bedeckt München 14°

Multimediainstallation:Hey Judy

Paul Valentins "Lambshift" im Maximiliansforum ist eine ungemein unterhaltsame und lehrreiche philosophische Exkursion ins Nichts

Von Evelyn Vogel

Manchmal erinnert Judy an Lara Croft, wie sie sich selbstbewusst, sexy und geschmeidig durch den Film bewegt. Bewaffnet ist sie auch, zeitweilig jedenfalls. Aber meist sind Judys Waffen nicht die einer bis an die Zähne bewehrten Amazone. Sie - die im Übrigen eine Häsin ist - verwendet vor allem eines, das messerscharf ist: den Verstand, um das Nichts zu erforschen.

Dieser Verstand und die daraus resultierenden Gedanken sind die des jungen Künstlers Paul Valentin. Mit seinem hinreißenden Animationsfilm "Nichts" eroberte der inzwischen 30-Jährige, der bis 2019 an der Kunstakademie bei Stephan Huber und Alexandra Bircken studierte, im Jahr seines Examens die Gunst des Publikums wie im Sturm. Das war so in der Ausstellung des Auktionshauses Karl & Faber, deren Kunstpreis Valentin ebenso erhielt wie den des Akademievereins. Das ist so, seit seine Multimediainstallation "Lambshift" rund um den Animationsfilm "Nichts" im Maximiliansforum läuft.

Im Kurzfilm "Nichts" durchwandert Judy, deren Charakter Valentin der gleichnamigen Häsin Judy Hopps aus dem Disney-Film "Zootopia" von 2016 entlehnt hat, die Geschichte rund um das "Nichts". Wissenschaftliche und philosophische Ideen dringen aus einem Aufzeichnungsgerät in Form einer Möhre - oder ist es ein Stift in Möhrenform? Ein Loch ins Innere der Erde - oder doch ins Nichts?, eine Box, die immer wieder geöffnet und verschlossen, aus- und eingebuddelt wird, spielen eine Rolle. Am Ende deutet der Film auch eine alternative Antwort auf die Frage an, was das Nichts ist.

Tiefenphilosophische Einblicke einer Häsin: Judy aus Paul Valentins Animationsfilm "Nichts".

(Foto: Paul Valentin)

Rechts und links der Installation von "Lambshift" schieben sich riesige, sandfarbene Platten vor die Projektionsfläche und in den Bildraum hinein. Was im Gegensatz zu der hoch artifiziellen Ästhetik des Animationsfilms, die es tatsächlich beinahe mit der aus dem Hause Pixar aufnehmen könnte, doppel reizvoll wirkt. Von Ferne erinnern die Platten an antike Steinreliefs. Und auf einen antiken Mythos, den der Pandora, beziehen sich die Darstellung auch. Denn Pandora war es, die ein Gefäß - die Büchse der Pandora - öffnete und so ziemlich alle bekannten, oder besser: bis dahin unbekannten Untugenden in die Welt entließ. Doch etwas blieb drinnen, als Pandora ihre Büchse wieder verschloss: die Hoffnung. Für Paul Valentin der Ausgangspunkt der Frage: Was wäre, wenn auch die Hoffnung entwichen wäre? Und zurück nichts bliebe als - das Nichts? Würde die Menschheit die Hoffnungslosigkeit des Nichts überhaupt aushalten?

Es ist also ein hochphilosophischer Diskurs, den Valentin in seinem Film führt. Dabei verarbeitet er allerhand Zitate aus Filmen, aus der Literatur sowie aus Computerspielen. Unter dem Titel "A sip of nothing / Ein Schluck vom Nichts" unterhielt sich Paul Valentin vor einigen Wochen über die paradoxe und zugleich existenzielle Frage der Existenz des Nichts mit dem Astronomen, Mathematiker, Physiker und Sachbuchautor Josef Martin Gaßner, dem Philosophen Christof Rapp, der Medienwissenschaftlerin und Kuratorin Franziska Stöhr und dem Literatur- und Filmwissenschaftler Nepomuk Zettl. Das Gespräch ist über den Youtube-Link abrufbar. Wie umfassend die Überlegungen zu dem Animationsfilm wie zu der Ausstellung sind, wird zudem deutlich, wenn man die Publikation "Air Into Solid" anschaut.

Die Installation.

(Foto: Paul Valentin)

Dort weist Valentin darauf hin, "welche Verwirrungen der Begriff einer Welt für einen bildenden Künstler bedeutet, der schon als Kind in digitalen Welten unterwegs war und heute die 'analoge' Welt verstehen will, um sie für Animationsfilme und andere Arbeiten am Computer zu simulieren". Aber auch ohne dass man das Buch kennt, ist es sowohl unterhaltsam als auch lehrreich, dem filmischen Geschehen zu folgen und sich dem Spaß eines lustigen Rätselratens zu stellen. Dabei ist die berstende Säule, die sich wie der Knochen in dem Film "2001: Odyssee im Weltraum" von Stanley Kubrick bewegt, das wohl am einfachsten zu entschlüsselnde Zitat.

Während die westliche Seite der Installation von einer westlichen, letztlich christlichen Angst vor dem Nichts geprägt ist, herrscht auf der östlichen Seite eine eher entspannte, von östlicher Philosophie inspirierte Vorstellung vor. Dort verliert die Vorstellung des Nichts ihren Schrecken, oder wie Valentin es formuliert: "Sie feiert den Gedanken als höchste Idee, die sich den Zustand der Leere (oder Entleerung) als Ziel gesetzt hat." Im linken der beiden Videoloops mit dem Titel "Deleted Scenes" schreibt die Häsin in einem immerwährenden Kreislauf das japanische Zeichen "Mu", das für "die Leere im Geist" steht, in den Sand und löscht es dann wieder. Im Loop wiegt sie eine Hasenfigur, die verdammte Ähnlichkeit mit einem Schoko-Hasen hat, in Händen. Grad so, als ob das Vernaschen der zuckersüßen Versuchung eine weitere Option sei, dem Geheimnis des Nichts auf die Spur zu kommen.

Paul Valentin: Lamb Shift, Multimediainstallation, Maximiliansforum, Unterführung Ecke Maximilianstraße/Altstadtring, bis 31. Januar, jederzeit einsehbar, an den kommenden beiden Wochenenden, Sa/So ist Paul Valentin jeweils von 15 - 17 Uhr vor Ort; Publikation "Air Into Solid", 144 Seiten, 39 Euro, über www.paulvalentin.de/air-into-solid oder ISBN 978-3-00-066301-7

© SZ vom 12.01.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema