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Münchner Startups:Wer hip sein will, der kocht ein

Es gibt praktisch alles aus dem Glas, etwa Schmorgerichte, Saucen oder Suppen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Einwecken ist etwas für Omas? Von wegen. Die Methoden werden gerade wiederentdeckt und zum Geschäftsmodell.

Wie hat man sich das vorzustellen, eine Einkoch-Fabrik? Stehen da unzählige Omas an langen Reihen von Herden und rühren mit großen Kochlöffeln in riesigen Töpfen?

Schließlich handelt es sich um eine uralte Form der Konservierung von Speisen, die unsere Großeltern noch beherrschten, die alles eingemacht haben, was im eigenen Garten wuchs - damit man etwas zu essen hatte, wenn es mal knapp wurde.

Wenn die Münchner Einmacherei ihren Produktionstag hat, stehen allerdings keine Heerscharen von Großmüttern am Herd, sondern Monika Schuster und Anka Köhler, und die sind dann doch noch weit entfernt vom Oma-Alter.

Die beiden kommen aus der gehobenen Gastronomie, haben eine solide Ausbildung, "gemeinsam fast 50 Jahre Berufserfahrung" (Schuster) und zum Beispiel schon mit Eckart Witzigmann, Alexander Hermann und Alfons Schuhbeck gearbeitet. Vor vier Jahren haben sie dann zusammen in der Neuhauser Birkerstraße 7 die Einmacherei eröffnet. Die hat nur zweimal die Woche auf, freitags und samstags von 8.30 bis 19 Uhr.

Je nach Jahreszeit sind bis zu 50 Gerichte vorrätig

Längst könnten sie die ganze Woche aufmachen, das Geschäft gäbe das schon her. Aber das wollen sie nicht. "Wir haben ja noch andere Jobs, die uns Spaß machen", sagt Monika Schuster, die seit 20 Jahren selbständig als Food-Designerin für Buchverlage arbeitet. "Ich wäre ja bescheuert, wenn ich das einfach aufgeben würde."

Lars Schepp und Katharina Kupka von Gourmistas, bzw. crazyabouttaste GmbH&Co,KG

Hinter Gourmistas stehen Lars Schepp und Katharina Kupka .

(Foto: Florian Peljak)

Das ist aber nicht der einzige Grund, die beiden wollen ihrer Kreativität in der Küche auch Zeit lassen: "Wenn man das als Fulltime-Job macht, ist automatisch Druck da." So haben sie ihr Sortiment langsam und stetig entwickelt, 80 Gerichte haben sie im Repertoire.

Je nach Jahreszeit sind bis zu 50 immer vorrätig. Man glaubt gar nicht, was sich alles einkochen lässt: Rindsrouladen, Kalbsrahmgulasch, Oktopus, Rinderbackerl, Fischsuppe. Einer der Renner im Angebot ist die "Maurermarmelade": Leberwurst mit Piment.

Schuster und Köhler sind in München Pioniere eines Trends, der gerade so richtig Fahrt aufnimmt. Eingemachtes hat viele Vorteile. Die "Halbkonserven", wie das Lebensmittelrecht sie nennt, werden bei der Herstellung auf 70 bis 95 Grad erhitzt und pasteurisiert, die Nährstoffe bleiben so größtenteils erhalten.

Auch Hipster und Slow-Foodies haben das Einkochen entdeckt

Sämtliche Gerichte sind etwa drei Monate haltbar und müssen vor dem Essen meist nur kurz aufgewärmt werden. Die Liebhaber von bodenständiger, regionaler Küche haben ebenso wie Hipster und Slow-Foodies das Einkochen und Selbermachen entdeckt.

Galt das hausgemachte Kürbis-Chutney früher als Verlegenheitsmitbringsel zur Geburtstagsparty, das meist am Tag nach der Feier von der Dame des Hauses dezent und ungeöffnet in der Mülltonne entsorgt wurde, so erntet der Gast inzwischen bewundernde Blicke, wenn er mit dem Einweckglas aufkreuzt.

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Es gibt sogar richtige Tauschbörsen, bei denen junge, durchtrainierte Männer mit Hipsterbart und Dutt oder zarte Mädchen mit Blumenkränzen im Haar die Konserven Marke Eigenbau unters Volk bringen. "Food Swap" nennt sich so ein Ereignis, die Idee stammt aus den USA.

Die Sache ist ganz einfach: Man bringt etwas Selbstgemachtes mitsamt ein paar Kostproben mit zur Tauschbörse, bekommt eine Tauschkarte und kann dort aufschreiben, gegen welche anderen probierten Produkte man sein eigenes tauschen möchte. Am Schluss geht man dann mit neuen Gläsern nach Hause - wenn man sich einig wird.

In München findet der nächste "Food Swap" an diesem Sonntag von 17 bis 18 Uhr in der Mucca-Halle des Kreativquartiers statt (Dachauer Straße 112, Halleneingang 35). Zuvor kann man übrigens von 15 Uhr an lernen, wie Einkochen geht. Mitzubringen sind lediglich ein paar leere Schraubgläser, der Eintritt ist auch zur Tauschbörse frei.

