Münchner Untergrund:Rap aus dem Müllhaufen

Graffiti-besprayte Unterführungen und heruntergekommene Sportplätze gibt es auch in München. Das zumindest wollen Sir Ree, MuriGee und andere lokale Hip-Hopper beweisen - und singen ein Lied aus dem Ghetto.

Florian Zick

Der Lebensstandard in München gilt gemeinhin als hoch. Zu hoch für glaubwürdigen Gangsta-Rap, so verlautet es aus deutschen Hip-Hop-Hochburgen immer wieder. Aus Stuttgart, Hamburg oder Berlin ist immer wieder zu hören, in München lebe man viel zu fein und sorgenfrei, um das Leid in verwahrlosten Wohnvierteln authentisch vermitteln zu können. In einem Münchner Problemstadtteil wie Milbertshofen sieht man das anders.

Milbertshofen liegt dort, wo sich Münchens Glanz im Einheitsgrau sanierter Arbeiterwohnungen zu verlieren beginnt. Es gibt hier ein Kino, ein Hallenbad und eine über den Petueltunnel geschlagene kleine Parkanlage. Milbertshofen, das ist der Müncher Norden, das beste Viertel der Stadt, sagt Sir Ree. Milbertshofen ist seine Heimat.

Sir Ree heißt eigentlich Rene. Mit gut fünf Jahren kam er nach München-Milbertshofen. Heute ist er 21 Jahre alt und Mitglied eines Untergrund-Rap-Labels. Vor etwa zwei Jahren drehten er und seine Rapper-Kollegen von headhunt-records ein eigenes Video. Darin stehen sie in Graffiti-besprayten Unterführungen und auf heruntergekommenen Sportplätzen und bereimen ihre Erfahrungen an Münchens Stadtrand: Zukunftsängste, schwindende Hoffnung und Perspektivlosigkeit.

Von MC Erbgraf gedisst

Mit aggressiver Gestik und kaum zitierfähigen Texten versuchten sich die Milbertshofener Rapper in dem Video zu "Milbertshofen Anthem Part 2" von der restlichen Hip-Hop-Szene in München abzugrenzen, die damals einen eher verweichlichten Ruf hatte.

Auf Youtube sorgte dieses Gebaren damals für einigen Aufruhr. München sei nicht Berlin hieß es dort. Es gebe in München keine Gewalt, keine Drogenprobleme, keine verfallenen Häuserblocks. Die Stadt zu einem krassen Ghetto stilisieren zu wollen, sei einfach nur albern.

Dies war nicht das einzige Störfeuer. Auch aus der eigenen Stadt bezogen die Milbertshofener Häme für ihr Ghetto-Gehabe. Eine Gruppe aus dem Umfeld des Studenten-Radiosenders M94,5 war die Gangster-Pose aus dem Münchner Norden Anlass genug, um ein wenig mit dem Image Münchens als versnobbter Stadt zu spielen. In direktem Bezug auf die Rapper aus Milbertshofen drehten sie als Aggro-Grünwald ein satirisches Video mit dem Titel "Eure Armut kotzt uns an".

Darin stellen die fiktiven Figuren MC Erbgraf, Yachtmeister und Goldmann.X die provokante Frage: "Hast du keinen Vater, keine Mutter, die was kann?" Der Hass der Münchner Rapszene war ihnen damit sicher. Den vermeintlichen Wohlstandskindern wurde ihr geerbter Reichtum, Verachtung der unteren Bevölkerungsschichten und Hohn für Menschen, die am Rande der Gesellschaft zu kämpfen hätten, vorgeworfen.

Doch München ist nicht überall mit der Postkartenidylle identisch, die man mit der Stadt als Erstes assoziiert. "So ab Scheidplatz ist das eine andere Stadt. Wenn man aus dem Süden in den Norden fährt, dann merkt man das, die Menschen hier sehen anders aus. Es gibt hier eine Menge zerrüttete Familien." sagt Sir Ree.

Ghetto deluxe

Dass sich an den ärmeren Vierteln nicht jeder auf das Geld seiner Eltern verlassen kann, weiß auch Murat. Als MuriGee ist er Mitglied der Rap-Gruppe Stiller Ruf. Er ist in Neuperlach aufgewachsen und heute 24 Jahre alt. 24 Jahre Neuperlacher Plattenbauromantik. Er nennt diesen Stadtteil einen Müllhaufen. Jugendliche, die nichts zu tun haben, hängen hier auf der Straße herum und kiffen. "Es ist unser Müllhaufen", sagt er, schließlich ist dieses Nobelghetto auch sein Zuhause, ein Ort, an dem man sich wohlfühlt.

Auch Stiller Ruf haben mit "Was geht??!" ein Video gemacht, in dem sie ihr Viertel vorstellen. In ihrem Sprechgesang erzählen sie darin auf ebenso amüsante wie durchaus kraftstrotzende Weise, wie schwer es ist, sich in Neuperlach zu behaupten und etwas aus sich zu machen.

Dass Rap-Musik und München nicht zusammenpassen, hört auch Murat immer wieder. Natürlich werde hier nicht aufeinander geschossen, aber es reiche doch schon, wenn es mit den Fäusten zur Sache geht, sagt er. Und einen Fall wie den des jugendlichen Serienstraftäters Mehmet vor gut zwei Jahren gebe es eben nicht in Hamburg oder Berlin, das ist ein Münchner Extrem.

Es lässt sich ohnehin die Frage stellen, warum Armut und soziale Zerwürfnisse die einzige Quelle für aufrichtige Rap-Musik sein sollen. Auch eine saubere Stadt wie München muss kein Rap-Niemandsland bleiben, solange das eigene Elend nicht zu einer affektierten Attitüde auswächst und ein im Rapper-Jargon üblicher Grundsatz eingehalten wird, und zwar der des "keeping it real."

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