In der städtischen Wohnungsgesellschaft „Münchner Wohnen“ (MW) setzen sich die Pannen bei den Nebenkostenabrechnungen fort. Erst im November hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) in seiner Funktion als Aufsichtsratschef das kommunale Tochterunternehmen in scharfer Form aufgefordert, Heizkostenabrechnungen von 2022 und 2023 zugunsten zahlreicher Mietparteien im Hasenbergl zu korrigieren. Nun droht noch größeres Ungemach: Im Münchner Norden haben wahrscheinlich mehrere Tausend Mieterinnen und Mieter keine Betriebskostenabrechnungen für 2024 bekommen. Etwaige Forderungen der „Münchner Wohnen“ sind damit hinfällig, dem Unternehmen entgehen Beträge, die eine siebenstellige Höhe erreichen könnten.
Ein MW-Sprecher bestätigte der SZ auf Anfrage, „dass Betriebskostenabrechnungen für das Jahr 2024 an eine niedrig zweistellige Anzahl von Liegenschaften durch einen externen Dienstleister nicht zugestellt wurden“. Momentan werde der Fall „mit Hochdruck“ untersucht: „Die Münchner Wohnen geht derzeit von einer niedrigen vierstelligen Zahl an betroffenen Mietparteien aus.“ Zur Einordnung: In den 70 000 Wohnungen der MW leben etwa 150 000 Menschen.
Die Rechtslage in dieser Hinsicht ist eindeutig. In Paragraf 556 des Bürgerlichen Gesetzbuches sind die Vereinbarungen über Betriebskosten geregelt. In Absatz 3 heißt es: „Über die Vorauszahlungen für Betriebskosten ist jährlich abzurechnen (…). Die Abrechnung ist dem Mieter spätestens bis zum Ablauf des zwölften Monats nach Ende des Abrechnungszeitraums mitzuteilen. Nach Ablauf dieser Frist ist die Geltendmachung einer Nachforderung durch den Vermieter ausgeschlossen, es sei denn, der Vermieter hat die verspätete Geltendmachung nicht zu vertreten.“
Für Mietende bedeutet das: keine fristgerechte Abrechnung, keine Pflicht zur Zahlung. Jedoch können sie ein eventuell zustehendes Guthaben weiterhin einfordern. Aber dafür bräuchten sie erst einmal die Abrechnung. Die MW versicherte in ihrem Schreiben an die SZ, es werde keinem Mieter, keiner Mieterin ein Schaden entstehen. Bereits eingezogene Forderungen „werden selbstverständlich zurückgebucht; Mahnungen sind dabei gegenstandslos“. Das Unternehmen bedauere „die Unannehmlichkeiten, die bei den betreffenden Mieterinnen und Mietern entstanden sind“.
Der Schaden ist dennoch angerichtet, die betroffenen Mieterinnen und Mieter sind verunsichert, verärgert, verängstigt gar.
Ich nehme an, dass da sowieso der Wurm drin ist.Bewohnerin Theresa F.
Nach Informationen der SZ sind von der Panne Wohnanlagen unterschiedlicher Größe in Schwabing, Moosach, Milbertshofen und Feldmoching betroffen. Die Gebäudekomplexe reichen von 30 bis zu 440 Wohneinheiten. Nicht alle Betroffene wollten mit Kritik oder sonstigen Äußerungen in den Medien stehen: Die Furcht vor Repressalien durch die MW oder schlechte Erfahrungen mit Hausverwaltern und Sachbearbeitern wurden häufig als Grund genannt. Andere wollten ihren Namen nur abgekürzt veröffentlicht wissen wie Marion J., die am nördlichen Stadtrand wohnt und seit August auf die Reparatur eines Wasserschadens wartet. „Es tut sich nichts“, schimpft sie, „es geht einfach nur drunter und drüber.“
Das gelte auch für die Betriebskostenabrechnungen, in ihrer Anlage habe jedenfalls niemand eine bekommen, erzählt Marion J. am Telefon. Sie selbst habe kürzlich lediglich eine Zahlungserinnerung erhalten. Bei Nachbarn, die einem Einzug per Lastschrift zugestimmt hatten, sei bereits Anfang Januar Geld von der „Münchner Wohnen“ abgebucht worden – einige hätten es wieder zurückgeholt, andere hätten es, aus Angst vor unliebsamen Folgen, lieber nicht getan.
