Musical in FüssenEin Krimi um Kronprinz Rudolf

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Große Liebe oder Machtmissbrauch? Katia Bischoff spielt Rudolfs Geliebte Mary Vetsera, Oedo Kuipers den Kronprinz, der noch weitere Affären hatte.
Große Liebe oder Machtmissbrauch? Katia Bischoff spielt Rudolfs Geliebte Mary Vetsera, Oedo Kuipers den Kronprinz, der noch weitere Affären hatte. Michael Boehmlaender

Jetzt hat auch Sisis Sohn sein großes Musical: In „Rudolf – der letzte Kuss“ am Festspielhaus Neuschwanstein geht es weniger um die Kinderjahre eines Kaisersprosses, sondern um das gewaltvolle Ende des Lebemanns.

Von Lena Matuschik und Lena Mittermayr

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Grelles Scheinwerferlicht fällt auf den schwarzen Boden, der mit pinken, gelben und roten Linien versehen ist. Der Pianist stimmt eine stakkatoartige Melodie an. Schlagartig verwandelt sich das Proben-Studio im Festspielhaus Neuschwanstein in ein wildes Wiener Nachtlokal in den 1880er-Jahren. Wenn auch noch ohne pompöse Kostüme und Bühnenbild, schafft es das Ensemble bei einer Präsentation für die Medien, die Stimmung in einem Wiener Vergnügungs-Etablissement darzustellen.

Mitten unter den Figuren, die sich an und auf den Kaffeehaustischchen räkeln, ist Rudolf, der Kronprinz. Auch der historische Rudolf verlustierte sich in solchen Lokalen gerne mit der einen oder anderen Dame, die nicht seine Gattin Stephanie, Prinzessin von Belgien, war. Es ist bekannt, dass Rudolf – Kaiserin Elisabeths einziger Sohn und der lang ersehnte Thronfolger des Habsburgerreichs – sich bei Schrammelmusik amüsierte, sich der Ekstase hingab, mit Alkohol und anderen Substanzen.

Noch bekannter freilich ist er als der kleine, eingeschüchterte Bub aus den Sisi-Filmen. Und von seinem Ende her, das als „Affäre Mayerling“ in die Geschichte einging. Der Kult um den angeblichen Mord-Selbstmord-Pakt zwischen Rudolf und seiner Mätresse, Baronin Mary Vetsera, wirkt bis heute weit über die Grenzen Österreichs hinaus.

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis Rudolf – nach dem Erfolg seiner Mutter mit dem Musical „Elisabeth“ – seinen eigenen großen Auftritt auf den Show-Bühnen haben würde. Von Anfang Mai an kommt die Habsburger-Tragödie als Musical „Rudolf – der letzte Kuss“ in einer Neuinszenierung in Füssen ans Festspielhaus.

Von der Seeterrasse des Festspielhauses sieht man in der Ferne Schloss Neuschwanstein. Es wurde von Ludwig II., Rudolfs Cousin dritten Grades, erbaut. Es gibt zwar keine gesicherten historischen Belege, dass Rudolf jemals in Füssen war, aber das Festspielhaus Neuschwanstein scheint Geschichten des österreichischen und bayerischen Hochadels anzuziehen. Im vergangenen Jahr lief hier „Elisabeth“. In dem Erfolgs-Musical wird auch die Kindheit vom Kaiserinnen-Sohn Rudolf thematisiert. Elisabeth wiederum taucht im Rudolf-Musical nicht auf.

Ursprünglich wurde es 2006 am Operettentheater Budapest unter dem Titel „Rudolf – the last kiss“ in Co-Produktion mit den Vereinigten Bühnen Wien (VBW) uraufgeführt. Drei Jahre später kam die Fassung von Frank Wildhorn und Jack Murphy als VBW-Produktion ans Raimund Theater in Wien. 20 Jahre später wird sie nun wieder aufgegriffen.

War schon zu Schulzeiten vom Mythos um Rudolfs Tod fasziniert: der österreichische Regisseur Alex Balga, hier im Festspielhaus Füssen.
War schon zu Schulzeiten vom Mythos um Rudolfs Tod fasziniert: der österreichische Regisseur Alex Balga, hier im Festspielhaus Füssen. Festspielhaus Füssen

Regisseur Alex Balga hat eine neue Version von „Rudolf – der letzte Kuss“ erschaffen. Temporeicher sei sie und zeichne sich durch einen kinematischen Stil aus, sagt er. Erzählt wird die Tragödie in 56 Szenen, choreografiert von Jonathan Huor.

