„Der Film handelt von einer, die redet, und einer, die schweigt, und dann vergleichen sie ihre Hände miteinander, und dann vermischen sie sich miteinander“, beschrieb Regisseur und Autor Ingmar Bergman seine Idee zu seinem Film „Persona“. Inspiriert hatten ihn ein Foto von Bibi Andersson und Liv Ullmann und ihre, wie er fand, eigentümliche Ähnlichkeit. 1966 erschien der Schwarzweiß-Film mit den beiden Schauspielerinnen. Er folgt ganz Bergmans Grundidee.
Am Münchner Volkstheater hat sich knapp 60 Jahre später Regisseurin Sophie Glaser diesen Stoff vorgenommen. Statt langen Kameraeinstellungen in Schwarzweiß und großer Stille gibt es nun Farbe, Schauspiel, Masken, Live-Kamera und einen pulsierend unterlegten Sound. Die Grundkonstellation ist dieselbe, an ihr rüttelt die 1994 geborene Regisseurin nicht, fügt keine inhaltliche Brisanz hinzu. Doch deutlicher als Bergman fragt sie danach, was eine Frau dazu bringt, nicht mehr sprechen zu wollen.

Münchner Volkstheater:Mit Mut und schrägen Ideen in die neue Spielzeit
Zwölf Premieren, davon ein Theaterklassiker: Das Münchner Volkstheater setzt in dieser Spielzeit stark auf zeitgenössische Stoffe. Der Spardruck lässt das Haus zumindest eines nicht werden: zaghaft.
In „Persona“ hat die Schauspielerin Elisabet Vogler nämlich genau dies beschlossen. Sie will die Erwartungen nicht mehr erfüllen, die „Hausfrauenrolle, Kolleginnenrolle, Mutterrolle, Geliebtenrolle“, will wahrhaftig sein, indem sie schweigt. Krankenschwester Alma kümmert sich um Elisabet, gemeinsam verbringen sie den Sommer an einem Haus am Meer bis irgendwann die Situation eskaliert.
Im Volkstheater hat Nadin Schumacher drei bewegliche Wohnelemente für die Bühne erdacht, Schlafzimmer, Küche, Gang, die mal einsehbar, mal geschlossen sind. Rot ist die dominante Farbe, akkurate horizontale und vertikale Linien sorgen für Kühle und formale Strenge. Die Emotionen tragen Ruth Bohsung und Lena Brückner dort hinein, die an diesem Abend beide glänzen.
Der Abend ist eine große fließende Bewegung
Bohsung ist Elisabet, Brückner spielt Schwester Alma. Anfangs sieht man sie mit Sommerhüten auf dem Kopf ihre Hände vergleichen, es ist eine kurze Sequenz, erzählerisch wie eine Filmeinstellung. Es folgt eine raumhohe Filmprojektion von Bohsungs Gesicht, wie sie zuhört, schweigt, während Brückner als Alma plappert, sich an der Stille abarbeitet. Irgendwann wechseln die Frauen die Positionen, dann schiebt sich Almas Profil an die Stelle, an der zuvor Elisabets zu sehen war. Ihre Gesichter sind von eigentümlicher Ähnlichkeit.
Kostümbildnerin Maja Beyer hat die beiden in optische Nähe gerückt, sie tragen pastellfarbene Hosenanzüge und blonde Bob-Frisuren im Sechzigerjahre-Style. Regisseurin Glaser hält durch ihre Bildschnitte von Anfang an in der Schwebe, wie sehr sich die beiden Frauen voneinander unterscheiden lassen. Womit sie nicht nur vom sich Vermischen zweier Menschen erzählt, sondern auch von gesellschaftlicher Rollenkonformität. Dafür hat sie ein Gewebe aus ästhetischen Mitteln erfunden, sie stellt in einer großen, fließenden Bewegung Filmisches neben Slow Motion mit Geräuschen neben emotionales Spiel.

Und sie verstärkt Bergmans Identitätsspiel. Alma und Elisabet erhalten bei Glaser Doppelgänger: Nils Karsten und Nina Noé Stehlin treten in optisch ähnlichen Latex-Anzügen und Larven vor dem Gesicht auf – passend, denn „Persona“ bezeichnet im Theater die Maske des Schauspielers. Zuerst sind sie schweigende Spiegelungen von Alma und Elisabet, bis sie mehr und mehr zu Handlungsträgern werden.
Und so beschreiben sie alle vier (zusammen mit Kind-Darstellerin Alma Lätzer), wie Elisabet versucht, in ihrem Schweigen bei sich zu bleiben, wie Alma zunehmend unter der Stille leidet, immer mehr von sich preisgibt, wie sie sich annähern und dann gewaltsam streiten, sogar zu Mörderinnen werden, anders als bei Bergman. Es ist ein Ausbruch aus Rollenzwang, vielleicht aus Gewalt und ungewollter Mutterschaft. Die Regisseurin erzählt das nicht aus, vertraut auf ihre starke Bildsprache, die vor Eindeutigkeit bewahrt und diesen Abend zu einem klug komponierten, ästhetischen Erlebnis macht.
Persona, Volkstheater München, nächste Termine: Do., 2.10., 20 Uhr; So., 12.10., 20 Uhr; Mi., 29.10, 19.30 Uhr, D0., 30.10., 19.30 Uhr, Tickets und weitere Informationen unter: www.muenchner-volkstheater.de