Auch einfache Gerichte können genussvoll und qualitativ hochwertig sein

Was vor zehn Jahren noch als Küchentechnik für sparsame Altvordere belächelt wurde, scheint inzwischen also zum Hobby ernährungsbewusster Hipster aufgestiegen zu sein, die obendrein auch noch Tauschhandel cool finden. Solche archaischen Formen des Marktgeschehens rufen natürlich auch andere Player auf den Plan.

Etwa Katharina Kupka und Lars Schepp. Die beiden waren mal als Unternehmensberater und im Marketing großer Industrieunternehmen tätig, etwa beim Zigarettenhersteller Philip Morris. Nun haben sie ihre eigene Marke kreiert: "Gourmistas" heißt sie, und sie basiert auf Einkochgerichten.

Schepp sagt, während seiner drei Jahre in Madrid, wo man das Essen ganz anders wertschätze als hierzulande, sei ihm erst aufgegangen, "wie genussvoll qualitativ hochwertige, aber einfache Gerichte sein können".

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Der 52-Jährige gibt freimütig zu, dass man sich bei Monika Schuster, die ihren Laden nur ein paar Straßenecken vom Büro der Gourmistas entfernt hat, schon Inspiration geholt habe. Aber Schepp und seine Partnerin Kupka haben mit geradezu ausgekochter Perfektion eine richtige Marke mit allen Schikanen draus gemacht, so viel Berufsehre muss sein.

Ihr oberbayerisches Rindsgulasch, ihr Ratatouille mit Huhn oder ihre Brokkoli-Cashew-Suppe kochen sie nicht selbst, das übernehmen Fachleute wie der Biometzger Gottfried Heilmaier aus Waging am See oder auch zwei Spezialisten für vegetarische Suppen aus Unterbrunn bei Gauting. Das Ergebnis wird in Schraubgläsern ausgeliefert, zwischen 5,80 und 6,50 Euro kosten die Suppen.

Ganze Menüs aus der Mehrwegkühlbox

In einer eigens entwickelten Mehrwegkühlbox kann man sich sogar ganze Menüs inklusive Weinbegleitung liefern lassen. Mit dem Einzelhandel haben die beiden Gourmistas nichts am Hut. "Da wollen die Händler einen zu hohen Anteil", weiß Schepp, "das rentiert sich bei unseren geringen Mengen nicht." Man vertraut also auf die eigene Internet-Plattform www.gourmistas.de.

Überhaupt scheinen Unternehmensberater eine besondere Schwäche für Eingemachtes zu haben. Denn auch ein zweites Münchner Startup namens "Jarmino" wurde im November von zwei jungen Unternehmensberatern gegründet, die mal ihr eigenes Ding machen wollten.

Die Marke Jarmino betreiben Benedikt Gundel (li.) und Sebastian Unterhuber,

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Benedikt Gundel, 32, und Sebastian Unterhuber, 33, sagen, sie seien sozusagen aus persönlicher Betroffenheit auf den Dreh gekommen. Lange Bürozeiten am Schreibtisch, viele Dienstreisen mit dem Flieger: "Wir wollten uns gerne gesund ernähren, hatten jedoch weder die Zeit noch die Möglichkeiten, das umzusetzen", sagt Gundel.

So richtig Zeit dafür haben sie momentan eigentlich immer noch nicht, denn in ihrem Büro auf einem ehemaligen Fabrikgelände in Mittersendling sind sie gut beschäftigt. Es geht darum, ihre Produkte in 350-Gramm-Gläsern über die Website www.jarmino.de unters Volk zu bringen.

Die Manufaktur ist direkt hinter der Ladentür

Dabei haben festgestellt, dass Online-Werbung gar nicht der erfolgreichste Weg ist: "Für unser Angebot funktionieren Flugblätter und Wurfsendungen erstaunlicherweise am besten." Seitdem machen sie gerne lange Spaziergänge und bestücken Briefkästen.

Auch sie lassen produzieren, von einem Bio-Koch aus der Region, mit biologischen Zutaten, auch auf Unverträglichkeiten und besondere Ernährungsweisen wie vegan oder paleo ist man eingerichtet, eine Ernährungsberaterin ist mit im Team.

Die einzelnen Gerichte kosten zwischen 4,99 und 8,99 Euro, geliefert wird entweder in der Probierbox oder im Abo. Es gibt sogar ein Rundum-Sorglos-Paket für zwei Wochen vom Frühstück bis zum Abendessen, bei dem man sich wirklich um gar nichts mehr kümmern muss.

In Neuhausen findet sich die Einmacherei von Monika Schuster (rechts) und Anka Köhler.

(Foto: Stephan Rumpf)

Mit solchen Dingen kann die Neuhauser Einmacherei von Monika Schuster und Anka Köhler nicht dienen. Dafür kommt hier alles aus einer Hand, und die Manufaktur ist auch nicht irgendwo draußen in der Region, sondern direkt hinter der Ladentür.

Den Online-Shop gibt es natürlich auch (www.die-einmacherei.de). Aber es hat eben schon einen gewissen Charme, wenn man beim Gespräch mit Schuster von der Ladenklingel unterbrochen wird und eine Kundin hereinkommt, deren erste Frage lautet: "Was habt Ihr diese Woche Neues?"