Das Musical klingt nach typischen Frank-Wildhorn-Kompositionen – sofort emotional, mitreißend, mit Ohrwurm-Charakter.  Der berühmte Songwriter aus New York schrieb nicht nur für Liza Minnelli, Sammy Davis jr. Songs und für Whitney Houston den Nummer-eins-Hit „Where do broken hearts go“, er komponiert auch für Musicals wie „Dracula“. Auch in „Rudolf – der letzte Kuss“ gibt es dramatische Duette, kraftvolle Stimmen und akrobatische Tänze – die Musical-Dreifaltigkeit. In der Neuinszenierung gibt es zwei zusätzliche Songs, der gesamte Text ist neu übersetzt.

„Das Neue ist, dass wir den Krimi-Aspekt der Geschichte noch mehr herausgekitzelt haben“, sagt der österreichische Regisseur. Schon zu Schulzeiten war Balga vom Mysterium um Rudolf und seinen Tod fasziniert. „Die Habsburger haben immer zwischen ihren Pflichten, der Familie und dem Privatleben gelitten. Rudolf zerbricht an der Pflicht und dem, was ihm als Mensch wirklich wichtig war.“

Das Musical soll Probleme ansprechen, die in der heutigen Zeit nicht weniger relevant sind als vor 130 Jahren: rechtsextreme Einflüsse in der Politik, psychische Erkrankungen, traumatisierte Kinder. Themen, vor denen auch – oder genau – der Adel nicht verschont bleibt.

Bei den Proben: Oedo Kuipers singt als Kronprinz Rudolf die Lieder des berühmten Musicalkomponisten Frank Wildhorn.
Bei den Proben: Oedo Kuipers singt als Kronprinz Rudolf die Lieder des berühmten Musicalkomponisten Frank Wildhorn. Festspielhaus Füssen

Dabei war der reale Rudolf weitaus mehr als eine gescheiterte Existenz. Mit seinen Idealen war er seiner Zeit voraus. Der Kronprinz war seinem konservativen und autoritären Vater Franz Joseph I. ein Dorn im Auge. Sein liberales Gedankengut und seine visionären Ideen, die häufig nicht lösungsorientiert waren, brachten Rudolf zunehmend in die Opposition. Er sah sich gezwungen, seine antiaristokratisch und antiklerikal gesinnten Ideen unter dem Pseudonym Julius Felix in der Zeitung zu veröffentlichen. Es hält sich die Verschwörungstheorie, Rudolf sei Opfer eines politisch motivierten Anschlags geworden.

Auch im Musical geht es um eine heimtückische „Erbkrankheit“ im Hause Habsburg-Lothringen – und gemeint ist nicht die Habsburger Unterlippe. Jugendlicher Unmut, liberales Gedankengut, rebellische Aktionen: Für die Habsburger scheint es ein Kraftakt zu sein, ihre Sprösslinge im Zaum zu halten. So gerieten bereits Maria Theresia und ihr ältester Sohn Joseph II. in einen Generationenkonflikt wegen grundverschiedener Vorstellungen, ein Land zu regieren.

Kaiser Franz Joseph ließ Rudolf militärisch streng erziehen

Diese Diskrepanz wird auch in Rudolfs Kindheit deutlich. Sein Vater, Kaiser Franz Joseph I., pochte auf eine fundierte militärische Ausbildung – nicht verwunderlich also, dass der Sohn als Zweijähriger das erste Mal Uniform trug. Sein Ausbilder, Leopold Graf Gondrecourt, ließ den kleinen Prinzen zur Abhärtung bei Wind und Wetter im Wald exerzieren und weckte ihn nachts mit Schreckschüssen. Die Torturen nagten an der sensiblen Seele. Erst nach unerbittlicher Intervention seiner Mutter durfte Rudolf sich allgemein weiterbilden, auch wenn ihm ein Universitätsstudium verwehrt blieb.

Rudolf war mit Stephanie von Belgien verehelicht worden, die er nicht liebte. Wie sein Vater hatte er viele Affären. Er steckte sich mit einer Geschlechtskrankheit an, die er auch seiner Gemahlin anhängte. Sie wurde dadurch unfruchtbar und konnte keine Kinder mehr gebären.

