Er ist eher klein gewachsen. Dennoch sticht Monir Hussain unter den Busfahrer-Bewerbern an diesem Tag hervor. Während andere gedankenverloren in Richtung Boden starren, ist auf seinem Gesicht zuweilen ein leicht verschmitztes, Zuversicht vermittelndes Lächeln zu sehen. Und das, obwohl viel auf dem Spiel steht. Dieser Tag soll für ihn den Beginn eines neuen Lebensabschnitts markieren.
Zuerst muss Hussain an diesem Donnerstag im März gemeinsam mit seinen Mitbewerbern vor der Tür des Gebäudes an der Hanauer Straße warten. Nach einigen Minuten dürfen sie dann in einen engen Vorraum, die Angestellten der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) zeigen sich angesichts des regnerischen Wetters gnädig. Obwohl die etwa 40 Personen, die hier in Moosach warten, dicht gedrängt stehen, wird kaum ein Wort gesprochen.
Das dürfte neben der Nervosität, die einigen Bewerbern anzumerken ist und sie während der Wartezeit mehr als nur eine Zigarette rauchen lässt, vielleicht auch noch einen weiteren Grund haben: Abgesehen von dem Wunsch, Busfahrer in München zu werden und der Eigenschaft, in überwiegender Anzahl männlich zu sein, haben sie nicht viel gemeinsam.
Da sind zum Beispiel ältere Bewerber wie eben Monir Hussain. Der 53-Jährige war zuvor elf Jahre lang Lkw-Fahrer beim Münchner Schlachthof. Nun sehnt er sich vor allem nach einer besseren Bezahlung für die Arbeit, die er leistet. Der Verdienst für einen ausgelernten Busfahrer bei der MVG beläuft sich inklusive Schichtzulage auf circa 3650 Euro – mehr als Hussain zuvor bekommen hat. Vor seinem Bewerbungsgespräch mit einer Recruiterin, das in einem der blauen Busse der MVG stattfindet, ist er dann doch nervös. Trotz des zuversichtlichen Blicks. Aber er glaubt auch an seine Fähigkeiten: „Fahren kann ich auf jeden Fall“, sagt Hussain, der Anfang der Neunziger aus Bangladesch nach Deutschland kam. Er geht nicht davon aus, dass sich die Anforderungen zwischen den beiden Fahrzeugtypen Bus und Lastwagen groß unterscheiden würden. Einzig vor der ungleich höheren Verantwortung beim Transport von Personen im Vergleich zum Transport von Ware hat er Respekt.
Es gibt aber auch Jüngere, die sich für den Job des Busfahrers interessieren. Timo Widmann ist einer von ihnen. Wenn es nach dem 29-Jährigen ginge, wäre er noch immer Kfz-Mechatroniker, ein Job, den er seit 2017 ausführte. Doch die Gesundheit hat seine Pläne zunichtegemacht. „Meine Rückenprobleme sind zu schlimm geworden, um diesen Beruf weiter auszuüben“, erklärt Widmann, der sich in seinem alten Job viel bücken musste. Für ihn steht fest: Es soll schon weiterhin etwas mit Motoren sein, womit er sein Geld verdient. Widmann ist nach eigenen Angaben kaum aufgeregt, bevor es in den Bewerbungsbus geht. „Busfahrer werden ja in München ziemlich gesucht“, sagt er. Und er habe seine Hausaufgaben gemacht. Was er meint: Bereits im Vorfeld reichte er sämtliche Bewerbungsunterlagen online ein. Und doch hat er einen Freund mitgebracht, der ihm beim Vorstellungsgespräch seelische Unterstützung leisten soll.
Monir Hussain soll Recht behalten mit seinem Selbstvertrauen. Nach dem Bewerbungsgespräch, das eine knappe halbe Stunde gedauert hat, genügt ein kurzer Blickkontakt mit Recruiterin Blerta Ameti, um zu wissen: Diesen Mann hätte sie gern in ihren Reihen. In seiner etwas schüchternen Art ist Hussain die Freude über seinen mutmaßlichen neuen Job nicht unmittelbar anzumerken. Doch er sagt: „Ich habe für mich beschlossen, dass ich Busfahrer werden will. Wenn das geklappt hat, super.“ Nun muss er noch ein aktuelles Führungszeugnis vorlegen.
Die Ausbildung dauert viereinhalb Monate
Auch Timo Widmann darf sich freuen, als er aus dem Bus kommt. Sein Freund durfte ihn – offiziell aufgrund von Datenschutzbedenken, vielleicht aber auch, um Chancengleichheit zu gewährleisten - dann doch nicht in den Bus begleiten. Das Bewerbungsgespräch verlief kurz und unspektakulär. Bis er mit der viereinhalbmonatigen Ausbildung, die mit einer theoretischen und einer praktischen Fahrprüfung abgeschlossen wird, beginnen kann, dauert es zwar noch etwas. Doch das trübt seine Freude nicht.
Dass Widmann und Hussain mit ihren Bewerbungen allem Anschein nach Erfolg hatten, ist nicht selbstverständlich. Zwar suchen die MVG und die Stadtwerke München stets nach neuen Fahrern, die den Pool aus aktuell etwa 2000 Fahrern (1000 davon direkt bei der MVG, weitere 1000 bei Kooperationspartnern) erweitern. Doch es ist nur jeder Dritte bis Vierte, der eine Zusage erhält, sagt Recruiterin Ameti. Und ihr Kollege erklärt: „Der häufigste Absagegrund sind mangelnde Deutschkenntnisse. Wenn die nur rudimentär sind, ist das uns als MVG einfach nicht genug.“
Ein besonderes Angebot mag für einige der Bewerber, so mutmaßt der Recruiter, derweil einer der Hauptgründe fürs Kommen sein: Jeder, der möchte, darf auf dem Gelände des Busbetriebshofs eine kurze Probefahrt im Bus machen.
Monir Hussain und Timo Widmann machen hiervor keinen Gebrauch, sie sind beide ohnehin überzeugt davon, dass ihnen das Busfahren nicht schwerfallen wird. Als die beiden das Gelände verlassen, warten in dem engen Vorraum noch einige weitere Bewerber mit völlig anderen Geschichten. Insgesamt kommen an den vierteljährlich stattfindenden Bewerbertagen jeweils 120 bis 150 Bewerber. An diesem Donnerstag im März sind es etwas weniger.
Monir Hussain möchte - wenn denn alles klappt - künftig gern im Münchner Osten fahren. Dort, wo er lebt und die Strecken bereits kennt. Und dort, wo auch der Freund Fahrer ist, der ihn überzeugte, es doch mit einer Bewerbung bei der MVG zu probieren. Mit seinem zuversichtlichen Lächeln käme er bei Fahrgästen wahrscheinlich auch gut an.

