Münchner ZauberwochenDas Wunder, das selbst Zauberer sprachlos macht

Lesezeit: 4 Min.

„The Reformation“, Guy Hollingworths berühmteste Illusion, gilt als einer der 50 größten Zaubertricks der Geschichte.
„The Reformation“, Guy Hollingworths berühmteste Illusion, gilt als einer der 50 größten Zaubertricks der Geschichte.
Gerald F. Huber

Guy Hollingworth hat Weltruhm erreicht und trotzdem auf die große Karriere verzichtet. Bei den Münchner Zauberwochen ist der britische Ausnahmekünstler erstmals seit Jahren wieder auf der Bühne – vielleicht lüftet er sein Geheimnis.

Von Michael Bremmer

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Es ist ein kleines Wunder, auch wenn es für einen Kartentrick banal beginnt. Guy Hollingworth, britischer Zauberkünstler, steht an einem Tisch und lässt eine Frau, die direkt neben ihm sitzt, eine Karte ziehen. Die Frau unterschreibt die Karte, in diesem Fall der Kreuz-König, gibt sie an den Zauberer zurück. Guy Hollingworth nimmt die Karte und zerreißt sie in vier Teile: So weit seit vielen Jahrzehnten in Zauberkreisen praktiziert – und doch ist bei Guy Hollingworth diese Nummer anders.

„The Reformation“ heißt der Trick – also die Wiederherstellung. Guy Hollingworth hat ihn Mitte der Neunzigerjahre während seines Jurastudiums entwickelt und damit Weltruhm als Zauberkünstler erreicht. „The Reformation“ gilt als einer der 50 größten Zaubertricks der Geschichte, Hollingworth selbst wurde zum Magier des Jahres ernannt, nicht nur vom Magischen Zirkel in London, sondern auch von der Academy of Magical Arts in Hollywood. Er war der Inbegriff für den neuen Typ Zauberer – intellektuell, elegant, vollkommen anders als der Show-Zauberer, der hauptsächlich auf Effekte setzte. Dennoch: Guy Hollingworth zog es vor, lieber hauptberuflich als Anwalt zu arbeiten. Damals hieß es in der Zauberwelt: „Magic needs Guy Hollingworth, not the other way around“ – also: „Die Magie braucht Guy Hollingworth – nicht umgekehrt.“

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Knapp drei Jahrzehnte ist das her, jetzt kehrt er auf die Bühne zurück. Er hat in seiner Anwaltskanzlei ein Sabbatical genommen, präsentiert seine neue Show „Inevitable“ sowie sein neues Zauberbuch und kommt damit auch nach München. Guy Hollingworth ist der Stargast der Zauberwochen, die vom 4. bis zum 9. Mai im Theater … und so fort stattfinden.

Am Freitag und Samstag, 8. und 9. Mai, steht er mit seinem Solo-Programm „Inevitable“ auf der Bühne, ein Close-up-Erlebnis mit britischem Humor und hochpräziser Fingerfertigkeit. Am Donnerstag, 7. Mai, wird er aber auch Teil des Meister-Magier-Mixes sein – und diese Abende kommen der Grundidee sehr nahe, warum vor 32 Jahren die Zauberwochen ins Leben gerufen wurden. 1994 wollten die drei Münchner Zauberer Thomas Fraps, Gaston und Ben Profane ihre Bühnennummer für die Zauberweltmeisterschaft in Japan vor Publikum einüben und sich gleichzeitig von anderen Magiern Tipps holen. Dieser Austausch ist bis heute geblieben.

„Häufig bei Auftritten reagieren Zuschauer verblüfft, wenn ich von den Zauberwochen erzähle“, sagt Thomas Fraps. Sie seien irritiert davon, „dass wir gemeinsam an einer Vorführung arbeiten, dass wir uns Tipps geben, dass wir einander Tricks verraten und auch die Erlaubnis erteilen, sie ebenfalls vorzuführen“. Aus Sicht der Zuschauer, sagt er, „wirkt es anscheinend so, als ob wir alle Einzelkämpfer sind, die ihre Geheimnisse hüten und mit ins Grab nehmen“. Dabei helfen sich die Zauberer gegenseitig, „die eigenen Nummern zu verbessern und so am Ende auch die Zauberkunst zu verbessern, die Zuschauer erleben“, sagt Thomas Fraps.

