An Münchens Theatern gibt es kein größeres Festival als „Radikal jung“. Zum 19. Mal wird dieses Treffen für junge Regie am Volkstheater über die drei Bühnen gehen, 14 Produktionen aus neun Städten sind zwischen dem 27. April und 4. Mai zu sehen. Wer sich noch Karten sichern will, sollte schnell sein, das Festival ist sehr beliebt – aus gutem Grund.
Die modernen Klassiker
In Ran Chai Bar-zvis Inszenierung von Albert Camus Drama „Caligula“ gibt es einen perfiden Moment, der einen auch noch Wochen später beschäftigen kann. Willkürherrscher Caligula feiert sich und die Schrecken dieser Welt, spielt in Goldhaarperücke und weißem Kleidchen das Flugzeug, das in das World Trade Center steuerte, und animiert sofort das Publikum, Robbie Williams’ „Angels“ mitzusingen. Die Perversion kribbelt noch im Bauch, da mischt sich Wiesn-Gegröle dazu – die Manipulierbarkeit der Masse, sie lässt sich unmittelbar nachvollziehen. Die Verführung in Partygeglitzer, die Ran Chai Bar-zvi am Volkstheater inszeniert hat, ist der diesjährige Beitrag des Hauses zum Festival „Radikal jung“, mit einem sich chamäleonhaft wandelnden Steffen Link in der Titelrolle (Montag, 28. April, 20 Uhr).

Zusätzlich zu „Caligula“ gibt es ein weiteres Drama aus dem traditionellen Theaterrepertoire, das während des Festivals zu sehen sein wird: Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ in der Regie von Adrian Figueroa am Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Geschichte des Kriegsheimkehrers Beckmann, der keine Heimat mehr finden wird, hat Figueroa nicht mit heutigen Kriegen und Krisen verbunden. Sehr klar und distanziert belässt er es in einer Überzeitlichkeit, zeichnet die ewige Wiederkehr des Gleichen (Sonntag, 27. April, 20 Uhr).
Die Romanadaptionen
Die Produktion, mit der „Radikal jung“ dieses Jahr eröffnet, ist „Unser Deutschlandmärchen“, eine Adaption des Romans von Dinçer Güçyeter in der Regie von Antigone Akgün. „Unser Deutschlandmärchen“, erzählt die Geschichte von Hanife, Fatma und Dinçer. Hanife kam als Frau eines türkischen Gastarbeiters nach Deutschland, Fatma ist ihre Tochter, Dinçer ihr Enkelsohn. Als liebevoll, melancholisch und heiter beschreibt die Festivaljury diesen Abend. Er sei eine Hommage an die Frauen und eine Aufforderung, über die deutsche Gesellschaft nachzudenken (Sonntag, 27. April, 15 und 19.30 Uhr, Montag, 28. April, 17 und 21 Uhr).

Vor zwei Jahren entzündete sich an Charlotte Gneuß’ Roman „Gittersee“ eine Debatte: Darf eine 1992 in Ludwigsburg geborene Autorin über eine Jugend 1976 in der DDR schreiben? Wer das Buch gelesen hat, dürfte schnell zu dem Schluss kommen, dass Gneuß das unbedingt darf. Doch wie bringt man diesen dichten, bewusst spröden und doch empfindsamen Text voller Momentaufnahmen auf die Bühne? Leonie Rebentisch hat sich dies am Berliner Ensemble getraut – und wohl auch hier muss das eine gute Idee gewesen sein: Ein „Glücksfall“, so beschied die SZ-Kritik (Donnerstag, 1. Mai, 18 Uhr).
Die junge Regie widmet sich nach wie vor auch den großen Erzählwerken des 19. und 20. Jahrhunderts. So steht diesmal „Die Verwandlung“ nach Franz Kafka im Programm sowie „Kohlhaas (Glück der Erde, Rücken der Pferde)“ nach Heinrich von Kleist. Kafkas Erzählung von Gregor Samsa, der eines Morgens als Ungeziefer aufwacht, hat die litauische Regisseurin Kamilė Gudmonaitė am Düsseldorfer Schauspielhaus mit den biografischen Erfahrungen von sieben Darstellenden verbunden. Was bedeutet Verwandlung und Entfremdung in der Gegenwart, so ist ihre Fragestellung (Mittwoch, 30. April, 19.30 Uhr).
Auch Lorenz Nolting klopft Kleists „Michael Kohlhaas“ auf dessen Gehalt für das Heute ab, sucht quer durch das Jahrhundert nach den großen Ungerechtigkeiten, nach dem bröckelnden Sozialstaat und der angegriffenen Demokratie. Seine Inszenierung am Theater Osnabrück setzt dabei auf den großen Spaß am Spiel (Donnerstag, 1. Mai, 20.30 Uhr).
Die Performances
„Er putzt. Putzt die Spüle, putzt den Abfluss, nimmt das Abflusssieb heraus und reinigt die Unterseite des Abflusssiebs.“ Mit der Beschreibung dieser akribischen Alltagsverrichtung beginnt der Wettbewerbsbeitrag von Valeria Gordeev für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2023, und bei der detailverliebten Vorgangsbeschreibung soll er bleiben. Gordeev erhielt dafür den renommierten Bachmann-Preis. Regisseurin Marie Schleef hat sich in ihrer Inszenierung „Er putzt“ am Staatstheater Wiesbaden den Duktus des Textes angeeignet. In einer formstrengen Slow-Motion-Performance vergrößert auch sie die Einzelheiten. Gedacht ist die Produktion als ASMR-Performance, sie soll also Entspannung und positive Gefühle vermitteln – und das lustigerweise oder ausgerechnet mit Putzen (Dienstag, 29. April, 20 Uhr).

