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Museum Villa Stuck:Häutungen

Das Museum Villa Stuck richtet der Videokünstlerin Maya Schweizer mit "Stimmen" eine große Werkschau aus. Diese ist so tiefgründig wie die Schichten der Erinnerungen, die sie freilegt

Von Evelyn Vogel

Tief taucht sie ein, in den Untergrund der Stadt. Dorthin, wo nur noch die Spuren im Wasser an die Bewohner über der Erde erinnern. Die Kanalisation einer Stadt ist kein schöner Ort. Aber der Künstlerin Maya Schweizer schien es passend, ganz unten anzufangen in ihrer filmischen Untersuchung "Voices and Shells", um die braunen Erinnerungen der Stadt, die einst die "Hauptstadt der Bewegung" genannt wurde, zu erkunden. Der Film ist einer von zehn Videofilmen aus den vergangenen 14 Jahren, die in der Ausstellung "Stimmen" in der Villa Stuck zu sehen sind. Aber "Voices and Shells" ist gewissermaßen das Herzstück, denn Maya Schweizer hat den Film nicht nur in München, sondern speziell für die Ausstellung gedreht.

In allen ihren Filmen geht es Schweizer um die Suche nach Identität und Erinnerungen. Das hat auch viel mit der Biografie der Künstlerin zu tun. Sie wurde 1976 in Paris geboren und hat an der Universität Aix-Marseille sowie in Leipzig und Berlin studiert. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Französin. In vielerlei Hinsicht spielt sich ihr Leben zwischen den beiden Ländern ab, nicht nur physisch. Auch das, was die Großmutter im damals von den Nazis besetzten Frankreich erlebt hat, hatte einen großen Einfluss auf das künstlerische Schaffen der Enkelin. Die Großmutter überlebte nur, weil sie untertauchte und kreuz und quer durch Frankreich flüchtete. Man geht gewiss nicht fehl, wenn man dieses Untertauchen als gedankliche Keimzelle für Schweizers filmische Exkursionen und ihr gesamtes Œuvre bezeichnet. Der Großmutter setzt sie mit gleich zwei Videoarbeiten ein Denkmal: Mit "Manou, La Seyne-sur-Mer" von 2012 und dem Werk "Passing Down, Frame One" von 2007.

Schweizer recherchiert genau. Sie arbeitet nicht nur mit selbst gedrehtem Material, sie benutzt auch eine ganze Reihe von Found Footage. In den daraus entstehenden Collagen verschwimmen oft die Grenzen zwischen historischem und aktuellem, fremdem und eigenen Material. Ästhetisch lässt sich da ebenso wenig eine gerade Linie ausmachen wie inhaltlich. Eher umkreist sie ihr Thema wieder und wieder von verschiedenen Seiten: Nachdem sie aus dem Untergrund aufgetaucht ist, tastet sie die Oberflächen ab. Mal in der Totalen, dann in Details. In München führt sie ihre Spurensuche an der Oberfläche zur Feldherrenhalle, zur Musikhochschule, zum Haus der Kunst.

In der Arbeit "A Memorial, a Synagogue, a Bridge, and a Church" von 2012 widmet sie sich diesem Abtasten bis zur Erschöpfung, geradezu "obsessiv", wie sie selbst sagt. Drei Monate lang hielt sie sich damals in Bratislava auf. Zwei Wochen lang untersuchten sie den Platz filmisch von allen Seiten auf der Suche nach Spuren der Synagoge, die hier einst stand und die in den Sechzigerjahren zugunsten einer Brücke über der Donau weichen musste. Fast kriecht sie mit ihren Bildern in die Strukturen der Oberflächen, in die Graffiti, Risse und Löcher. Und doch wird sie nicht fündig. Ähnlich bei einer Arbeit, die nach dem Städtchen Les Milles benannt ist. Das ehemalige Internierungslager, das Denkmal für den sterbenden Soldaten, die vielen Schilder von Straßen und Plätzen, die irgendwie mit den Weltkriegen zusammenhängen - der ganze Ort scheint wie in einer Zeitschleife. Das einzig Lebendige sind die Boule-Spieler auf dem Platz, die in der Ausstellung auch noch mithilfe einer ortsbezogenen Inszenierung einbezogen werden.

Ein Kennzeichen der Arbeit von Maya Schweizer ist: Sie gibt keine Antworten, sie stellt Fragen, deutet an, was hätte sein können und wo die Schichten der Erinnerungen begraben liegen. Das hat auf den ersten Blick mitunter etwas Verlorenes, weil Unendliches. Sie selbst verwendet an einer Stelle das Bild der Spirale als Symbol für ihre Arbeit. In jedem Fall scheut sie nicht das offene Ende. Und doch setzt sie mit ihren Werken dem Vergessen etwas entgegen. So auch im Film "I, an Archeologist" von 2014, in dem sie mithilfe einer fiktiven Stadtführerin die Spuren einstiger jüdischer Katakomben unter der Stadt Rom freilegt.

Den an Edgar Allan Poes Geschichte vom Untergang des Hauses Usher angelehnten Film "A Tall Tale" hat sie in einer, aus Stoff in den Raum hineingestellten Rundkabine inszeniert. Die Überblendungen der Burgruine mit Filmschnipseln als Symbol für den psychischen Verfall erhalten dadurch eine zusätzliche klaustrophobische Komponente. Überhaupt kommt die etwas intimere Atmosphäre im Zwischengeschoß wie im ersten Stock des Neuen Ateliers der Villa Stuck den Arbeiten mehr entgegen als der große Saal im Erdgeschoß, wo sich die Besucher an allen vier Seiten mit Videos konfrontiert sehen. Behaupten kann sich hier vor allem die schon erwähnte Arbeit "Voices and Shells", in der am Ende eine sehr schöne Häutungsmetapher wie ein Symbolbild für die gesamte Ausstellung wirkt. Allerdings: Bei so vielen freigelegten Schichten der Erinnerung muss man als Betrachter schon sehr genau aufpassen, um diese eine wahrzunehmen.

Maya Schweizer: Stimmen, Villa Stuck, Prinzregentenstr. 60, bis 24. Jan., Di-So 11-18 Uhr, erster Freitag im Montag 11-22 Uhr

© SZ vom 22.10.2020
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