Es mag auf den ersten Blick nur eine Randbeobachtung sein. Letztlich verdeutlicht es aber den Geist, der hinter der Veranstaltung steht. Es war im Herbst 2014, als die Kulturmanagerin, frühere Journalistin und heutige Galeristen Dietlinde Behncke ihre Gesprächsreihe, die „Munich Speech“, ins Leben rief, um Verantwortliche aus Kultur und Wirtschaft, mitunter auch Politik zum Dialog einzuladen. „Ich will Persönlichkeiten einladen, die München verändern, für München wirken, die München Visionen geben“, so ihr Credo.
Interessante Leute für ihren Thing-Tank zu bekommen, war für die in der Kultur gut vernetzte Initiatorin von Anfang an kein allzu großes Problem. Obwohl alle pro bono kommen und jenseits eines Blumenstraußes und eines herzlichen Dankeschöns seitens der Gastgeberin sowie eines ebenso herzlichen Applauses vonseiten des Publikums keine Belohnung lockt.
Anfangs fanden die Gespräche noch in Erinnerung an die einst so berühmten Schwabinger Salonkultur in ihrer Altbauwohnung in Schwabing statt. Und zwar in dem langgestreckten Entree. Für die Diskutanten wurden zierliche Designerstühle bereitgestellt. Doch worauf sollten die Gäste Platz nehmen, ohne dass das Mobiliar alles zustellte und möglichst viele Zuhörerinnen und Zuhörer in die Räumlichkeit passten? Und wie konnte sie zugleich eine Art Signature-Piece für ihre Reihe entwerfen?

So entstanden aus einfachen Hockern dank dicker Schaumstoffauflage und knallig bunter Lackbezügen die Pop-Seats. Diese waren vor der Veranstaltung in der Mitte des Raumes angeordnet und wirkten wie ein Teller voll leuchtend-bunter Smarties. Bei der Ankunft hatten die Gäste so genügend Platz für den ersten Small Talk, begann dann das eigentliche Gespräch, nahm sich jeder einen Hocker und platzierte ihn – je nach Körperbalance – frei im Raum oder an der Wand entlang, um sich anlehnen zu können. Es soll Stammgäste geben, die längst ihren Lieblingshocker auserkoren haben oder stets darauf achten, sich den farblich zur Kleidung passenden Poppie zu schnappen.

Erster Gast war im November 2014 der damalige Leiter des Kunstvereins, Bart van der Heide. Ein freundlicher und verbindlicher, aber zu jener Zeit auch etwas schüchtern auftretender Mann von 40 Jahren. Kürzlich war er wieder zu Gast. Eigentlich sollte das Zehnjährige der Reihe mit ihm gefeiert werden. Wegen einiger Verzögerungen wurde es nun das knappe, aber gute Dutzend. Noch immer sind Freundlichkeit und Verbindlichkeit neben Sachkompetenz die herausragenden Eigenschaften von Bart van der Heide. Die Schüchternheit jedoch ist verflogen und hat einer großen Souveränität Platz gemacht. Nach einer Zwischenstation als Chefkurator am Stedelijk Museum in Amsterdam bestimmt er seit einigen Jahren als Direktor die Geschicke eines wahrlich sehenswerten Museums namens „Museion“ in Bozen. Und er hatte viel über den Umgang mit der italienischen Kulturpolitik zu erzählen, auch wenn das Museion selbst von der Autonomie Südtirols profitiert.
In den Jahren dazwischen kamen neben Museumsleuten wie Roger Diederen (Kunsthalle), Angelika Nollert (Designmuseum), Andrea Lissoni (Haus der Kunst) und Eva Kraus (Bundeskunsthalle) auch Theater- und Opernintendanten wie Matthias Lilienthal, Andreas Beck, Serge Dorny und Alexander Liebreich. Kulturvermittler wie Markus Michalke, Anna Kleeblatt und Max Wagner (Initiative Kulturzukunft), Politiker wie Wolfgang Heubisch oder Diplomaten wie US-Konsul Timothy Liston nahmen ebenso Platz neben Dietlinde Behncke wie die Gründer der Digitalmesse Unpainted Annette Doms und Benedict Rodenstock sowie Wirtschaftsleute wie Jan Fischer (Art Space Berlin), Moritz Schularick (Ökonomieprofessor), Michael Brehm (KI-Start-Up-Gründer), Monika Schnitzer (Vorsitzende der Wirtschaftsweisen) und Stefan Vilsmeier (CEO Brainlab). In der Pandemie wurde manches digital fortgesetzt, mitunter auch unter freiem Himmel im Garten.

Inzwischen finden die Munich Speeches im Wechsel mit Artist-Talks in der von Dietlinde Behncke gegründeten Behncke Gallery statt. Statt 40-50 Zuhörer drängen sich längst bis zu 100 Personen in dem ebenfalls nicht übergroßen Raum. Aber noch immer strahlen die Veranstaltungen einen Hauch von privatem Salon aus. In deren Mittelpunkt: gute Gespräche. Und natürlich die Pop-Seats.

