Für Volkstheater-Intendant Christian Stückl gibt es sozusagen ein Sorgenkind und ein Kind, das keine Probleme macht. Das Sorgenkind ist der schrumpfende Zuschuss der Stadt München. Zwei Millionen Euro fehlten ihm in dieser Spielzeit zu der Summe, die sie bräuchten, sagt Stückl. Wo es finanziell hingehe, wisse man nicht. Das bereitet ihm sichtlich Sorge und er mutmaßt sogar: „Wir müssen umstrukturieren.“ Belastbare Zahlen für die Zukunft habe er aber nicht, weshalb er gleichsam als Leitspruch ausgibt: „Irgendwie werden wir es schon schaffen, irgendwo wird’s hingehen.“
Das andere, von Sorge befreite Kind ist der Zuschauerzuspruch: 138 000 Zuschauerinnen und Zuschauer haben in der vergangenen Saison das Volkstheater besucht. Eine Rekordzahl. Ausgestattet mit 85,8 Prozent Saison-Auslastung, muss Stückl deshalb wohl auch nicht zaghaft werden und auf Klassiker als Publikumsmagneten setzen: Bei der Spielzeitpressekonferenz stellte er zusammen mit seinem Team ein Programm aus elf weitgehend zeitgenössischen Texten und einer Tanzproduktion vor.
Der einzige Theaterklassiker in der Saison 2025/26 ist „Pioniere in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer (Premiere: 22. Januar). Inszenieren wird Lucia Bihler, womit schon klar ist, dass diese Klassikerpflege einen ihr eigenen stilisierten, formstrengen, popkulturell angereicherten Anstrich erhalten wird, den das Münchner Publikum von ihren Arbeiten „Die Zofen“ und „The Lobster“ kennt.
Eröffnet wird die Saison mit einer der mutmaßlich wieder schrägen, grellen, zur Überzeichnung und witzig-albernen Übertreibungen neigenden Uraufführungen von Bonn Park: „Glaube Liebe Roboter“ hat am 25. September Premiere. Es ist die dritte Inszenierung des Regisseurs am Volkstheater. Park schreibt Ödön von Horváths „Glaube Liebe Hoffnung“ weiter, verlegt die Handlung in ein Labor und eine Roboter-Welt, spielt mit Fortschrittsglaube und dystopischen Elementen.

Mit Bonn Park und Lucia Bihler engagiert Christian Stückl zwei Regieführende mit klarer, wiedererkennbarer Handschrift. Das gilt auch für Mathias Spaan, den er ebenfalls erneut verpflichtet. Spaan adaptiert Max Porters Roman „Trauer ist das Ding mit Federn“ (22.11.), in dem es durchaus humorvoll gewendet um den plötzlichen Tod, Trauer und Trost geht.
Vertraut ist dem Volkstheater-Publikum auch die Handschrift des Intendanten: Christian Stückl wird zweimal in dieser Saison Regie führen. Beides Mal sind es zeitgenössische amerikanische Autoren, die er ausgewählt hat, zunächst „Appropriate“ von Branden Jacobs-Jenkins, ein Familiendrama, in dem es um das ideologische Erbe des verstorbenen Vaters geht, der sich posthum als Rassist entpuppt (31.10.).
Bei den Fragen, die ihn derzeit umtreiben, habe er in den klassischen Texten keine Antwort gefunden, erklärt Stückl. Seine Wahl fiel deshalb auf heutige Literatur – so wie er insgesamt ein sehr gegenwartsverbundenes Spielzeit-Programm vorlegt.
Auch eine Tanzproduktion wird es diesmal wieder geben
Zum zweiten Mal wird es am Volkstheater auch eine Tanzproduktion geben. Nach dem sehr beliebten, stets ausverkauften Abend „Grey“ folgt nun mit „Tide“ wieder eine Gemeinschaftsarbeit der jungen Choreografin Sophie Haydee Colindres Zühlke und des Breakers Serhat „Saïd“ Perhat (11.4.).
Eine weitere große Produktion wird die deutsche Erstaufführung von Tonio Schachingers mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman „Echtzeitalter“ sein, bei dem Jan Friedrich Regie führt. Ebenso „Der blinde Passagier“ von Maria Lazar, das Adrian Figueroa inszeniert. In dem Kammerspiel geht es um eine Familie zur Nazi-Zeit, die überlegen muss, ob sie einem flüchtigen Juden über die Grenze hilft oder sich lieber selbst schützt. Sowohl Friedrich als auch Figueroa waren zuvor mit anderen Arbeiten zum Festival „Radikal jung“ eingeladen.
Apropos „Radikal jung“: Dieses wunderbare Festival für junge Regie wird es diese Spielzeit Ende April wieder geben – zum 20. Mal. Trotz der Sparmaßnahmen, die ein solches Ereignis durchaus bedrohen. Konzerte, Late-Night-Formate, Lesungen gehören auch zur Saison, die mit allen Sorgen und Freuden sehr im heute verwurzelt ist und die Gegenwart, die sie betrachtet, direkt auf die Bühne hebt.

