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Museum in München:Neue Leiterin des NS-Dokuzentrums strebt mehr Gegenwart und Gefühl an

Die Historikerin Mirjam Zadoff, die zuletzt in den USA lehrte, will ihr Haus stärker mit anderen Einrichtungen vernetzen - auch international.

(Foto: Stephan Rumpf)
  • Mirjam Zadoff, die neue Leiterin des NS-Dokuzentrums, hat sich und ihre ersten Pläne vorgestellt.
  • Das Haus soll leichter zugänglich werden, es soll sich besser vernetzen, internationaler werden und sich noch stärker aktuellen Themen zuwenden.
  • Die als sachlich gelobte, aber auch als unterkühlt und unemotional kritisierte Dauerausstellung wolle sie behutsam aktualisieren, sagt die neue Direktorin.

Von Jakob Wetzel

Das Haus soll leichter zugänglich werden, es soll sich besser vernetzen, internationaler werden und sich noch stärker aktuellen Themen zuwenden: Mit dieser Stoßrichtung tritt die neue Chefin des Münchner NS-Dokumentationszentrums an. Seit Dienstag leitet die Historikerin Mirjam Zadoff den städtischen Lern- und Erinnerungsort am Max-Mannheimer-Platz; die 44-Jährige hat einen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Am Donnerstag hat sie sich und ihre ersten Pläne vorgestellt. Sie kommt mit vielen Ideen.

Mirjam Zadoff folgt Winfried Nerdinger nach, der das Haus 2015 eröffnet und als Gründungsdirektor etabliert hat. Es sei ihm wichtig gewesen, eine im Projektmanagement erfahrene und teamfähige Nachfolgerin mit großem Fachwissen zu finden, sagt der städtische Kulturreferent Hans-Georg Küppers. Mit der Historikerin, die zuletzt an der Indiana-Universität in Bloomington in den USA Geschichte lehrte, einige Forschungsprojekte koordiniert und viel beachtete Tagungen geleitet hat, sei das gelungen. Nerdinger habe eine gute Grundlage geschaffen, auf der Zadoff nun weiter arbeiten könne, sagt Küppers. Gleichwohl werde und müsse sie aber eine eigene Handschrift entwickeln.

Die Stadt kennt Zadoff bereits: Sich selber bezeichnet sie als eine glückliche Wahlmünchnerin, "ich bin es gewesen und bin es jetzt wieder". Geboren in Innsbruck, hat sie nach ihrem Geschichts- und Judaistik-Studium in Wien für einige Jahre in München gelebt, hat an der Ludwig-Maximilians-Universität promoviert und wurde dort 2013 auch habilitiert. Dann ging sie für vier Jahre in die USA, nun ist sie zurück.

Was sie im NS-Dokuzentrum konkret verändern will, sagt Zadoff am Donnerstag noch nicht; darüber wolle sie erst mit ihren Mitarbeitern sprechen. Die Richtung aber steht fest. Die als sachlich gelobte, aber auch als unterkühlt und unemotional kritisierte Dauerausstellung wolle sie behutsam aktualisieren, sagt die neue Direktorin. Dabei wolle sie unter anderem einzelne Elemente herausgreifen und als Schlaglichter stärker betonen; sie denke etwa an Opferbiografien. So könnten die Besucher persönliche Bezüge herstellen und damit leichter mit den Inhalten der Ausstellung in Beziehung treten. Es gehe nicht nur um Wissen, sagt Zadoff, sondern auch um persönliche Erfahrungen. Denkbar seien etwa spezielle Führungen zu diesen Schlaglichtern, eigene Abendveranstaltungen oder auch kleine Extra-Ausstellungen im Foyer. Dagegen wolle sie in den wechselnden Sonderausstellungen auf Kontraste setzen, farbiger und vielfältiger werden und beispielsweise mit Kunst arbeiten.

Nicht zuletzt will Zadoff das NS-Dokuzentrum stärker vernetzen, nicht nur mit den übrigen Kultur- und Bildungseinrichtungen in der Stadt und in Deutschland, sondern auch darüber hinaus. Die neue Direktorin denkt etwa an gemeinsame Seminare oder Veranstaltungen mit dem United States Holocaust Memorial Museum in Washington D. C., mit der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem oder auch mit dem "Haus der Ghettokämpfer" im Kibbuz Lochamej HaGeta'ot nördlich von Haifa. Auch die Perspektive aus dem Ausland soll in die Arbeit in München einfließen, etwa der Blick auf die deutsche Erinnerungskultur. Speziell in den USA werde die etwa mit Interesse und Respekt wahrgenommen.

Eine zentrale Herausforderung werde es sein, die Menschen überhaupt zu erreichen, sagt Zadoff. Jugendliche zum Beispiel: Sie habe in ihrer Arbeit mit Studierenden gelernt, dass man nicht mehr automatisch von einem Schuldbewusstsein oder zumindest von einem hohen Interesse am Nationalsozialismus ausgehen könne. "Bestenfalls stößt man auf Verantwortungsgefühl, oft aber nicht einmal auf das", sagt Zadoff. Sie wolle deshalb neue Perspektiven auf den Nationalsozialismus eröffnen und insbesondere stärker aktuelle Themen aufgreifen.

Im Juli etwa jähre sich die Konferenz von Évian zum 80. Mal. Dort, am französischen Ufer des Genfer Sees, hatten im Jahr 1938 europäische, amerikanische und ozeanische Länder darüber beraten, wie sie auf die steigende Zahl jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland reagieren sollten. Doch weil nur zwei von 32 Ländern ihre Grenzen öffnen wollten, blieb die Konferenz ohne Ergebnis. Da könne man durchaus Bezüge zur Gegenwart herstellen, sagt Zadoff.

Das Thema Flucht eigne sich überhaupt dafür, um Menschen anzusprechen, die sich sonst wohl nicht für das NS-Dokuzentrum interessieren würden: Migranten etwa oder auch Flüchtlinge. Über das Leben und die Verfolgung in einer Diktatur zu sprechen, könne hier ein Anknüpfungspunkt sein. Für die deutsche Erinnerungskultur spielten auch die Erfahrungen und Erlebnisse von Zuwanderern eine Rolle. "Die Zukunft der Erinnerungskultur hat viel mit Fragen der Integration zu tun", sagt Zadoff. "Ich denke, wir müssen ein Haus schaffen mit vielen offenen Türen."

© SZ vom 04.05.2018/huy
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