„Abenteuerland“-Musical im Deutschen TheaterDie alten Hits der Band „Pur“ gibt es jetzt als Singspiel

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Alex Schirmer liebt als angehender Rockstar nicht  nur die Musik, sondern auch Amira. Die sagt: „Es ist gut, normal zu sein.“
Alex Schirmer liebt als angehender Rockstar nicht  nur die Musik, sondern auch Amira. Die sagt: „Es ist gut, normal zu sein.“ (Foto: Jochen Quast)

Bevor „Pur“ 2026 mit neuem Album touren, gehen die alten Hits der schwäbischen Band schon als Musical auf Reisen. Für Hartmut Engler, Texter und Sänger der Band, geht damit der Traum in Erfüllung, endlich sein Werk von außen zu betrachten.

Von Michael Zirnstein

Würde man die 400 000 Besucher, die das Musical „Abenteuerland“ im Laufe von 17 Monaten bei 454 Shows in Düsseldorf gesehen haben, in eine einzige Vorstellung packen, es würde ein riesiges Verwandtschaftsfest dabei herauskommen. Es lädt ein: die Familienbande Pur. Und alle sind gekommen. Ingo Reidl zum Beispiel, der Stammvater der Kernfamilie, der die Band vor eigentlich unfassbaren 50 Jahren noch als Crusade im Keller der Bietigheimer Pauluskirche gegründet hat. Er schenkt der Gruppe Pur seitdem die Melodien, hat sich aber wegen einer schweren Erkrankung seit 2016 aus der Öffentlichkeit zurückgezogen – im Capitol-Theater zeigte sich der Keyboarder erstmals wieder unter 1100 Zuschauern.

Auch Rüdi war da. Pur-Fans kennen ihn aus dem Song „Mein Freund Rüdi“. Er ist seit 30 Jahren der „Super-Fan“ der Band, hat sogar einen eigenen Song, indem nicht mal thematisiert wird, dass Rüdi mit dem Downsyndrom lebt, nur, dass er ein lebensfroher Rock-Chaot ist:  „Er muss da mit, er grinst vor Glück / Mein Freund Rüdi lebt Musik.“ Das hat ihm Hartmut Engler gedichtet, unangefochtener Star und Oberhaupt der großen Pur-Familie. Engler war elf Mal in dem Musical, und nur nicht öfter, weil es von daheim in Bietigheim-Bissingen nach Düsseldorf doch ein Stück sei, wie er sagt. Jetzt hat er wieder Gelegenheit, sich selbst zu begegnen: Erstmals geht „Das Musical mit den Hits von Pur“ nun auf Tournee durch neun deutsche Städte.

Für den Sänger der Band Pur wurde im Oktober 2023 ein Traum wahr. Schon immer hatte der Frontmann den nicht ganz uneitlen Wunsch, einmal ein Pur-Konzert als Zuschauer zu erleben. Und dieses Musical komme dem schon sehr nahe, sagt er. Er war natürlich selbst als enger Berater beteiligt daran, dass sich 30 Hits seiner Band inklusive des erfolgreichsten, des Titelsongs „Abenteuerland“, endlich im Musiktheater neu entfalten konnten. „Das war ein Ritterschlag für uns“, sagt Engler dann aber doch eher bescheiden und spricht das Verdienst einem neuen Freund der Pur-Familie zu: Martin Flohr.

Der war bereits 1993 mit 17 Jahren Pur-Fan. Wie Millionen Deutsche damals fühlte er sich durch die Durchbruchs-Platte „Seiltänzer“ berührt. Sein erstes Pur-Konzert gab ihm ein glückliches Gefühl der Verbundenheit und des Okay-Seins: „Man war sofort unter Freunden. Egal ob dick, dünn, klein. Egal, welche Klamotten man trug, jeder war willkommen.“ Ein bisschen Kirchentags-Feeling, das die Schwaben-Band seit jeher verströmt. Bezeichnenderweise kam Flohr – der inzwischen Show-Profi ist und Musicals wie „The Bodyguard“ auf hiesige Bühnen gebracht hat –  die Idee für das „Abenteuerland“-Musical auf dem Jakobsweg: Er marschierte ohne Handy, aber mit einem iPod voller Lieblings-Pur-Lieder.

Elfmal hat Hartmut Engler das Musical rund um seine eigenen Songs nun schon gesehen.
Elfmal hat Hartmut Engler das Musical rund um seine eigenen Songs nun schon gesehen. (Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)

Zurück in der Pfalz notierte Flohr alle Songs auf Karteikarten und bastelte innerhalb von sieben Jahren ein Jukebox-Musical daraus. Man kennt diese Versingspielung eines Hit-Reigens von „Mamma Mia“ (Abba), „Wahnsinn!“ (Wolfgang Petry) oder „Ich war noch niemals in New York“ mit Songs von Udo Jürgens (für den der einstige Lehramts-Student Hartmut Engler einst Roadie war). Eine eigene Drei-Generationen-Geschichte, getragen von Pur-Songs, die Idee fand Engler „prickelnd“, obwohl er „eigentlich gar kein großer Musical-Besucher“ sei. Seine Zustimmung für ein Musical allein über die Band-Karriere von Pur hingegen hätte er verweigert.

Die Fans wissen eh Bescheid und entdecken in dem Stück viele Anspielungen an Wegpunkte (am Bahnhof taucht auf der Anzeigetafel nicht nur Paris, sondern auch Bietigheim auf), auf Texte (ein gebrochener Arm wie in „Ich lieb dich, egal wie das klingt“) oder auf die Schüler-Combo-Anfänge. Die Figur, die „dem jungen Hartmut“ am nächsten komme, ist für Engler der 17-jährige Alex. Der hat wie der Pur-Sänger damals („Bundesrocksieger 1986“) Popstar-Ambitionen und will mit seiner Band Crusade (siehe oben) im Club „Opus“ (so hieß die Nachfolge-Band) auftreten.

Aber darum geht es eigentlich nicht. Oder eben nicht nur.  Bei jedem der bisher 17 Pur-Alben (das 18., mit dem Pur in zwölf Monaten auf Tour gehen, ist gerade am Entstehen) entwickelte der 64-jährige Liedermacher in seinem Schreib-Gartenschuppen namens „Hirnhäusle“ aus seinem eigenen Erleben und Fühlen heraus ein Text-Büchlein, in dem sich jeder und jede wiederfinden soll: von der angehimmelten „Lena“ (die nach Englers damaliger Partnerin Ute heißen sollte, was aber nicht so schön klang) bis zu Midlife-Kriselnden, die erstmals „Ein graues Haar“ entdecken, was im Musical zur Figur der Oma Lena amalgiert.

Martin Flohr hat die Geschichte um eine Klischee-Familie gestrickt mit ihren Träumen und Nöten, ein bisschen wie die Beimers aus der „Lindenstraße“, nur in zweieinhalb Stunden. Mutter Petra Schirmer, 45, will durch ein Meeresbiologiestudium ausbrechen aus dem „Mahauki“-Einerlei (Mann, Haus, Kinder); Witwe Lena, 75, will sich, „wenn sie diesen Tango hört“, neu verlieben; und Tochter Anna, 16, will einfach nicht mehr gemobbt werden in der Schule.

Eine auftrebende Band kommt freilich auch vor in der Geschichte des „Pur“-Musicals. Und die Bühnen-Band spielt live dazu.
Eine auftrebende Band kommt freilich auch vor in der Geschichte des „Pur“-Musicals. Und die Bühnen-Band spielt live dazu. (Foto: Nilz Boehme)

Da steht Anna also und singt „Alleine vor dem Spiegel“. Und das sind die Momente, die Engler immer wieder weinen lassen; zu dem Song hat ihn vor 30 Jahren Sabine F. aus Baden-Württemberg inspiriert. Als sie ihm einen zehnseitigen Brief mit ihrer Lebensgeschichte schrieb. Auch Sabine kam ins Düsseldorfer Capitol, traf erstmals Hartmut Engler, und beide sahen sie dann diese Szene: Anna singt den Song, nun allerdings in der Ich-Form („Ich bin nun mal kein Barbiepüppchen / meine Stärken sind leise, verdeckt“) und hinter dem Spiegelrahmen beginnen viele Tänzer ihre Bewegungen zu spiegeln. Solche Perspektivwechsel ließen Engler seine Songs von außen und doch neu von innen erleben.

„Alleine vor dem Spiegel“ stellt sich Anna Schirmer ihren Sorgen.
„Alleine vor dem Spiegel“ stellt sich Anna Schirmer ihren Sorgen. (Foto: Jochen Quast)

Diese gefühlsechten Songs bleiben zeitlos, weil sie sich der Zeit und dem jeweiligen Hörer anpassen. So wie „Abenteuerland“ selbst, jene inzwischen zwei Millionen Mal verkaufte Signature-Nummer von Pur: Früher verstand Engler das aus seinen Kinderaufsätzen vom Speicher gespeiste Lied mit dem Hesse-Zitat „Der Eintritt kostet den Verstand“ als Aufruf: „Gestaltet! Habt Mut zur Fantasie!“ Heute sei da tatsächlich eher ein eskapistischer Gedanke: „Mal flüchten aus dem Chaos der Welt in ein Land, in dem man sich die Dinge so wünschen kann, wie man sie gerne hätte.“

Abenteuerland – Das Musical mit den Hits von Pur, München, Deutsches Theater, Dienstag, 6.,  bis Sonntag, 18. Januar, deutsches-theater.de/abenteuerland/

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