In Schwabing haben einige Mieter offenbar Ähnliches erlebt. Gisela S. berichtet, sie habe erst am vorigen Donnerstag eine Mahnung in ihrem Briefkasten gefunden, „zu einer Rechnung, die ich nie bekommen habe“. Bei einer spontanen Umfrage unter Nachbarn in der Düsseldorfer und der Bonner Straße habe sich herausgestellt, dass auch diese keine Betriebskostenabrechnungen für 2024 bis zum 31. Dezember 2025 erhalten hatten – dem Datum, das die letzte Frist für eine ordentliche Zustellung gewesen wäre.

Städtische Tochtergesellschaft Münchner Wohnen:Baustelle Kommunikation: Städtische Wohnungsgesellschaft zahlt zwei Millionen Euro für Beratung
Die Münchner Wohnen will ihren Ruf verbessern: Um Kritik frühzeitig zuvorzukommen, sucht das Unternehmen externe Berater per Ausschreibung. Der Auftrag soll über vier Jahre gehen.
Mario D. ist einer von denen, bei dem die „Münchner Wohnen“ Anfang Januar per Lastschrift einen Betrag vom Konto abgebucht hat, allerdings ohne einen Verwendungszweck anzugeben. Mario D. hält das für ein „Unding, ohne Benachrichtigung etwas abzubuchen“. Er hat das Geld zurückbuchen lassen und die Lastschrift-Erlaubnis widerrufen; außerdem hat er die Betriebskostenabrechnung angefordert. Die sei ihm dann mit Poststempel vom 22. Januar zugeschickt worden – die Abrechnung selbst war auf den 25. November 2025 datiert.
Der Vertrauensverlust ist offenkundig groß. Theresia F. hat sogar einen Anwalt eingeschaltet, nachdem sie wochenlang keine Reaktion auf ihre Nachfrage zur vorgenommenen Abbuchung bekommen habe. Sie sagt, sie lasse die Abrechnung dieses Mal überprüfen, sobald sie bei ihr eingegangen sei: „Wir hatten in den letzten Jahren riesige Nachzahlungen. Ich nehme an, dass da sowieso der Wurm drin ist.“
Mieterinnen und Mieter monierten generell die Informationspolitik der „Münchner Wohnen“: Anrufe und Nachfragen zu den ausbleibenden Abrechnungen seien im Kundencenter abgewiegelt worden. Selbst auf den Hinweis, dass in der gesamten Nachbarschaft keine Betriebskostenabrechnungen für 2024 vorliegen, habe man bloß zur Antwort bekommen: „Nur wer selbst fragt, kriegt die Abrechnung zugeschickt“, so Gisela S.
Die „Münchner Wohnen“ weist die Verantwortung für die jüngste Panne zwar von sich. „Nach Abgleich der Übertragungsprotokolle“ habe man festgestellt, dass die entsprechenden Dateien „nachweislich vollständig und fristgerecht an den Druck- und Versanddienstleister übermittelt“ worden seien, teilt ein Sprecher mit. Der Dienstleister sei nun gefordert, „lückenlos aufzuklären, warum die Briefe nicht den Weg (…) in die Briefkästen der Mieterinnen und Mieter gefunden haben“.
Was auffällt: Dass es fast ausschließlich Wohnanlagen der ehemaligen GWG sind, in denen etwas schiefläuft. Das war bereits bei den vom OB Dieter Reiter monierten Abrechnungen im Hasenbergl so. Die GWG war zum 1. Januar 2024 mit der zweiten städtischen Wohnungsgesellschaft Gewofag zusammengelegt worden; eine „überstürzten Fusion“ nannte dies jüngst zum wiederholten Male die Stadtratsfraktion von CSU und Freien Wählern. Die nahm den Amtsantritt des neuen MW-Chefs Jörg Franzen in dieser Woche zum Anlass, „nochmals eine Optimierung der Strukturen (…) zu fordern“. Das war, bevor die jüngste Panne öffentlich wurde.

