Dass der Weg zum Erfolg zuweilen hart ist, steht zurecht unter Floskelverdacht. Im Fall von Florian Paul lässt sich immerhin präzisieren: küchenfliesenhart, eine Woche lang. Warum der Musiker ein paar Nächte an ungewöhnlicher Stelle verbringen musste, um da hinzukommen, wo er heute ist, dazu gleich mehr. Zunächst: Mit seiner „Kapelle der letzten Hoffnung“ hat Paul mit „Alles wird besser“ ein neues Album herausgebracht, mit dem er am 8. Dezember in der Muffathalle ist: Heimspiel. Er habe eine Weile gebraucht, um hier anzukommen, erzählt der in Schwelm bei Wuppertal Geborene: „Da hat man natürlich gewisse Vorurteile gegen Bayern und München speziell, die auch größtenteils eingelöst wurden. Aber mittlerweile finde ich München super. Ist in Deutschland die beste Stadt zum Leben.“
Ein Café in Haidhausen, Herbstsonne, man kann draußen sitzen, und erst am Ende des launigen Gesprächs fällt auf, dass der Bursche eine Zigarette nach der anderen geraucht hat. Mittlerweile ungewohnt. Die Vorstellung des Herrn Paul laut Pressetext-Lyrikern: „Der charismatische 29-Jährige mit der warm-rauchigen Stimme, der mit schwermütigen Liebesliedern und Nachtstücken zwischen Jazz, Pop und Filmmusik zu den aufregendsten Vertretern der deutschen Singer-Songwriter-Szene zählt“, heißt es bei seiner Plattenfirma. Das dritte Album sei ein Abschied von dem auch privaten Tief der Corona-Jahre und zugleich Fortsetzung des euphorischen Grooves, mit dem die Band für Begeisterung sorgte. Dem erzählenden Stil und der Melancholie bleibt Paul treu: „Ein schönes Gefühl, das nichts mit Verzweiflung oder Trauer zu tun hat.“ Er will einen Gegenentwurf zum weit verbreiteten Fatalismus bieten, „weil man eben doch etwas ändern kann, auch wenn es schwer scheint“. Man dürfe nur nicht aufhören zu träumen, dann wird vielleicht nicht alles gut, aber besser.
Gut, aber nicht besser als andere erlebt sich Paul in seinen Anfängen als Künstler. Nach dem Abi zieht es ihn nach Bochum, zum Off-Theater-Ausbildungsprojekt „Theater total“. Ziel: Schauspieler. Nach einem Jahr Unterricht geht es mit der Shakespeare-Inszenierung „Viel Lärm um nichts“ drei Monate auf Tournee, und Paul erkennt: Selbst in dieser Gruppe gibt’s welche, die viel besser sind. Stattdessen fängt er an, im Stück Musik zu machen, spielt Gitarre und Cello, das Instrument, das er als Kind gelernt hat – die Mutter ist Musiklehrerin, spielt ebenfalls Cello.
Nach der Ausbildung sprechen alle an Schauspielschulen vor, nur Paul nicht. Er will sich für klassische Komposition an der Musikhochschule einschreiben, merkt aber: Ich hab’ ja null Ahnung von Musiktheorie. Das weckt den Ehrgeiz: Er nimmt Privatunterricht bei einer Lehrerin der Folkwang-Schule, lernt ein paar Bochumer Sinfoniker kennen, bastelt an einer Mappe und bewirbt sich an zehn Hochschulen. Am Ende wird aber schnell klar: Das mit der Komposition ist nichts für ihn.
„Ich bin in alles so reingeraten, aber letztlich war es so genau richtig.“
Tja, was sonst? Da er auf der Shakespeare-Tour auch das Lichtkonzept gemacht hatte, überlegt er, sich als Beleuchter am Schauspielhaus Bochum zu bewerben. Die Folkwang-Lehrerin rettet ihn: „Fahr mal nach München zur Filmmusik-Aufnahmeprüfung. Das ist zwar die schwerste Prüfung, aber die sind anders drauf. Könnte dir gefallen.“ Paul fährt hin, stellt fest, dass alle Mitbewerber schon Komposition oder ein Instrument studiert haben und denkt: Wird eh nichts. Doch dann sitzt da im Kolloquium Gerd Baumann, Professor für „Komposition für Film und Medien“ an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM), Leiter des Instituts für Neue Musik, Komposition und Dirigieren sowie seit zehn Jahren eine Hälfte des gefeierten Duos Dreiviertelblut. Und Florian Paul sagt sich: „Wow, das hab’ ich doch gesucht.“ Nur für eine Nacht hat er ein Hotel gebucht, weil er nicht an seine Chance glaubt. Abends muss er bei der HMTM anrufen, um die Entscheidung der Kommission abzufragen: „Gut, dass Sie anrufen“, heißt es, „Sie sind der Letzte. Alle Anderen sind raus.“ Paul versteht die Welt nicht mehr, hat nun eine Woche lang Pflichtfach-Vorprüfungen: Cello vorspielen, Gehörbildung, solche Sachen. Eine befreundete Bühnenbildnerin vom Residenztheater nimmt ihn in ihrer WG in Untergiesing auf, doch da es dort kein Sofa gibt, schläft Paul in der Küche auf den Fliesen, auf einer Wolldecke, die ganze Woche lang – und ist glücklich.
