Die städtische Wohnungsgesellschaft Münchner Wohnen gerät zunehmend unter politischen Druck. Während der Vollversammlung des Stadtrats am Mittwochvormittag ließ Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) verlauten, er habe eine europaweite Ausschreibung des Unternehmens für PR- und Managementberatung unmittelbar am Tag nach deren Bekanntwerden gestoppt. Damit hat der OB bereits zum dritten Mal in die Arbeit der Münchner Wohnen eingegriffen, seit er im Mai 2025 den Aufsichtsratsvorsitz beim kommunalen Tochterunternehmen von seiner Parteikollegin Verena Dietl übernommen hat.
Im September vorigen Jahres hatte Reiter die Geschäftsführung der Münchner Wohnen aufgefordert, umgehend die Probleme zu beseitigen, die in der Liebherrstraße zwischen Mietparteien und einem kommerziellen Beherbergungsbetrieb aufgetreten waren. In ähnlich scharfer Form wies er die Gesellschaft dann im November an, außerordentlich hohe Heizkostenabrechnungen im Hasenbergl zu korrigieren. Und weitere zwei Monate später, Mitte Januar, verfügte der OB den genannten Stopp der Ausschreibung für PR-Tätigkeiten, für die ein Budget von zwei Millionen Euro und eine Laufzeit von vier Jahren vorgesehen war.
Jene Ausschreibung war Anlass für einen Dringlichkeitsantrag der Stadtratsfraktion von ÖDP und München-Liste, den Reiter jedoch ablehnte; die im Antrag enthaltenen Fragen sollen vor der nächsten Vollversammlung beantwortet werden. In diesem Kontext hatte der OB zu verstehen gegeben, dass keine Dringlichkeit herrsche, weil er die Ausschreibung ja bereits gestoppt habe.
„Mehr gibt es dazu zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu sagen“, erklärte Reiter auf Nachfrage: „Es wäre schön, wenn man der nunmehr seit drei Tagen kompletten Geschäftsführung zumindest die Gelegenheit gäbe, erkannte Mängel schnellstmöglich abzustellen. Dass dies innerhalb von wenigen Tagen schwer möglich ist, ist aus meiner Sicht nachzuvollziehen.“
Die ÖDP begrüßte den Stopp der Ausschreibung zwar grundsätzlich. „Es ärgert mich aber tierisch, dass der Oberbürgermeister einer offenen Debatte ausgewichen ist“, sagte ihr Fraktionschef Tobias Ruff: „Wir hätten heute zu einer Aufklärung beitragen können. Doch der Oberbürgermeister weicht in seiner bekannt flapsigen Art aus.“ Reiters Behauptung, die Fragen der ÖDP seien zu kurzfristig gekommen, sei jedenfalls „schlicht gelogen“.
In der Tat hatte Ruffs Fraktion bereits am 12. Januar einen Dringlichkeitsantrag mit sechs Fragen zur geplanten PR-Beratung formuliert, den sie am Mittwoch lediglich um einen Absatz ergänzte: In dem bat sie die Münchner Wohnen, die Gründe für die versäumte Zustellung von Betriebskostenabrechnungen für das Jahr 2024 zu erklären und zu erläutern, wie sie das verloren gegangene Vertrauen der Mieterschaft wiedergewinnen wolle.
Wie die SZ zuvor berichtet hatte, waren bei mehreren tausend Mieterinnen und Mietern die Betriebskostenabrechnungen für 2024 nicht fristgerecht eingegangen, weshalb eventuelle Nachforderungen des Unternehmens nun hinfällig sind. Der finanzielle Schaden könnte in eine siebenstellige Höhe gehen. Die Münchner Wohnen machte einen externen Dienstleister für das Versäumnis verantwortlich.
CSU-Fraktionschef Manuel Pretzl sieht in dieser Angelegenheit den Fehler in erster Linie beim Dienstleister: „Den muss man natürlich jetzt in Regress nehmen.“ Der wohnungspolitische Sprecher der Linken, Christian Schwarzenberger, erkennt eher ein strukturelles Problem: „Es wird Zeit, dass die anderen Parteien aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen und erkennen, dass unsere städtische Wohnungsgesellschaft hier ein massives Problem hat.“ Die Nebenkostenabrechnungen der Münchner Wohnen seien jedenfalls ein „absolutes Chaos und oft fehlerhaft“.
Münchens Zweiter Bürgermeister Dominik Krause (Grüne) monierte: „Die Münchner Wohnen schlittert weiter von einer Panne zur nächsten. Der Wechsel des Aufsichtsratsvorsitzes hat offenkundig keine Verbesserung gebracht. Ich hoffe, die neue Geschäftsleitung bringt Ordnung ins Unternehmen und verbessert insbesondere den Umgang mit den Mietern.“ Die seien immer die Leidtragenden des Durcheinanders im Unternehmen.
Seit dieser Woche besteht die Geschäftsführung der Münchner Wohnen erstmals aus den ursprünglich vorgesehenen drei Personen. Zum 1. Februar übernahm Jörg Franzen die Führung des Unternehmens, Gabriele Meier war bereits zu Jahresbeginn als technische Geschäftsführerin angetreten. In den Monaten zuvor war der ehemalige SPD-Fraktionschef Christian Müller alleine in der Verantwortung. In diese Zeit fielen auch Reiters Eingriffe in die Arbeit des Wohnungsunternehmens.

