als Lebenspartner aussuchen dürften? Von den Frauen, die Mönch in seinen Inszenierungen gespielt hat, würde Mehmert die Sheila aus "Hair" nehmen: "Eine hübsche Intellektuelle mit Humor, sehr um Ausgleich bemüht, nicht ganz leicht zu bekommen, aber weniger neurotisch als Sally Bowles oder Velma Kelly, und die Fantine hat keine Zähne mehr." Sie entscheidet sich für Cliff Bradshaw, den jungen Schriftsteller aus "Cabaret", "intelligent, ein nicht gerade extrovertierter Typ, der seine Partnerin bewundert ..." Dazu fügt Mehmert an, dass Bradshaw nach Berlin ging, um seine Homosexualität zu entdecken - "da solltest du noch was klären, Bettina."

Schon wieder bühnenreif, die beiden. Und dennoch glauben sie nicht, dass ihre Beziehung für die Handlung eines Musicals taugt. "Sie ist einfach zu harmonisch, um Leute ins Theater zu locken".

Dafür gibt es nun eine seltene Möglichkeit, sie zusammen auf einer Bühne zu erleben: In der neuen Reihe "Musical Salon" am Deutschen Theater gibt es "Rendezvous mit Musical-Traumpaaren", den Start machen Sabrina Weckerlin und Philipp Büttner am Samstag, 7. August, am Sonntag, 15. August, sind Mönch und Mehmert dran. Er spielt Gitarre, was er studiert hat, und redet, wenn man ihn nicht stoppe, über Niedergang und Neubeginn des anspruchsvollen Musicals in Deutschland nach dessen Glanzzeit in den Dreißigern ... "aber die Leute wollen natürlich Bettina auf der Bühne erleben, und kaum einen Regisseur, der sie begleitet und zufällig ihr Ehemann ist."

Musical Salon, Sa., 7. August bis Fr., 3. September, Deutsches Theater, alle Infos unter www.deutsches-theater.de

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