2015 war das. Er studiert also Filmmusik, was nie sein Plan war: „Ich bin in alles so reingeraten, aber letztlich war es so genau richtig.“ Das Studium erweist sich als Mischung aus Dingen, die ihn interessieren: Regie, Film und Musik. Der Kontakt zu Gerd Baumann: „unbezahlbar“, sagt Paul, „ohne ihn würde es diese Band nicht geben. Alles, was jetzt da ist, ist aus diesem Studium entstanden.“ Das erste Konzert 2018 findet in der Milla statt. Als das Programm dafür gedruckt wird, fehlt noch ein Bandname. Der entsteht laut Paul aus einer „typischen München-Situation: Wo gehen wir noch hin? Alles schon zu. Dann kam eine Freundin vorbei, und wir so: ‚Marie, gut, dass du kommst, du bist unsere letzte Hoffnung.‘ Da wusste ich: Das ist gut. Seitdem heißen wir so.“
Baumann findet ebenfalls warme Worte für ihn: „Früh im Studium kam er mit einem Song daher, „Die blaue Katze“, hat mir den vorgeträllert und ich dachte mir: Das ist ja unglaublich schön. Der ist ja ein totaler Poet, ein Barde.“ Paul habe eine Stimme, die einfach auf die Bühne gehört. „Da zieht es ihn auch dermaßen hin. Ich wünsche ihm sehr, dass er auf dem Teppich bleibt.“
Der Film zum Album spielt in einer surrealen Welt im Tengelmann
2019 geht es dann richtig los: erstes Album, Auftritte. Im November spielt die Kapelle eine Show im „Tipi am Kanzleramt“, Paul erinnert sich: „Total surreal, war ja erst unser drittes oder viertes Konzert.“ Schnell sind die Newcomer für 2020 ausgebucht – dann kommt Corona. 2022 dann die zweite Platte: „Auf Sand gebaut“. Paul hat sich in den Kopf gesetzt, einen Film dazu zu drehen, schreibt parallel zur Platte ein Drehbuch. Per Crowdfunding sammelt er 20 000 Euro, bekommt FFF-Förderung, und plötzlich hat das, was als lustige Sache geplant war, 60 000 Euro Budget und teilweise 120 Leute am Set. Der Plot spielt in einer surrealen Welt, die er in einem leer stehenden Tengelmann in der Waldfriedhofstraße aufbaut. Premiere feiert der Film beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken, gewinnt beim Fünf-Seen-Festival als bester Mittellang-Film. Und Florian Paul? Ist mal wieder glücklich.
Es folgt eine Einladung zu „Inas Nacht“, für Paul „der Ritterschlag“. Gerade haben sie die Musik für die Verfilmung der Schweizer Hörspiel-Serie „Philip Maloney“ machen dürfen, die im Dezember ins Kino kommt: „Das ist Kult in der Schweiz, wie bei uns ‚Die drei Fragezeichen‘.“ Überhaupt hat es ihm das Nachbarland angetan: „Ich liebe Zürich, und ich liebe die Schweizer. Für uns läuft es da fast besser als in Deutschland.“ Wie gut es in der Heimat läuft, wird sich in der Muffathalle zeigen. „Das ist der nächste Schritt. Der letzte Gig in München war im Strom: ausverkauft. Bin gespannt, wie es jetzt wird.“ Gut? Oder vielleicht sogar besser?
Hinweis der Red.: In einer ersten Fassung dieses Textes war Professor Gerd Baumann fälschlich an der Hochschule für Fernsehen und Film angesiedelt.

