Nicht irgendwo hinter dem Regenbogen, aber doch etwas versteckt in einem Tal der Iller liegt eine von Deutschlands größten Freilichtbühnen. Was da im Allgäu alle drei, vier Jahre gespielt wird, kann man durchaus mit den Anstrengungen des Passionstheaters in Oberammergau vergleichen. Schon 1879 brachten die Altusrieder in ihrem Ort selbst so laienhaft wie leidenschaftlich „Der bayerische Hiasl“ zur Aufführung. In den vielen folgenden Freilichtspielen wirkten zeitweise 500 Bürger der Marktgemeinde mit. Zuletzt gab es „Robin Hood“, „Artus“ und „Ronja Räubertochter“.
Und wer das nun provinziell findet, der möge den Roman „Laienspiel“ aus der Allgäu-Krimireihe um Kommissar Kluftinger lesen, oder an einer Kluftinger-Führung in Altusried teilnehmen, die selbstverständlich auch zur riesigen Freilichtbühne führt. Co-Autor Volker Klüpfel, selbst Altusrieder und einst Freilichtspieler, lässt im Buch seinen Ermittler erst mal eine Probe stören, indem sein Handy „Die rote Sonne von Barbados“ dudelt, dann tobt der Regisseur des Theaterstücks: „Das ist kein Spielplatz für Erwachsene. Das ist Theater. Großes Theater.“
Das in die Natur gebaute Theater mit dem wie Fledermausflügel geschwungenen Dach bietet 2500 Zuschauern Platz und Schutz, die Bühne am Hang hat eine riesige Fläche von viereinhalbtausend Quadratmetern. Das muss man erst mal füllen. Was in den Festspielzeiten gut klappt, wie 2025 beim Jubiläumsstück „1525 – Bauernkrieg: Frei sind wir und frei wollen wir sein!“ Und auch dann, wenn man Popstars die Bühne überlässt, so wie in diesem Jahr noch der SWR Big Band und Max Mutzke (28. August), Howard Carpendale (29.8.), Alexander Wurz und den Egerländer Musikanten (30.8.), Mathias Reim (2.9.), Melissa Naschenweng (5.9.) und der Spider Murphy Gang (6.9.).

Aber die Altusrieder Bühne für ein externes Singspiel aus der Hand zu geben, das ist ein Wagnis. Dies ist der aus Berlin ins Allgäu zurückgekehrte neue Geschäftsführer Tobias Bader eingegangen. Da braucht es starke Partner. Impuls und Produktion kommen vom Konzertveranstalter Manfred Hertlein, der wiederum routinierte Mitstreiter mitbringt: das Team vom Festspielhaus Neuschwanstein. Zusammen stemmt man nun das Musical „Das zauberhafte Land von Oz“ sechsmal auf die Freilichtbühne.
Und das wird kein Laienspiel. Mit „50 Ensemblemitgliedern, aufwändigen Kostümen, spektakulären Lichteffekten und mitreißender Musik“ soll ein Open-Air-Erlebnis entstehen, „das große Bühnenkunst und Sommerabend unter freiem Himmel zu einem unvergesslichen Ganzen verschmelzen lässt“. Altusrieder stehen nicht auf der Bühne, sondern tatsächliche Musicalstars: Der prominenteste ist Uwe Kröger als Sir Tillo und Verdanis, international bekannt aus „Elisabeth“, „Mozart!“ und „Rebecca“. Die Titelheldin Dorothy aus dem ländlichen Kansas wird von Finola Schulze aus dem Ensemble des Festspielhauses verkörpert ( „Ludwig²“, „Cinderella“). Und Patrick Stanke mimt mal nicht den Gorilla-Boss in „Tarzan“, sondern den Zauberer von Oz. Lucy Scherer gibt die gute Hexe Glinda – eine Figur, mit der sie schon in der deutschen Erstbesetzung von „Wicked – Die Hexen von Oz“ ihren Durchbruch hatte.

Schon daran erkennt man: Der Stoff wirkt weit. Gerade in den USA, wo vor allem der quietschbunte Hollywood-Film „The Wizard of Oz“ mit Judy Garland von 1939 die populäre Kultur geprägt hat wie wenig sonst. Beispiel: Dorothys Zauberschuhe aus dem Film wurden 2024 für 28 Millionen Euro versteigert. Um sich nicht in Rechte-Verhandlungen zu verstricken, haben die Allgäuer Produzenten den Stoff „neu entwickelt“.
Festspielhaus-Chefregisseur Benjamin Sahler (Buch, Theaterdirektor) und Stefanie Gröning (Buch, Choreographie) haben aus den fantastischen Orten wie der „Yellow Brick Road“ zur Smaragdstadt und den berühmten Figuren wie der Vogelscheuche mit Stroh im Kopf, dem Blechmann ohne Herz und dem Löwen ohne Mut eine neue Geschichte entwickelt für „Erwachsene, Kinder und alle, die noch an die Kraft von Wundern glauben“. Auch die Musik haben sie komplett neu komponiert, was freilich immer eine große Chance ist. Auf eines werden die Gäste allerdings leider verzichten müssen, den Musicalfilmklassiker schlechthin: „Somewhere Over The Rainbow“.