Beim diesjährigen „Radikal jung“ ist auch eine Produktion der Münchner Freien Szene zu sehen – und das mit Recht. „Rachel und ich“, eine Performance von Lulu Obermayer und Rachel Troy, kam im Januar im Theater HochX heraus. Sie erzählt die Freundschaftsgeschichte der beiden Performerinnen; die eine stammt aus Deutschland, die andere ist US-Amerikanerin und Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden. Diese Freundschaft wird mit der NS-Geschichte konfrontiert und den Fragen danach, wie tief sich Schuld und erfahrenes Leid auch in die späteren Generationen gegraben haben. Es ist eine sehr private Annäherung, dicht und theatral erzählt, die eine viel größere, allgemeine Erfahrung teilbar macht (Samstag, 3. Mai, 21 Uhr; Sonntag, 4. Mai, 18 und 21 Uhr).
Die dritte eingeladene Performance kommt von der Volksbühne Berlin: „Sally“ von und mit Meo Wulf hat ein Thema, das gerade den Münchnern bekannt vorkommen könnte: Eine Dragqueen bereitet sich auf eine Lesung mit Kindern vor. Der Verlauf dieser Geschichte ist allerdings sehr viel lustiger als die triste Realität (Mittwoch, 30. April, 21.30 Uhr, Donnerstag, 1. Mai, 14 und 21 Uhr).
Träume und Fieberträume

Text und Regie in einer Hand: Bei drei der eingeladenen Uraufführungen ist das der Fall: Azeret Koua lässt in „rhapsody“ das Publikum auf Fiebertraumbilder blicken, 90 Minuten, neun Bilder, neunmal Angst, eingeladen vom Theaterhaus Jena (Sonntag, 27. April, 17 Uhr). Lola Fuchs hat ihre Komödie „Der Dämon in dir muss Heimat finden“ am Theater Dortmund herausgebracht, sie blickt spöttisch auf den Wahn der Selbstoptimierung und auf vermeintliche Spiritualität (Freitag, 2. Mai, 20 Uhr, Samstag, 3. Mai, 18 Uhr). Und am letzten Festivaltag zeigt Kurdwin Ayub ihr Erotikabenteuer „Weiße Witwe“. Die Geschichte spielt in der Zukunft und erinnert an „1001 Nacht“, nur dass hier ein alter, weißer Mann bei einer Frau, Königin Aliah, um sein Leben erzählt. Die Produktion kommt von der Volksbühne Berlin (Sonntag, 4. Mai, 19.30 Uhr).
Recherchetheater
Der Kuss im Taxi, mit Zunge. Der Griff zwischen die Beine auf der Probe. Anschreien, schikanieren, schlechtreden. Die Macht auf der einen Seite, die Hilflosigkeit auf der anderen – das Institut für Medien, Politik und Theater aus Wien hat sich mit seiner Produktion „Nestbeschmutzung“ dafür entschieden, kritisch auf die eigene Branche zu blicken. Spätestens die Me-Too-Bewegung hat zutage gefördert, wie Schauspielerinnen und Schauspieler Opfer von sexuellen Übergriffen werden. Im Zuge dessen wurde auch das Machtgefälle an den Bühnen sichtbar. Für „Nestbeschmutzung“ hat das Institut die Kompetenz aus Theater und Journalismus gebündelt; Felix Hafner, Jennifer Weiss und Anna Wielander recherchierten, zeichneten viele Stunden Interviews auf, die anonymisiert und miteinander verschmolzen in den Text einflossen. Mit drei Darstellenden setzen sie um, was sie selbst und diejenigen auf der Bühne betrifft. Das Setting ist eine Theater-Party, zwischen Smalltalk, Alkohol- und Zigarettendunst drücken die Probleme ans Licht, wobei eine selbstironische Betrachtung durchaus gewollt ist (Dienstag, 29. April, 17.30 Uhr und 21 Uhr).

In Kooperation mit der investigativen Redaktion Dossier kam „Aufstieg und Fall des Herrn René Benko“ von und mit Calle Fuhr zustande. Die Inszenierung am Volkstheater Wien um die Pleite des Signa-Konzerns ist so beliebt, dass sie schon mehrfach von der kleinen auf die große Bühne umziehen musste. In München war sie schnell ausverkauft, mit Glück gibt es noch Restkarten (Sonntag, 4. Mai, 17 Uhr und 20.30 Uhr).
Außer Konkurrenz
Bei Radikal jung lohnt es sich immer, darauf zu schauen, was abseits des Hauptprogramms läuft. Diesmal gibt es Lesungen, die an Orte hinter der Bühne führen („Versteckte Textour“), natürlich die Talks mit den Regisseurinnen und Regisseuren über ihre Inszenierungen, eine EP-Release-Show von Vandalisbin (30.4.) und eine große Party mit DJ Alba. Dafür werden auf der Bühne 2 die Zuschauerreihen abgebaut für eine Mini-Muffathalle (30.4.). Und nicht zuletzt läuft außerhalb des Wettbewerbs um den mit 4000 Euro dotierten Publikumspreis, der von den Freunden des Münchner Volkstheaters gestiftet wird, auch die witzige Produktion „fünf minuten stille“ (Freitag, 2. Mai, 18.30 Uhr und 20.30 Uhr). Außer Konkurrenz deshalb, weil die Regie in den Händen zweier Schauspielerinnen und zweier Schauspieler des Volkstheaters lag. Trotzdem passt der Abend perfekt zu „Radikal jung“.
Radikal jung, Sonntag, 27. April, bis Sonntag, 4. Mai, Münchner Volkstheater

