Kritik:Strenges Exerzitium

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Uraufführung von Rebecca Saunders' "Wound" mit Jonathan Nott und seinem Orchestre de la Suisse Romande im Prinzregententheater.

Von Klaus Kalchschmid, München

Wunde, Auftrieb, Glut: Die Titel der drei Hauptwerke bei der diesjährigen "Räsonanz", dem Stifterkonzert der Ernst von Siemens Musikstiftung im Prinzregententheater mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter seinem Chefdirigenten Jonathan Nott könnten farbiger und unterschiedlicher nicht sein. Doch während die Uraufführung von Rebecca Saunders' "Wound" für Solistenensemble (Ensemble Intercontemporian) ein 40-minütiges, strenges Exerzitium darstellte, war man bei den beiden jeweils halb so langen Stücken von Dieter Amman nach der Pause in einer anderen Welt. Sie war unmittelbar eingängig und doch keineswegs eklektisch oder postmodern. Vielmehr setzte der 60-jährige Schweizer in "Boost" und in "Glut" (2014-16) die Tradition der klassisch-romantischen Symphonie mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts fort. Vieles klang erzählerisch wie in einer Tondichtung, der Farbenreichtum war immens, aber auch die drei Parameter jeglicher Musik, also Rhythmus, Melodie und Harmonie kamen voll zu ihrem Recht. Wie die einzelnen Gruppen aufeinander reagierten, war raffiniert, effekt- und kunstvoll komponiert. "Boost" von 2001 klang da vielleicht noch verbindlicher und kompakter als die 15 Jahre später entstandene "Glut".

Nott interpolierte zwischen die beiden symphonischen Werke Ammanns, bei denen die Celli in der Mitte um den Dirigenten gruppiert waren, ein kurzes selten musikantisches Stück von Pierre Boulez für Cello solo (Léonard Frey-Maibach) und sechs Celli: der perfekte, kammermusikalische Puffer zwischen den Blockbustern! Rebecca Saunders Konzept für "Wound" war vielversprechend: Ein als einzige Stimme verwendetes "Soloensemble" aus solistischen Holz- und Blechbläsern, E-Gitarre, Streichern, zwei Klavieren und Schlagzeug sollte dem großen Orchester gegenüberstehen, quasi die Fortschreibung von "Scar" für 15 Solisten von 2019. Man hörte eine halbe Stunde immer wieder schmerzvolles Aufbäumen und Zusammensinken, aber erst in den letzten zehn Minuten konnte man das Soloensemble als solches wahrnehmen und die Antwort des übrigen Orchesters darauf: eine stille, in sich gekehrte, berührend zarte Musik.

Jonathan Nott war mit seinen exzellenten Musikern nicht nur dirigierender Verkehrspolizist, sondern ein mit oft fast tänzerischer Körpersprache aus den vielen Noten expressive Musik formender Dirigent.

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