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Münchner Volkstheater:Schallwellen überwinden

Gehoerlosenhörspiel Volkstheater

"Bist du wirklich gehörlos?" textet Steffen Link an Steve Stymest (hinten) beim Tanzen im Techno-Club. Der antwortet: "Bist du wirklich hörend?"

(Foto: Gabriela Neeb)

Noam Brusilovskys "Gehörlosen-Hörspiel" überzeugt mit Behutsamkeit und Humor

Von Christiane Lutz

Im Jahr 1977 schickte die NASA die Raumsonden "Voyager 1" und "Voyager 2" ins All. Sie sollte fernen Lebewesen Botschaften der Menschheit überbringen. An Bord der bis heute durchs All rasenden Sonden befindet sich eine Platte, auf der auch Musik, Geräusche und eine Audio-Nachricht des damaligen US-Präsidenten aufgespielt sind. Blöd nur: Um zu hören, müssen Schallwellen in der Luft in Bewegung gesetzt werden. Allerdings ist der Weltraum praktisch ein geräuschloses Vakuum. In ihrer Hybris haben die Verschicker die Lebensumstände der Aliens nicht mitgedacht.

Diese Mission bildet den Rahmen für das "Gehörlosen-Hörspiel", wobei das Schallwellen-Problem erst ganz am Ende verraten wird. Regisseur Noam Brusilovsky war schon mit der Ansage angetreten, im "Gehörlosen-Hörspiel" ein gemeinsames Scheitern zu zeigen: den Versuch ein Hörspiel für/ mit / über Gehörlose zu machen. Klar, das könne ja per se nicht funktionieren, könne nur ein Experiment sein, ein Spiel mit dem Widerspruch. Mit dieser Vorab-Entschuldigung schickt Brusilovsky also seine Uraufführung im Volkstheater auf die Bühne, die schon im März hätte stattfinden sollten, wegen Corona aber verschoben werden musste.

Sicher ist es clever und auch ein wenig feige, mit solch einer Entschuldigung anzutreten. Wer ein Scheitern ankündigt, muss sich hinterher nicht dafür rechtfertigen. Auch nicht vor der Gehörlosen-Community, die explizit mit der Produktion angesprochen werden soll. Im Fall des "Gehörlosen-Hörspiels" aber wird sich definitiv grundlos entschuldigt, denn das Stück ist reflektiert gebaut, lustig und rührend. Die Frage, ob das jetzt ein geglücktes Hörspiel für / mit/ über Gehörlose ist, stellt sich gar nicht mehr, es ist einfach ein guter Theaterabend.

Auf der Bühne stehen Schauspieler Steffen Link, Soundperformerin Antonia Alessia Virginia und Performer Steve Stymest. Stymest ist gehörlos, Regisseur Noam Brusilovsky hat ihn in einem Techno-Club beim Tanzen kennengelernt und ihn zum "Gehörlosen-Hörspiel" überredet. Die Geschichte erzählen Stymest und Link in Gebärdensprache und mit Übertiteln. Die erste halbe Stunde ist kein Wort zu hören. Man sieht den beiden beim Schreiben zu und bei Aufnahmen im Tonstudio, alles begleitet von den Sound-Kunstwerken von Antonia Alessia Virginia. Stymest erzählt, seine Gehörlosigkeit sei für ihn kein Makel, der repariert werden müsse, sondern Teil seiner Identität. Er berichtet von seiner Irritation bei den Proben zu diesem Stück, als der Regisseur ihn bat, seine Vorstellung von Geräuschen zu beschreiben. Wie denn?

Stymest ist schärfster Beobachter der Produktion und ihr selbstbewusstes Zentrum. Humorvoll kratzen er und seine Kollegen wiederholt an der Verständnisgrenze zwischen Hörenden und Gehörlosen und üben Selbstkritik: Dürfen Hörende überhaupt ein Stück über einen Gehörlosen machen, oder ist das Exotismus? Ist das gar so egozentrisch, wie Audiobotschaften ins schallwellenfreie All zu schicken? Klar dürfen sie, wenn sie es so behutsam machen, wie dieses Team.

Gehörlosen-Hörspiel, nächster Termin Mittwoch, 16. September, 20 Uhr, Volkstheater

© SZ vom 08.09.2020

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