So viel Magie auf einer Bühne: Auch bei der Münchner Zauberwoche 2019 war Guy Hollingworth (Dritter von links) zu Gast.
So viel Magie auf einer Bühne: Auch bei der Münchner Zauberwoche 2019 war Guy Hollingworth (Dritter von links) zu Gast.
Michelle Spillner

Was beim Zaubern alles möglich ist, kann man am besten bei diesem Meister-Magier-Mix beobachten. Neben den drei Münchner Gastgebern sind fünf weitere Zauberer auf der Bühne zu bestaunen. Manuel Muerte aus Hamburg ist Zauber-Weltmeister, Illusionist, Trickentwickler und immer wieder in Las Vegas und im japanischen Fernsehen zu sehen. Michelle Spillner, eine der wenigen Frauen in der professionellen Zauberwelt, verkörpert das Sinnbild weiblicher Magie. Jörg Alexander, weltweit gebuchter Zauberkünstler, verbindet wie kaum ein anderer Magie und Poesie. David Sousa ist der vielleicht aktuell beste Zauberer Portugals und trat nach seinem Weltmeistertitel vor 20 Jahren in mehr als 50 Ländern auf. Gonzalo Albiñana aus Madrid wiederum verbindet Zauberkunst mit Schattenspielen – seine Nummer mit dem verschwundenen Käfig brachte sogar die Zauberkünstler Penn & Teller in der US-amerikanischen Fernsehshow „Fool us“ ins Schwärmen.

Und am Donnerstag, 7. Mai, wird auch Guy Hollingworth aus London anreisen. Wie offen ist ein Meister, wenn er unter anderen Meistern ist? Ob er Einblicke gewähren wird in seine Art zu zaubern? Ob er den Kolleginnen und Kollegen verraten wird, wie „The Reformation“ funktioniert? Wie gesagt: Der Trick ist nicht neu. Varianten des Effekts der zerrissenen und wiederhergestellten Spielkarte existieren seit mehr als 100 Jahren, in der klassischen Version versteckt hinter einem Tuch. Aber Guy Hollingworth machte die Wiederherstellung der Karte sichtbar, vielleicht einen Meter von den Zuschauern entfernt. Kartenecke für Kartenecke. Die ausgewählte Spielkarte. Mit der Unterschrift.

Wunder wie dieses lassen die Zuschauer staunen – aber bei Guy Hollingworth waren sogar Zauberprofis sprachlos, weil die Täuschung so perfekt aussah und ohne doppelten Boden auskam. Sie hielten „The Reformation“ für einen Videotrick, obwohl er am Tisch gezeigt wurde, ganz nah am Publikum. Der Effekt gilt seither als Meilenstein der modernen Close-up-Magie, als Meisterwerk, an dem Generationen von Magiern ihre Technik und Dramaturgie messen.

Guy Hollingworth ist bekannt für seine eleganten, technisch schwierigen Kartenkunststücke. Ebenfalls aus seiner Anfangszeit stammt ein Trick mit vier Spielkarten: „Waving the Aces“. Die vier Karten drehen sich von der Rückseite auf die Vorderseite, während sie sich in den Fingern des Zauberers befinden: ohne jede Ablenkung oder Bewegung. Und weil das alles direkt vor den Augen des Betrachters passiert, sieht es so aus, als wäre der Trick absolut unmöglich.

Auch heute noch betrachten viele Magier Guy Hollingworth als einen der besten Kartenkünstler seiner Generation. Weil seine Tricks technisch extrem anspruchsvoll sind, bei ihm aber so mühelos wirken. Weil er die Zauberkunst mit klassischer Eleganz verbindet. Weil bei seinen Kartenmanipulationen immer wieder sein britischer Humor durchkommt.

Die Zauberei hat Guy Hollingworth all die Jahre nicht losgelassen. Er trat immer wieder bei exklusiven Privatveranstaltungen und gelegentlichen Zauberkongressen auf, in Las Vegas, Los Angeles und natürlich in London.

Die Zauberei „ist nicht der einfachste Weg, viel Geld zu verdienen. Es ist nicht der einfachste Weg, berühmt zu werden. Es ist nicht der einfachste Weg, die Probleme der Welt zu lösen“, hat Guy Hollingworth einmal gesagt. „Es gibt nur einen Grund, Zauberei zu machen – nämlich, weil man sie liebt.“

Münchner Zauberwoche, Montag, 4., bis Samstag, 9. Mai, Theater … und so fort; Nacht der Zauberei, Montag, 4. Mai, 19 Uhr; Meister-Magier-Mix, Dienstag, 5., Donnerstag, 7. Mai, 19.30 Uhr; Guy Hollingworth, Freitag und Samstag, 8. und 9. Mai, 19.30 Uhr, www.zauberwochen.de

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