Der Gegenpart von Prinzessin Stephanie ist Baronin Mary Vetsera.  Rudolfs Geliebte wird gespielt von Katia Bischoff. Sie sieht einige Gemeinsamkeiten zwischen sich und der Rolle. „Sie denkt sehr anders als andere Menschen, hält sich nicht an Konventionen und folgt ihren Überzeugungen. Ich bin auch ein bisschen impulsiv und dickköpfig. Ich glaube, das verbindet uns“, erzählt Bischoff. Die Sopranistin spielte schon Constance in „Die drei Musketiere“ und Éponine in „Les Misérables“. Oft stirbt sie in ihren Rollen tragisch, so auch als Mary in „Rudolf“.

Katia Bischoff und Oedo Kuipers spielen zum ersten Mal zusammen. „Wichtig dafür ist, dass die Rollen sich finden. Also, dass sich Rudolf und Mary finden. Wir versuchen das auch zwischen den Proben“, sagt Kuipers. Der gebürtige Niederländer stand bereits 2016 im Festspielhaus Neuschwanstein auf der Bühne, als Graf Dürckheim im Musical „Ludwig²“.

War die „Affäre Mayerling“ wirklich gemeinsamer Selbstmord?

Maria Alexandrine Baronin von Vetsera, genannt Mary, und Kronprinz Rudolf wurden im November 1888 durch eine enge Vertraute von Rudolf, Gräfin Marie Louise Wallersee-Larisch, verkuppelt. Zum Zeitpunkt ihres Todes kannten sich die 17-jährige Mary und der Kronprinz also gerade einmal drei Monate. Ob man ihr Ende 1889 in einem kaiserlichen Jagdschloss in Mayerling wirklich einen gemeinsamen Suizid nennen kann, ist fraglich, da Rudolf zunächst Mary Vetsera und dann sich selbst erschoss.

Ein dramatischer Stoff – Kenneth MacMillan hat daraus schon das Ballett „Mayerling“ gestrickt, einen Film gibt es auch. Dennoch wird die Geschichte hier für das Musical noch einmal zugespitzt und romantisiert. Denn der echte Rudolf verbrachte seine vorletzte Nacht mit einer seiner anderen Geliebten, die nicht mit ihm in den Tod gehen wollte. Am nächsten Tag dann das blutige Ende von Rudolf und Mary auf Schloss Mayerling. Kann man also tatsächlich von der „großen Liebe“ sprechen? Oder eher von Manipulation und Machtmissbrauch einer jungen Frau, die ihm hörig war? Diese Fragen scheinen im Musical keinen Platz gefunden zu haben. Könnte das daran liegen, dass bis auf die Kostümbildnerin, die sich um 300 Kostüme kümmert, „Rudolf“ hauptsächlich das Werk von Männern ist?

Mit der Rolle der Gräfin Larisch findet wenigstens ein feministischer Aspekt Platz im Musical. Barbara Obermeier, die in diese Rolle schlüpft, erzählt, dass die Gräfin eine „Lebefrau“ gewesen sei, die gerne in Saus und Braus lebte. „Aber es gibt auch eine Szene, wo sie dem Patriarchat und der Männerwelt ordentlich die Stirn bietet. Das gefällt mir sehr gut an der Rolle“, sagt Obermeier. Für die Musical-Darstellerin ist die Produktion in Füssen ein Heimspiel, die Bayerin hatte hier mit „Ludwig²“ ihr erstes Engagement. Wie bei jedem historischen Musical ist eine Recherche der Rolle hilfreich für die eigene Performance. „Man muss einen guten Mittelweg finden zwischen Realität und Theater“, sagt Obermeier.

Auch Kuipers und Bischoff haben sich intensiv mit ihren Charakteren befasst, dennoch wollen sie kein bloßes Abziehbild sein. Was die beiden Hauptdarsteller Rudolf und Mary mit auf den Weg geben würden? Katia Bischoff: „Ich würde ihr sagen, dass ich ihre Unerschrockenheit und Beständigkeit sehr beeindruckend und bewundernswert finde.“ Und Kuipers hat nicht den letzten Kuss, aber das letzte Wort: „Ich würde Rudolf so gerne sagen, dass er sein Leben leben soll, wie er will. Aber das ging nicht. Er ist im System untergegangen, und das System ist dann letztendlich auch zerbrochen.“

„Rudolf – Der letzte Kuss“, Premiere: Donnerstag, 7. Mai, Festspielhaus Neuschwanstein, weitere Informationen: das-festspielhaus.de/programm/rudolf/

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