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Museum Mensch und Natur:Züchten statt töten

Eine Ausstellung zeigt Ideen für die alternative Fleischproduktion von morgen

Der rote Kloß sieht nicht wirklich appetitlich aus: ein Riesensteak, aus Kunstfleisch produziert. Daneben: fleischige Fäden, mit Stricknadeln garniert. In einer Suppenschüssel schwimmt ein weißes Objekt, ein Ei-Ersatz, im 3-D-Drucker aus Knochenmark hergestellt. Das sind nur drei Beispiele von mehr als 30, die in der Ausstellung "Meat the Future" im Museum Mensch und Natur die Frage aufwerfen: Wie könnte die Fleischproduktion in Zukunft aussehen?

Köche, Designer, Ingenieure und Künstler haben diese Schau, die vom Cube Design Museum in den Niederlanden übernommen wurde, entwickelt. Noch sind es Visionen, die wenigsten der Gerichte lassen sich bisher auf den Teller bringen. Doch der erste gebratene Burger, zusammengesetzt aus Tausenden einzelnen Stückchen gezüchteter Muskelmasse, wurde immerhin schon 2013 in London verzehrt. Seine Produktion kostete noch 250 000 Dollar. Würden allerdings erst einmal Zuchtfleischfabriken in großem Maßstab gebaut, dann würden auch die Produkte billiger werden. Bis dahin haben die Designer schon mal ihre Fantasie spielen lassen: vom Eisbärfleisch-Eis bis zu farbigen Zauberfleischbällchen, die angeblich gesünder sind als hergebrachte Klößchen, reichen die Ideen.

Snacks aus Stammzellen von Usain Bolt, Lady Gaga, Albert Einstein - theoretisch möglich.

(Foto: Stephan Rumpf)

Eines ist jedenfalls klar: Der Fleischkonsum der Weltbevölkerung bringt den Globus an seine Grenzen. "Keine unserer Verhaltensweisen hat einen größeren Einfluss auf Umwelt und Gesundheit als die Frage, was wir essen", sagte Biotopia-Direktor Michael John Gorman bei der Eröffnung der Ausstellung. Und das gilt ganz besonders für das Fleisch.

Die Massentierhaltung beschleunigt den Klimawandel, weil enorme Mengen an Treibhausgasen ausgestoßen werden, sie verbraucht viel zu viel Wasser, belastet Grundwasser und Böden mit Nitrat, führt zur Abholzung der Regenwälder - nur damit die Menschen auf der Nordhalbkugel so viele Steaks essen können, wie es ihnen beliebt. Ein Amerikaner isst 120 Kilogramm Fleisch pro Jahr, das ist doppelt so viel wie ein Chinese und 30 mal so viel wie ein Inder, erfahren die Besucher in Nymphenburg. Die Weltbevölkerung wird wachsen, der Wohlstand auch, es muss sich also etwas ändern. Aber was?

Zuchtfleisch könnte eine Lösung sein, davon sind Wissenschaftler weltweit überzeugt. Und es fließt viel Geld in diese Forschung. Start-ups, vor allem im Silicon Valley, in Israel, Holland, aber auch in anderen Ländern, wetteifern schon jetzt um das ideale Rezept für Burger oder Schnitzel aus gezüchteter Muskelmasse.

Kühe oder Schweine müssten dann nicht mehr getötet werden, sie müssten nur noch Stammzellen spenden, aus denen mit einem aufwendigen Verfahren Fleisch gezüchtet werden könnte. "Das Spenderschwein könnte in einem Gemeinschaftsgarten oder auf einem Stadtbauernhof gehalten werden, wo es ein gutes Leben führen kann", so die Vision. Stattdessen sterben jedes Jahr 44 Milliarden Hühner, 280 Millionen Kühe und mehr als eine Milliarde Schweine für die Menschen. Und die meisten dieser Tiere hatten ein kurzes und elendes Leben. Eines Tages, meint Gorman, hat vielleicht auch jeder Haushalt einen kleinen Bioreaktor in der Küche stehen, in dem er sich sein Fleisch selber züchtet, ganz nach dem eigenen Geschmack.

Die Museumsdirektoren Michael John Gorman (links) und Michael Apel sind neugierig.

(Foto: Stephan Rumpf)

Kritische Fragen, wie etwa nach der Produktionsweise von Zuchtfleischfabriken, spricht die Ausstellung nicht an. Offen bleibt auch, ob die neuen Produkte, die in den Industrieländern hergestellt werden, in die ärmeren Länder exportiert werden und dort lokale Märkte zerstören. "Die Ausstellung will Fragen aufwerfen, keine Antworten geben", sagt Michael Apel, Direktor des Museums Mensch und Natur. Viele dieser Ideen werden, sollten sie sich je realisieren lassen, ohnehin Luxusprodukte bleiben. Doch schon Winston Churchill hat sich vor 90 Jahren mit der Ernährung beschäftigt. "Wir sollten aufhören, ganze Hühner zu züchten, von denen wir nur die Brüste oder Flügel essen", zitieren die Ausstellungsmacher den englischen Premier, "und lieber versuchen, die Teile separat zu züchten."

Sinnlich ist die Schau auf alle Fälle, und sie fordert die Besucher auf, sich zu fragen: Was wäre ich selbst bereit zu ändern? Will ich Retortenfleisch essen? Insekten? Algenburger? Oder doch lieber weniger Fleisch?

Meat The Future, 25. Mai bis 23. Juni, Museum Mensch und Natur, Schloss Nymphenburg, Di.-Fr. 9-17 Uhr, Sa., So., Feiertag 10-18 Uhr