Eine Maß Bier: 8,60 Euro. Eine Fahrt mit dem Riesenrad: fünf Euro. Eine Bratwurst in der Semmel: 3,50 Euro. Das Oktoberfest ist jedes Jahr auch ein Fest des Konsums. Während der Normalbürger sich über die astronomischen Preise echauffiert, um dann doch zähneknirschend sein Portemonnaie zu zücken, gibt es auch in München Bedürftige, für die das Oktoberfest unerschwinglich ist. Menschen, die die Festwiese meiden, weil sie sowieso nicht mitfeiern können - es fehlt schlichtweg das Geld.

Für diese Menschen feiert die Münchner Tafel anlässlich ihres 15-jährigen Bestehens zum ersten Mal ein "Oktoberfest für alle". Und zwar weitab des Wiesn-Rummels in einem extra dafür hergerichteten Holzstadl im Englischen Garten. Die Bedürftigen schätzen die Münchner Tafel als wichtige Anlaufstelle, denn der wohltätige Verein bietet das ganze Jahr über stark vergünstigte Lebensmittel an und versorgt Bedürftige im ganzen Stadtgebiet. Große Feierlichkeiten von Seiten der Tafel waren eigentlich nicht geplant. Doch ein Sponsor griff der Tafel unter die Arme und finanzierte für die Kunden der Münchner Tafel das "Oktoberfest für alle".
Strenge Einlasskontrolle Rund 400 von der Münchner Tafel ausgewählte bedürftige Menschen sind gekommen, um im "Seestadl" zu feiern. Der Holzstadl ist geschmückt mit Hopfen und weiß-blauen Luftschlangen, auf den zahlreichen Biertischen stehen kleine Blumentöpfe. Ein DJ sorgt für die richtige Musik, damit auch Wiesn-Stimmung aufkommt. Es soll nicht schäbig aussehen im Seestadl.
Wichtiges Deko-Element ist auch das Produkt des Sponsors "Rama", das an der Veranstaltung fleißig beworben wird: Eine Flasche mit fettreduzierter Sahne zum Kochen. Die bindet der eigens engagierte Fernsehkoch Martin Baudrexel gleich geschickt in das kleine Menü ein, das er für seine Gäste kocht: Serviert wird Rahmgulasch mit Nudeln, eine Bayerische Creme mit Zwetschgenrösten oder Spagetti mit Tomatencremesauce und Basilikum. Natürlich wird auch Bier in Maßkrügen ausgeschenkt.
Schnell bildet sich vor dem Seestadl eine lange Schlange. Wie vor der nahen Nobeldisco P1 gibt es eine Einlasskontrolle, nur wer auf der Liste steht, darf rein und erhält ein orangenes Bändel ums Handgelenk.
"Ich finde es sehr urig hier, viel schöner als in einem großen Zelt", sagt eine 64 Jahre alte Frau aus Blumenau, die lieber anonym bleiben möchte. Sie ist Stammkundin bei der Tafel, bis sie sich aber dazu durchgerungen hatte, verging einige Zeit. "Man schämt sich einfach, zur Tafel zu gehen", sagt sie. Dennoch ist sie froh, dass es diese Einrichtung gibt.
Viele holen sich einen Nachschlag Auch die Frau am Tisch neben ihr schätzt die gemütliche Atmosphäre im Seestadl: "Man steht nicht so unter Streß wie beim Tafel-Besuch. Es ist schön, mit den Leuten zusammen zu sitzen, mit denen man sonst immer ansteht bei der Tafel." Das Oktoberfest könnte sich die 67-Jährige, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, niemals leisten. "Ich habe große Schulden von meinem verstorbenen Mann geerbt", sagt sie. Arbeiten kann die arthrosegeplagte Frau nicht - bleibt nur noch die Grundsicherung über Hartz IV. So wie ihr geht es fast allen Gästen im Seestadl - das Leben hat sie schwer gebeutelt. Kein Wunder also, dass keine richtige Feierlaune aufkommt. Vielmehr konzentrieren sich die Gäste ganz auf ihr Essen. Eine Ausnahme bleibt, wer sich keine zweite Portion holt.
"Es ist superlecker", lobt Christian Waldau die Gerichte. Und freut sich, dass er hier sein kann. Das richtige Oktoberfest kommt für ihn als Tafel-Kunden nicht in Frage: "Das ist einfach zu teuer", sagt er. Auch Familien sind gekommen, darunter Mario Teich mit seiner Frau und den drei Kindern. Er lobt das Veranstaltungs-Konzept. "Ich finde, für bedürftige Menschen kann man nie zu viel tun. Gerade wenn Kinder von der Armut betroffen sind", sagt er. "Es ist sehr schwierig für uns als Familie."
Nach dem Essen sieht man zufriedene Gesichter und hört lobende Worte für den Koch. Dass das echte Oktoberfest eigentlich weit weg auf der Theresienwiese stattfindet, stört in diesem Moment niemanden mehr.